Marvin Ruppert Das wäre doch nicht nötig gewesen

Wer bei der Auswahl und Gestaltung auf dem Teppich bleibt und dazu damit rechnet, nichts, aber auch nichts zurückzubekommen als ein Dankeschön, trifft die bessere, angemessenere Entscheidung und setzt niemanden unter Druck. Und kann noch immer positiv überrascht werden. Denn am Ende sollten Geschenke kein Beziehungstest, kein Wettbewerb, keine Selbstdarstellung sein, sondern vor allem: etwas Schönes. Foto: Marvin Ruppert

Geschenke sind etwas Schönes. Wir zeigen, dass wir unsere Liebsten kennen und schätzen und finden, sie könnten ruhig öfter frische Socken tragen – ja, Stefan, ich meine dich.“

Geschenke sind aber auch eine echte Verpflichtung und ein Gradmesser für Beziehungen: Selten wird so deutlich, dass Menschen ihre Freundschaft unterschiedlich wichtig nehmen, wie in dem Moment, in dem der eine dem anderen einen neuen Motorradhelm mit personalisierter Gravur schenkt und dafür einen kaum angenagten Werbekugelschreiber von Ratiopharm bekommt. Um das zu verhindern, wird sich verausgabt und übernommen – nur nicht knausrig erscheinen, nur niemanden vor den Kopf stoßen! – Ein Teufelskreis der monetarisierten Nächstenliebe.

Nun haben wir in der Familie glücklicherweise das Wettrüsten bei den Gaben aufgegeben. Es gibt passende, nützliche Dinge in einem bescheidenen preislichen Rahmen, dazu ausführliche persönliche Karten, die das eigentliche Geschenk darstellen. Über die Jahre werden alle gleichmäßig bedacht, es herrscht Entspannung. Eigentlich.

Denn kaum ist diese Front befriedet, tut sich eine neue auf: Das Verpacken der Darreichungen hat, Internet und Bastelmagazinen sei Dank, das Sich-Überbieten bei den Präsenten abgelöst. Auf einmal werden dekorative Sterne aufgeklebt, verschiedene Papiere kombiniert, raffinierte Falttechniken verwendet, die immaterielle Gabe „Zeit“ wird so zur harten Währung.

Wie, du hast mein Geschenk im Laden verpacken lassen? Bin ich dir so wenig wert? Sieh her, ich habe dein Mitbringsel in selbst geschöpftes Büttenpapier eingeschlagen, deinen Namen in LEDs daraufgeklebt, dann einen Schwan aus deiner Lieblingsschokolode geschnitzt und ihm ein Holzherz mit einem Foto von uns darauf in den Schnabel gesteckt. Ja, das eigentliche Geschenk ist bloß ein neuer Satz Scheibenwischer, aber siehst du nicht, wie viel du mir bedeutest … ?

Ich finde das kontraproduktiv. Wer schenken will, der frage sich: Um wen geht es mir? Um die Person, der ich etwas Gutes tue, oder um eine Darstellung meiner selbst als großzügigem, herzlichen Menschen?

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