Leutenbach Darum trägt Bürgermeister Kiesl eine Schutzbrille

Jürgen Kiesl mit seiner Schutzbrille nach der Augenoperation: Das Arbeiten am Schreibtisch oder PC fällt ihm noch schwer. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Leutenbach. Es ist bewölkt, aber Jürgen Kiesl trägt trotzdem eine Sportsonnenbrille, was ist da mit unserem Bürgermeister los, fragt sich derzeit so mancher Bürger. Nein, der Schultes hat keinen Tick seit kurzem, sondern jüngst eine Augen-OP hinter sich gebracht. Die Brille, die er seitdem trägt und noch einige Zeit tragen muss, ist also eigentlich eine Schutzbrille.

Kiesl, 53, hat eine, wie er es ausdrückt, „anlagenbedingte“ Hornhautschwäche. Sie ist also genetisch bedingt und tritt in der Regel so mit etwa 30 Jahren zutage. Die Hornhaut unterliegt dabei einer fortschreitenden Verdünnung und kann im Extremfall sogar reißen. Folge ist, dass das Sehvermögen immer mehr nachlässt. Das lässt sich zwar ausgleichen, durch Kontaktlinsen. „Brille kann man da vergessen. Diese Verdünnung führt dazu, dass die Hornhaut irgendwann so zerfurcht aussieht wie die Alpen“, beschreibt Kiesl.

50 bis 60 Prozent Sehfähigkeit auf einem Auge

Bei ihm war die erste Transplantation kurz bevor er in Leutenbach Bürgermeister wurde. Mit Kontaktlinsen hatte er so auf einem Auge 100 Prozent Sehfähigkeit, auf dem anderen 50 bis 60 Prozent. Damit kam er in den mittlerweile fast 20 Jahren im Amt ganz gut zurecht und es hätte auch, wie er sagt, noch lange gutgehen können, mit normalen Acht- bis Zehnstunden-Arbeitstagen, aber nicht mit denen eines Bürgermeisters, wo er fast den ganzen Tag über die Kontaktlinsen tragen muss. Die Folge ist nämlich, dass sich die Blutgefäße immer mehr ins Auge ausweiten und irgendwann hätte man dann nicht mehr operieren, transplantieren können, so Kiesl.

Es sei bei der OP auch um Vorsorge gegangen, er habe nämlich die Hoffnung, dass er durch die Transplantation künftig auch auf dem zweiten Auge wieder zu 100 Prozent sehen kann und dann nicht mehr auf Kontaktlinsen angewiesen wäre, sondern es mit einer Brille gehe. Kontaktlinsen, die ständig getragen werden, hätten eben auch ihre Nachteile, Stichwort Pollen.

OP bei einer Koryphäe in Erlangen

Zur baldigen OP riet ihm eine hiesige Augenärztin. Es ging dabei aber auch um den optimalen, die Arbeit möglichst wenig beeinträchtigenden, Termin, und erst recht darum, ob überhaupt eine entsprechende Hornhaut durch eine Organspende zur Verfügung steht. Früher, in der Zeit seiner ersten Transplantation, erinnert sich Kiesl, erfolgte der erlösende Anruf in der Regel sehr kurzfristig, da musste es binnen Stunden in den OP-Saal gehen, weil eine Hornhaut damals nicht zu konservieren war. Heutzutage ist immerhin ein Vorlauf von zwei Wochen möglich. Die Augenärztin vermittelte ihn an einen Pionier, eine Koryphäe auf dem Gebiet, einen Professor in Erlangen. Vor Ostern kam der Anruf von dort, es sei soweit, Kiesl also an der Reihe.

Die Brille schützt das operierte Auge gegen Staub und Wind

Die OP fand natürlich unter Vollnarkose statt, hinterher, was aber normal sei, hatte er heftige Schmerzen, bekam dagegen Opiate. Ganz schmerzfrei sei er mittlerweile immer noch nicht, so Kiesl, „vor allem, wenn ich längere Zeit lese“. Ein Auge brauche nun mal lange, bis es wieder zusammengewachsen sei. Zweimal müssen Fäden entfernt werden, das erste Mal nach einem Jahr, das zweite Mal nach anderthalb Jahren. Vorerst muss er also die Schutzbrille, vor allem gegen Staub und sonstigen Dreck in der Luft sowie gegen Wind, tragen, für die er seine Radbrille verwendet, mit hellem Wechselglas, ohne Sonnenschutzfilter. Das eine „gesunde“, vor vielen Jahren operierte, Auge muss vorerst die Sehleistung alleine übernehmen. Das sei aber kein Problem, dieses Ungleichgewicht bei der „Arbeit“ der Augen sei er ja gewohnt, so Kiesl. Allerdings sei dieses Auge mittlerweile empfindlicher geworden. Er müsse deshalb schauen, dass er es in seiner Freizeit schont, möglichst nicht fernsieht, nicht liest. Sein Ausweg: Hörbücher. „Meine Erfahrung ist: Da bleibt mehr haften“.

"Lesen ist das Schlimmste, das darf ich eigentlich noch gar nicht"

Die Schutzbrille wird er etwa drei Monate tragen müssen – wenn das Auge bis dahin komplett abgeschwollen, ausgeheilt ist. Die Beeinträchtigung bei der Arbeit ist da, er werde in dieser Zeit seine Termine sehr bewusst auswählen müssen, so Kiesl. 18 mal am Tag das Auge tropfen, unter anderem mit Cortison, ist noch das geringste Problem. „Lesen ist das Schlimmste, das darf ich eigentlich noch gar nicht.“ Er hält sich natürlich nicht dran, sondern versucht, diese Phasen möglichst kurz zu halten, ehe es beginnt richtig wehzutun. Sein Trick: Er setzt im Rathaus zwischendrin immer wieder Besprechungen an. „Aber es wird jede Woche besser.“ Er sei nun mal Optimist. In die OP sei er mit Gottvertrauen reingegangen.


6000 Transplantationen

In Deutschland werden circa 6000 Hornhauttransplantationen jährlich durchgeführt. Der Bedarf ist allerdings höher. Die Hornhauttransplantation ist die bei weitem häufigste Organtransplantation weltweit.

Bei einer schweren Hornhautentzündung, die eine Vernarbung oder Ablösung der Hornhaut verursacht, kann eine Transplantation notwendig werden. Für diese wird die Hornhaut eines Spenders gebraucht. Die Verwendung künstlicher Hornhäute befindet sich noch in der Erforschung.

Die durchsichtige Hornhaut ist die äußere Begrenzung des Auges, die den Augapfel nach vorn abschließt. Man kann nur scharf sehen, wenn die Hornhaut durchsichtig und gewölbt ist. Jede Veränderung ihrer Klarheit zieht eine Verschlechterung des Sehvermögens nach sich. Sind erst einmal Eintrübungen vorhanden, bilden sich diese in der Regel nicht mehr zurück. Ab einem gewissen Stadium hilft daher nur noch der Austausch. Quelle: Technikerkrankenkasse

  • Bewertung
    9

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!