Maria 2.0 in Waiblingen Frauen fordern Gleichstellung in der Kirche

Von links: Verena Orlamünder-Volk, Christine König und Julia Wernecke. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen. Frauen in der katholischen Kirche zahlen genauso Kirchensteuern wie ihre Männer – doch zu sagen haben sie nichts. An den Schaltstellen sitzen Männer, und bisher deutete wenig darauf hin, dass sich das so schnell ändert. Nun aber wollen sich Frauen nicht länger den Mund verbieten lassen. Deutschlandweit prangern sie unter dem Stichwort Maria 2.0 Ungerechtigkeit und Missstände in der Kirche an. Mit dabei sind Frauen in St. Maria Neustadt.

Ausgehend von einem Lesekreis in der Gemeinde Heilig Kreuz in Münster wenden sich katholische Frauen und Männer in einem offenen Brief direkt an den Papst. Gefordert wird unter anderem, dass Missbrauchstäter in der Kirche keine Ämter mehr ausüben dürfen und sie automatisch an weltliche Gerichte überstellt werden. Frauen müssten Zugang zu allen Ämtern der Kirche haben, das Pflichtzölibat müsse aufgehoben werden. Stattdessen habe sich die kirchliche Sexualmoral an der Lebenswirklichkeit der Menschen auszurichten. „Frauenlob wird gerne von Kirchenmännern gesungen, die aber allein bestimmen, wo Frauen ihre Talente in der Kirche einbringen dürfen“, schreiben die Initiatorinnen. Geduldet werde von den Kirchenmännern aber nur eine Frau: „Maria. Auf ihrem Sockel. Da steht sie. Und darf nur schweigen.“ Gleichzeitig rufen die Initiatorinnen vom 11. bis zum 18. Mai alle Frauen auf, in einen Kirchenstreik zu treten. Das bedeutet: keine Kirche mehr zu betreten und keinen Dienst zu tun. „Wir werden informieren und diskutieren und deutlich machen, dass jetzt die Zeit ist und die Stunde, um zu handeln“, schreiben die Verantwortlichen in Münster.

„Wir rufen Frauen und Männer dazu auf, aufzustehen“

Zeit zu handeln ist es auch nach Ansicht der Frauen in St. Maria Neustadt. Allerdings treten sie nicht in einen Streik, sondern mit einer Aktion im Gottesdienst für einen sichtbaren Wandel in der Kirche ein. Nach der Predigt am Sonntag werden Plakate mit Bildern aktiver Frauen in der Kirche entrollt und deren Biografien vorgestellt. „Wir rufen alle Frauen und Männer dazu auf, aufzustehen“, sagt Julia Wernecke, Lehrerin am Büchner-Gymnasium in Winnenden und ehrenamtliche Mitarbeiterin in St. Maria. Ganz bewusst wollen die Frauen ihre Kirche nicht verlassen, sondern mittendrin die Stimme erheben, um für ihre Forderungen einzutreten: „Wir fordern die Gleichbehandlung von Frauen auf allen Ebenen der Kirche und die Abschaffung des Zölibats“, so Wernecke.

Die Ausgrenzung von Frauen und von nicht zölibatär lebenden Männern empfinden die Frauen nicht nur als krasse Ungerechtigkeit, sondern auch als Verschwendung wertvoller Potenziale. „Unser Grundziel ist der Fortbestand der Seelsorge“, sagt Christine König, die sich wie Julia Wernecke und ihre weitere Mitstreiterin Verena Orlamünder-Volk ehrenamtlich engagiert. Wie viele Frauen in der katholischen Kirche hatten sie im Laufe der Zeit viele ehrenamtliche Jobs in der Gemeinde, von der Erstkommunionsvorbereitung über den Dienst als Lektorin bis zur Organisation der jährlichen Sternsingeraktionen. Für diese Dienste werden Frauen gebraucht. Doch als Seelsorgerinnen sind sie nicht gefragt.

Die Hälfte der Potenziale geht verloren

Dabei sei die Seelsorge das Wertvollste, das die Kirche zu bieten habe, bleibe aber angesichts der überlasteten und immer älter werdenden Pfarrer mehr und mehr auf der Strecke. Frauen, glaubt Christine König, könnten als Pfarrerinnen in der Seelsorge ganz neue Impulse bringen. „Im Moment geht mehr als die Hälfte der Potenziale verloren“, bedauert Julia Wernecke: „Alle Frauen, aber auch viele Männer.“

Am Sonntag im Gottesdienst soll deshalb ein Zeichen gesetzt werden. „Frauen werden in der Kirche mundtot gemacht“, empört sich Christine König. „Aber wir machen den Mund auf.“ Dass es mit einer Aktion nicht getan sein wird, wissen sie genau. „Wir müssen dran bleiben“, sagt Verena Orlamünder-Volk. Die Impulse für eine neue Kirche sollen auch über den Gottesdienst hinaus weiterwirken. Die Aktion der Frauen in Neustadt findet im Gottesdienst am Sonntag, 12. Mai, um 9.45 Uhr, in der katholischen Kirche St. Maria statt. Im Anschluss gibt es Gelegenheit zum Austausch und zum Gespräch.


Eine Frage der Glaubwürdigkeit

In einem offenen Brief wenden sich Frauen aus der Seelsorgeeinheit Neustadt-Hohenacker an Bischof Gebhard Fürst, Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sie zitieren Thesen, die 2017 in Osnabrück auf einem ökumenischen Kongress formuliert worden waren. Unter anderem heißt es darin: „Nicht der Zugang von Frauen zu den kirchlichen Diensten und Ämtern ist begründungspflichtig, sondern deren Ausschluss.“

„Wir werden die Geschlechtergerechtigkeit bei der Übernahme und der Ausübung kirchlicher Ämter zum Prüfstein der Glaubwürdigkeit der Verkündigung des Evangeliums machen.“ (...)

„Wir werden die theologischen Gespräche über die Präsenz von Frauen in allen kirchlichen Ämtern mit der Zielsetzung einer Verständigung in den verbleibenden Kontroversen fortsetzen.“

„Wir werden dem kritischen Gespräch mit den verantwortlichen kirchenleitenden Persönlichkeiten über alle Formen des ordinierten Amtes nicht ausweichen. In ökumenischer Gemeinschaft setzen wir uns für die Ordination von Frauen zu Diakoninnen, Presbyterinnen, Priesterinnen und Bischöfinnen ein.“ (...) „Wir werden uns im Bereich unserer Verantwortung für eine zunehmende Beteiligung von Frauen in leitenden Funktionen und Ämtern einsetzen. Wir streben eine Kultur der Partnerschaft in allen Bereichen an.“

Die Waiblinger Frauen unterstützen die Forderungen von Maria 2.0 und fordern den Bischof, sich für die Priesterweihe von Theologinnen und von Männern einzusetzen, die jahrelang kirchlichen Dienst versehen haben und von ihren Gemeinden angenommen sind („viri probati“). Außerdem bitten sie Fürst, sich für die Aufhebung des Pflichtzölibates und für die Wiedereinsetzung von Priestern, die aufgrund ihrer Heirat den priesterlichen Dienst verlassen mussten, starkzumachen.

Der Brief liegt in der Kirche und im Pfarrbüro aus und kann dort unterschrieben werden.

  • Bewertung
    6
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!