Leutenbach Ein Fotograf auf Tropfenfang

Im Kopf eines jeden Betrachters wecken die Fotos andere Vorstellungen und Fantasien Foto: Juergen Feiling

Leutenbach. Mit Wasser haben wir ständig zu tun. Wir lassen uns einen Kaffee raus, waschen uns die Hände, Regentropfen kleben an unserer Fensterscheibe. Doch wie sieht ein Wassertropfen eigentlich aus? „Unendlich faszinierend“, sagt einer, der dieser Frage nachgeht: Hobbyfotograf Jürgen Feiling aus Leutenbach geht mit der Kamera auf Tropfenfang und gerät in die Fänge allerlei wundersamer Gebilde, die eigentlich nicht zu sehen sind.

Als der Blitz aufzuckt, ist er auch schon wieder verschwunden. Zwei Sekunden später taucht links auf dem Monitor von Hobbyfotograf Jürgen Feiling ein faszinierend filigranes Gebilde auf, das nur ein paar tausendstel Sekunden existent war: Der Kunstflug eines Wassertropfens hinterlässt geheimnisvolle Krönchen, Teller, Kränze, Röckchen, Ringe, Säulen, Hüte, Stäbe. In einem Bild hat seine Frau Tänzerinnen gesehen. Auch Motive aus der Natur kommen einem in den Sinn: Libellen, Schmetterlingsflügel, Pflanzen. Für das menschliche Auge wären die bizarren Formen unsichtbar. Zu sehen ist der Trampolin springende Tropfen, der von der Oberflächenspannung des Wassers zurückgeschleudert wird, nur dank Feilings „selbst geschnitzter“ technischer Vorrichtung, bestehend aus einem Mikro-Controller und damit verbundener Magnetventile.

Tropfen auf Tropfen

Feilings fotografisches Ziel ist es immer, einen zweiten Tropfen einzubinden. Dafür gebe es einen Fachbegriff: TAT, Tropfen auf Tropfen. Seit eineinhalb Jahren sei er von dem Virus „High-Speed-Fotografie“ befallen: „Ich kann komplett abschalten, jeder Stress ist weg, denn mit Stress lässt sich kein Bild erzwingen“, sagt er. Mit geöffneter Blende und einer Engelsgeduld lauert er auf den „perfekten Moment“, wenn der von unten hochschießende und ein von oben fallender Tropfen sich treffen und zerplatzen. Im Moment ihres Verschwindens geben die Tropfen ihre bizarre, filigrane Ästhetik preis, die nicht von dieser Welt zu sein scheint, dabei ist Wasser das „Alltäglichste, was uns umgibt“. Bei seinen ballistischen Experimenten lernt Feiling viel über den alltäglichen Wassertropfen. „Ein Tropfen fällt kugelrund, er hat nicht die ovale Form mit Schwänzchen, die Kinder malen würden“, sagt er.

Der Stroboskop-Effekt helfe ihm dabei: Ausgelöst wird in der Sekunde, in der ein abgehackter Lichtblitz die unbeleuchtete schnelle Bewegung des fallenden Tropfens zu verlangsamen scheint. Diese von stroboskopigen Lichtzuckern eingefrorenen Momente liegen im Verborgenen außerhalb unserer Sinne, in einem optischen Vakuum, das unserem Blick entgehen würde. An seinem Pult mit PC, Mikrocontroller und Elektronikrelais überlistet Feiling die Optik und zaubert mit Hilfe von bis zu drei daran angeschlossenen Blitzen und Kameras spukhaft schnell fotografische Nachweise dieser vergänglichen Momentaufnahmen. Je nachdem, welche Regler seiner Steuerung er schiebt, verschiebt sich der Moment. Die Synchronisation von Tropf-Frequenz und Blitz-Abbrennzeit sei berechenbar, aber nie wiederholbar. 4000 Bilder hat er inzwischen gemacht. Keines ist gleich. „Kein Tropfen ist gleich – ähnlich wie Eiskristalle“, sagt er. „Ich habe noch nie zwei gleiche Bilder produziert, auch wenn ich zweimal hintereinander dasselbe mache.“

Action, Abenteuer und Empirie

Das Hobby sei Action, Abenteuer und Empirie zugleich. Eine zwanzigtausendstel Sekunde lang hat er Zeit für die Jagd nach dem perfekten Tropfen-auf-Tropfen-Moment. „Mit einer Kamera wäre es nicht zu machen – selbst Profiausrüstungen bekommen höchstens eine Belichtungszeit von einer achttausendstel Sekunde hin“, erklärt er. Die Kameraausstattung sei Nebensache, auch mit Makrofotografie habe der Sektor nichts zu tun, eine „hundsgewöhnliche Handykamera“ tue es auch. „Entscheidend ist der Blitz, der auf die Hundertstelsekunde genau auslösen muss. Um Bewegungsunschärfe zu vermeiden, darf der Blitz nicht in voller Leistung abbrennen“, beschreibt Feiling eine weitere „Stellschraube“.

Arbeit mit Milchtropfen erzeugt „richtig viel Sauerei“

Er muss sich genau überlegen und ausrechnen, wie er das Bild anordnet, aus welchem Winkel der Tropfen fällt und wann er den zweiten trifft. Vieles läuft über Ausprobieren und Beobachten. Entdecker Feiling muss sich jeden Schritt im „Versuch und Irrtum“-Verfahren hart erarbeiten. „Man benötigt eine gewisse Frustrationstoleranz und Übung“, meint er. Jede kleinste Bewegung, sogar ein Lufthauch beim Öffnen der Tür oder beim Sprechen, habe Einfluss auf den Tropfen.

Bisweilen plage ihn ein Batterieproblem, seltener ein Flüssigkeitsproblem. „Richtig viel Sauerei“ mache allerdings die Arbeit mit Milchtropfen – wenn er also statt Wasser Milch verwendet, weil sie höher geschleudert wird und dem Werk schönere Krönchen aufsetzt. „Manchmal putze ich eine Stunde wegen eines Bildes“, erzählt Jürgen Feiling. „Richtig viel Zeit“ aber fresse die Bildauswahl hinterher. Er behält nur jene Bilder, in denen eine Wasserfontäne gleichmäßig aufsteigt, vieles wandere in die Tonne.

Jedes Eintauchen eines Tropfens bedeutet für ihn Abtauchen und Abschalten in eine andere Welt. „Wie stelle ich meine Ventile ein, welche Farbe nehme ich? Da vergeht die Zeit, ganz ohne Druck.“

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