Marius Loy Der Genuss beginnt in der Vorfreude

 Foto: Pierre Jarawan

Als ich die Küche im Haus meiner Eltern betrete, fällt mir auf, dass das Parkett unter meinen Socken rutschig ist: Das muss das an allen glatten Oberflächen des Raums kondensierende Fett sein. In die Luft entstiegen aus der honigglasierten Ente, vom überbackenen Kartoffel-Birnen-Gratin, von der für den Vorspeisenraviolo zerlassenen Butter, aus den schwitzenden Schokotörtchen mit der warmen Kirsche obendrauf.

Der Herd hat sechs Kochfelder, das sind mindestens drei zu wenig: Der Drang, die Deckel aller Töpfe von ihren Unterteilen zu heben, um die vielen Gerüche aufzunehmen – erst jeden für sich und dann in einer die menschliche Nase überfordernden Fülle alle auf einmal – ist unwiderstehlich, wenn mein Vater zu Weihnachten kocht.

Allein die Farbpalette der vielfältigen Soßen wäre breit genug, um ein impressionistisches Stillleben damit zu malen, und Tartar verschiedener Fische friert neben leichtem Weißwein im Kühlschrank.

Das aus der Vorerwartung erwachsene Glücksgefühl ist maßlos, der Genuss beginnt in der Vorfreude.

Ich, Sohn eines weltgewandten, doch christlichen Elternhauses, habe schon früh gelernt, das Weihnachtsfest mit umsichtigen und bedächtigen Vokabeln zu erfassen: Besinnlichkeit, Demut, Dankbarkeit. Obschon löblich und edel, wollte das nie so recht umfassend passen zu den rauschenden Familienfesten zwischen den Jahren, die mir immer so viel Freude bereiten.

Dass ich, bekennender Freund des Genusses, schon lang die immer gleichen händeringenden Ausrufe der Selbstkasteiung höre in den Tagen nach dem Fest, befremdet mich immer wieder neu: Ei, was hab’ ich zu viel gegessen; oh, was hab’ ich zu viel getrunken; ab morgen nur noch Knäckebrot bis Neujahr! Die großen Prälaten einer edlen Bescheidenheit erinnern uns jedes Jahr aufs Neue mit hoher Augenbraue und katholischem Zeigefinger, worum es nicht geht zu diesem Fest: nicht um die große Tafel, nicht um das gute Essen, nicht um die Weinseligkeit.

Warum eigentlich nicht?

Zu einer Zeit im Jahr, die uns den uns zusammenbringenden Genuss nicht nur erlaubt, sondern geradezu gebietet, ist es doch befremdlich, wie schwer wir uns tun mit dem leichtherzigen Genießen: Die Brigitte kennt eintausend Rezepte für den „Genuss mit gutem Gewissen“, und ich glaube, ich will wütend werden über dem Gedanken, dass Genuss einem ein schlechtes Gewissen verdient, wenn man ihn sich nicht homöopathisch dosiert.

Für seine Freuden ist freilich ein jeder selbst in der Verantwortung. Wer nicht kocht, hat kein Recht, zu fordern, sondern die Pflicht, die Küche zu loben oder selig zu schweigen. So einfach ist das.

Aber das eine, das können wir uns doch eigentlich alle mal schenken: das schlechte Gewissen zwischen den Jahren. Diät machen wir schon früh genug wieder.

Nächstes Jahr vielleicht.

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