Mafia im Rems-Murr-Kreis Die Forderung: Rund tausend Jahre Haft für Mafiosi

Operation Styx: Im Januar 2018 verhaftete die italienische Polizei rund 170 Männer, die im Verdacht stehen, Mitglieder oder Helfer der kalabrischen Mafia Ndrangheta zu sein. Die juristische Aufarbeitung der Aktion läuft derzeit. Foto: Arma dei Carabinieri

Winnenden/Catanzaro. 14 Jahre Haft fordert die Staatsanwaltschaft im kalabrischen Catanzaro für Mario L. und 12 Jahre für Domenico P. – die beiden Gastronomen aus dem Rems-Murr-Kreis sollen eine wichtige Rolle bei den Umtrieben der kalabrischen Mafia Ndrangheta im Stuttgarter Raum gespielt haben.

Am 9. Januar 2018 schritt die italienische Polizei in der Provinz Crotone, Kalabrien, zur Massenverhaftung, gleichzeitig leisteten deutsche Polizisten Amtshilfe und nahmen auch im Rems-Murr-Kreis mutmaßliche Mitglieder oder Helfer des Ndrangheta-Clans Farao-Marincola fest. Rund 170 Männer gingen den Ermittlern ins Netz, Bosse und Handlanger, Unternehmer und Politiker bis hin zu Bürgermeistern aus der Region Crotone. Die Liste der Vorwürfe reichte von Drogenhandel und Mordversuch bis zur Unterwanderung der kalabrischen Verwaltung, um Aufträge – Müllentsorgung, Holzeinschlag und anderes – für Ndrangheta-Firmen zu monopolisieren.

Jetzt ist die juristische Aufarbeitung dieser sogenannten Operation Stige (italienisch für den Unterweltfluss Styx) angelaufen; und zwar spektakulär. Während früher in Italien nach Verhaftungswellen oft viele bald wieder auf freiem Fuß waren, scheint der Schlag diesmal gründlichst vorbereitet gewesen zu sein. Zwar sind einige Verdächtige mittlerweile nicht mehr in Haft, auch zwei aus dem Rems-Murr-Kreis. Aber gegen etwa 100 wird in einem sogenannten verkürzten Verfahren verhandelt, und die Staatsanwaltschaft geht dabei in die Vollen: Sie hat zusammengezählt fast tausend Jahre Haft beantragt, von acht Monaten bis zu 20 Jahren. Gegen weitere Verdächtige läuft seit Anfang März ein ausführlicherer Prozess. Welche „Jahreszahlen die Italiener aufrufen“ und wie schnell das alles geht – das erstaunt auch Martin Lang, Leiter der Inspektion Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt in Stuttgart. „Da wird uns in Deutschland schwindlig.“

Mario L. schien unangreifbar – bis zur Operation Styx

Im Schnellverfahren hat die Anklage 14 Jahre für Promi-Wirt Mario L. gefordert und 12 für Domenico P. aus Fellbach. Was wird ihnen vorgeworfen? „Es geht unter anderem um die Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation nach Art der Mafia“, sagt Lang. „Wenn das so greift, ist es ein Hammer.“ Solche Strafen seien in Italien in speziell gesicherten Mafia-Gefängnissen voll abzusitzen. „Das tut richtig weh.“

Ein Meilenstein ist die Operation Stige auch, was die deutsch-italienische Zusammenarbeit betrifft. Erst unlängst, sagt Lang, habe es eine gemeinsame Konferenz gegeben; mit am runden Tisch: Staatsanwälte, Finanzermittler, Kripo-Spezialisten, Carabinieri aus beiden Ländern. Lang hofft, dass der Informationsaustausch immer „geschmeidiger“ funktionieren wird. Das ist wichtig. Denn wer gegen die Ndrangheta ermittelt, brauche „viel Geduld und langen Atem“, bis sich „wie ein großes Puzzle“ aus weit verstreuten Einzelteilen ein Bild zusammensetzen lässt. Der Fall Mario L. ist dafür ein Musterbeispiel.

Mario L. im Rems-Murr-Kreis

Mario L., geboren 1956 in Mandatoriccio, Kalabrien, war im Rems-Murr-Kreis so etwas wie eine öffentliche Persönlichkeit. Er betrieb Pizzerien, unter anderem gehörte die im Winnender Gesundheitszentrum zu seinem Einflussbereich, auch auf Mallorca soll er ein Lokal gehabt haben und in Kalabrien eine große Ferienanlage. Wenn der als charmant geltende L. in Fellbach zu kalabrischen Abenden lud, in die Alte Kelter oder die Schwabenlandhalle, war es für viele eine Ehre, dabei zu sein. Auch der eine oder andere Rems-Murr-Prominente wurde nach Informationen unserer Zeitung dort gesichtet. Lang findet es „bemerkenswert“, wie gründlich Mario L. „in der Gesellschaft angekommen“ war – obwohl es „Verdachtsmomente“ gegen ihn seit „mehr als 30 Jahren“ gab, seit Ende der 80er.

Anfang der 90er Jahre betrieb L. ein Restaurant in Weilimdorf, zu den Stammkunden gehörte der CDU-Politiker Günther Oettinger. Er ließ den Gastronomen mehrere kalabrische Abende für die CDU-Landtagsfraktion ausrichten. Mario L. soll dafür, umgerechnet in heutige Währung, rund 20 000 Euro erhalten und im Gegenzug Tausende Euro an die Partei gespendet haben.

1994 entkam Mario L. einer Verurteilung in Deutschland, indem er 1,3 Millionen Steuerschulden nachzahlte – kurz darauf aber folgte die Auslieferung nach Italien und ein Prozess am Schwurgericht Cosenza. Ergebnis: Auch wenn man „als bewiesen annehmen“ könne, dass Mario L. Beziehungen zur Führung der Ndrangheta in Crotone gepflegt habe – es fehle der Nachweis, dass er selbst Ndrangheta-Mitglied sei.

„Graue Eminenz“ 

L. wurde entlassen und kehrte nach Deutschland zurück. Die investigativen Journalisten David Schraven und Maik Meuser schrieben in ihrem Buch „Die Mafia in Deutschland“: Mario L. gelte als „graue Eminenz“ für die Deutschlandgeschäfte des Ndrangheta-Clans Farao-Marincola.

Noch 2016 aber pilgerten honorige Persönlichkeiten zur rauschenden Feier seines 60. Geburtstages. Kann all denen, die sich da in seinem Glanz sonnten, verborgen geblieben sein, dass den Mann ein Ruch umwehte? Sicher, juristisch galt die Unschuldsvermutung, und sie gilt weiter bis zu einer Verurteilung. Nur: Niemand war gezwungen, die Nähe förmlich zu suchen.

„Er schien unangreifbar“, sagt OK-Experte Martin Lang. Erst jetzt sehe es so aus, als sei „der Mythos zerstört“.

Nicht ganz so bekannt war Domenico P., Jahrgang 1970, aus Cirò Marina, Betreiber eines Lokals in Fellbach. Auch gegen ihn aber gärte schon lange der Verdacht. 2005 fiel dem Bundeskriminalamt auf: In jener Kneipe habe sich eine interessante Hinterzimmerrunde getroffen. Unter anderem dabei: Domenico Ps Bruder, angereist aus Kalabrien; ein Mann, den die Ermittler der Mitgliedschaft in der sizilianischen Cosa Nostra verdächtigten; und Mario L.


Und nun?

Wird die derzeit in Italien abrollende prozessuale Aufarbeitung der Operation Stige auch Erkenntnisse für Deutschland abwerfen, neue Ermittlungsansätze zu Ndrangheta-Umtrieben im Großraum Stuttgart liefern, weitere Verdächtige in den Fokus rücken? Es könnte aufgrund der Operation Stige zu polizeilichen Folge-Aktionen kommen, „da muss man kein Prophet sein“, sagt Martin Lang. Ob allerdings einer der bislang Verhafteten mit den italienischen Behörden kooperieren, auspacken, sich als Kronzeuge andienen wird, „bleibt abzuwarten“, wägt der Inspektionsleiter Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt. Dass der eine oder andere der aktuell Angeklagten sich selbst schuldig bekennen wird, mag sein – dass „sich jemand weit aus dem Fenster lehnt und rechts und links was sagt“, sei unwahrscheinlich. Denn „die Angst spielt mit“: Ein Kronzeuge lebt gefährlich.

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