Lehrermangel kurz vor Unterrichtsstart Die Lage an den Schulen im Rems-Murr-Kreis

Sabine Hagenmüller-Gehring, Leiterin des Schulamts in Backnang, zur Situation am Schulbeginn. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Backnang. Noch sind Ferien. Die währen schon sechs Wochen. Doch wer meint, im Schulamt in Backnang habe man auch die Taschen in die Ecke geschmissen, täuscht sich. Hier, in der Schaltzentrale des Schullebens im Rems-Murr-Kreis, wählt man sich die Finger wund. Es geht darum, bis zur letzten Minute Lehrerinnen und Lehrer zu finden.

Der Satz, den Sabine Hagenmüller-Gehring, die Leiterin des Schulamts in Backnang, sagen muss, klingt seit vielen Jahren gleich. Und Sabine Hagenmüller-Gehring hat sichtlich kein gutes Gefühl dabei: „Der Pflichtunterricht ist gesichert“.

Das heißt: Rein rechnerisch sind gerade so viele Lehrerinnen und Lehrer da, dass die Schulen den Unterricht, den sie anbieten müssen, auch anbieten können. Das heißt aber auch: Sobald jemand krank wird oder aus anderen Gründen ausfällt, fällt auch der Unterricht aus.

Wie viele fehlen? Diese Zahl ändert sich noch täglich

Wie groß die klaffende Lücke zur sicheren Unterrichtsversorgung ist, weiß noch niemand genau. Die Zahl ändert sich täglich. Letzten Montag waren es laut Liste rund 15. Doch seither sind jeden Tag Krankmeldungen oder Infos über Schwangerschaften im Schulamt eingelaufen. „Für Frauen im Mutterschutz haben wir schon einen Überhang eingestellt“, sagt Sabine Hagenmüller-Gehring und verkündet damit eine frohe Botschaft. Denn: „Das ging in den letzten Jahren gar nicht“. Mehr allerdings geht bislang auch in diesem Jahr nicht.

Es fehlen nach wie vor Grund- und Sonderschullehrer. Und in der Sekundarstufe, also in Werkreal-, Realschulen und Gemeinschaftsschulen, herrscht nach wie vor großer Mangel an Pädagogen in den Naturwissenschaften, in Französisch, Englisch, Musik und Hauswirtschaft. Wobei einzelne Schulen besonders betroffen sind, während andere entspannt ins neue Schuljahr starten können. Vor allem die Schulen, die weitab von der Bundesstraßen- und S-Bahn-Achse liegen, haben das Nachsehen. Ins Umland von Murrhardt beispielsweise kann das Schulamt kaum Lehrerinnen und Lehrer schicken. Und schon gar nicht von anderen Schulen abordnen, damit ein paar Unterrichtsstunden aufgefangen werden können. Der Weg ist zu weit, der Aufwand zu groß.

Krankheitsvertretungen werden gesucht

Es gibt nach wie vor keinen Ausweg aus der Misere. Denn wenn auch die Kapazitäten an den Pädagogischen Hochschulen für Studienanfänger erweitert worden sind – bis diese jungen Menschen den Schulen zur Verfügung stehen, dauert es noch Jahre. Die viel zu wenigen, die jetzt ihren Abschluss in der Tasche haben, können sich ihre Arbeitsstelle aussuchen. Sie bewerben sich oft an mehreren Schulen und picken dann die Rosine. Denn sie würden überall genommen werden. Tatsächlich bekam Sabine Hagenmüller-Gehring auch schon folgendes Angebot: Man würde ja an diese oder jene Schule gehen, an die das Schulamt so dringend jemand schicken möchte, „wenn Sie mir eine Wohnung haben“.

Manchmal sind besondere Lebensumstände dafür verantwortlich, dass junge, fertig ausgebildete Lehrerinnen oder Lehrer noch keine Stelle haben und sich beim Schulamt melden. Die „braucht man sofort“. Und im Schulamt telefoniert man sich die Finger wund: Wer könnte noch als Krankheitsvertretung einspringen? Da werden Lehrerinnen und Lehrer angerufen, die schon im Ruhestand sind, die in Elternzeit sind, die nur Teilzeit arbeiten und vielleicht noch um die eine oder andere Stunde aufstocken könnten. Und auch jene, die, aus welchen Gründen auch immer, beispielsweise das zweite Staatsexamen nicht gemacht haben. Die sogenannten „Nicht-Erfüller“. Am kommenden Montag werden die neuen Lehrerinnen und Lehrer vereidigt. Sabine Hagenmüller-Gehring hofft, dass ihre Zahl bis dahin noch ein bisschen ansteigt. Denn sie hat, neben der sowieso schon zu geringen Bewerberzahl, noch ein Problem: Die Kollegen werden immer jünger und immer weiblicher. Das heißt: Die Wahrscheinlichkeit, dass Schwangerschaften die Reihen ausdünnen, steigt und steigt.


Besonders großer Mangel

Der Rems-Murr-Kreis gehört, nach Angaben des Kultusministeriums, zu jenen Regionen, die mit einem besonders großen Lehrermangel zu kämpfen haben.

Ebenso ergeht es den Regionen um Esslingen, Konstanz, Tuttlingen, Rottweil, Schwarzwald-Baar und Waldshut.

Kultusministerin Susanne Eisenmann erklärte am Donnerstagnachmittag, dass in diesem Schuljahr die Zahl der offenen Stellen in den Schulen in Baden-Württemberg im Vergleich zum Vorjahr sogar noch gestiegen sei: von 700 auf jetzt 790 Stellen.

Eisenmann hatte am Donnerstag die Schulamtsleiterinnen und -leiter zum üblichen Gespräch nach Stuttgart gebeten. Auch Sabine Hagenmüller-Gehring hatte daran teilgenommen.

Die Verantwortung für den Lehrermangel weist Eisenmann weit von sich. Die Pensionierungswelle an den Schulen sei seit langem absehbar gewesen. Man hätte schon 2012/13 die Ausbildungskapazitäten für das Grundschulamt erhöhen müssen. Damals wurde das Kultusministerium von Gabriele Warminski-Leitheußer und Andreas Stoch, beide SPD, geleitet.

  • Bewertung
    13
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!