Mary Roos in Stuttgart Abschied von der Helene Fischer der Bronzezeit

Stuttgart - „Manchmal bin ich kokett“ – solch einen Satz kann sie noch singen, in der Tat, ohne dass dies nur ein bisschen peinlich wirkt. Am 9. Januar wurde Mary Roos 70 Jahre alt; seit 61 Jahren steht sie auf der Bühne. Nun gibt sie ihre Abschiedstour, verspricht: „Ich werde nicht wiederkommen“.

Der Hegelsaal der Liederhalle ist nur etwa zur Hälfte gefüllt, als sie dort Station macht, am Samstagabend – jene, die gekommen sind, begeben sich mit Mary Roos auf einen Streifzug durch die Jahrzehnte, erleben den deutschen Schlager einmal von seiner tatsächlich besten Seite, mit einer Interpretin, die unsentimental und lebensfroh aus der vollen Nostalgie schöpft, emotional anrührt, immer wieder auch herzhaft albern, selbstironisch und vergnügt auftritt und singt mit einer Stimme, die nichts verloren hat von ihrer Wärme und Geschmeidigkeit.

Eine Reise durch die Welt des Schlagers

Sie war nicht immer blond. Im Hintergrund ihrer Stuttgarter Bühne leuchten oft Farben, Muster, die zu jener Epoche ihrer Karriere gehören, an die sie gerade erinnert. Oft leuchtet dort aber auch das Bild eines Fernsehgerätes, sehr alt und fremd in einer Zeit der Flachbildschirme. Darauf erscheint die Mary Roos früherer Tage: in Schwarzweiß und den Kleidern der 1960er, später dann in Farbe, in Latzhose und großgrünkarriertem Hemd, und immer, damals, sehr brünett. Die Farbe hat sie längst gewechselt, ihr Haar jedoch ist echt – mach ein Fans wollte ihr das nicht glauben. Mary Roos erzählt von Menschen, die ihr die Perücke vom Kopf ziehen wollten. Und sie lacht.

Humor beweist sie auch in der Show „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“ mit Wolfgang Trepper, einem Todfeind des deutschen Schlagers. Dort hat sie sich einen Spitznamen geholt, für den sie sich gar nicht schämt: „Die Helene Fischer der Bronzezeit“. Und dort sang sie den sehr selbstironischen Chanson, den sie nun auch bei ihrer Abschiedstour singt: „Wie lange woll‘n Sie das noch machen, Frau Roos? Sind Sie der neue Johannes Heesters?“

Schrille Kostüme, Frisuren und Brillen

Viele ihrer Lieder wurden bekannt gemacht von anderen Sängerinnen, manche kannte man zuvor in englischer Sprache. 1985 coverte Mary Roos einen damals noch ganz frischen Song von Modern Talking. „You‘re my Heart, you‘re my Soul“ hieß bei ihr „Ich bin stark, nur mit Dir“ – dazu hat sie ein Musikvideo ausgegraben, das staunen macht, mit Kostümen, Frisuren, vor allem mit den schrillen Brillen.

Ganz schlicht und selbstverständlich wechselt Roos von heiteren Erinnerungsstücken zu den ernsten und gefühlvollen Liedern. Geboren wurde sie unter dem Namen Rosemarie Schwab; seit sie 1981 den Musiker Werner Böhm („Gottlieb Wendehals“) heiratete, heißt sie Böhm. Ihrem Sohn Julian widmete sie 2005 ein Lied und singt es nun für ein still lauschendes Publikum. Die Ehe war nicht von Dauer – „Bei mir hat‘s ja leider nicht geklappt“, sagt sie – aber anderen wünscht sie doch das Beste. Vor ihrem Stuttgarter Konzert erreichte Mary Roos die E-Mail eines Paares, das am selben Tag Hochzeit feierte. Natürlich möchte sie das Paar kennen lernen – zunächst rührt sich nichts im Saal, dann erheben sich zwei Männer.

Virtuelles Duett mit Mark Forster

„Aufrecht gehn‘“ sang Mary Roos 1984, „Rücksicht“ sang sie 1997, „So leb‘ dein Leben“, ihre Version von Sinatras „My Way“, sang sie schon 1970 – drei Stücke aus denen sie nun wieder ein Medley macht, bei dem ihre Fans begeistert Luft holen. 2015 ließ sie sich ein Lied von Pe Werner schreiben – „Unbemannt“, so heißt es. „Meine Herren, sie müssen jetzt sehr stark sein“, kündigt Mary Roos es an – „Was sonst noch dran hängt an einer Krawatte“, singt sie dann, „das hab ich hinter mir.“ Und trotzdem schlendert sie durch den Saal und sucht sich dort einen Mann aus, den sie mitnimmt auf die Bühne, mit dem sie tanzt, wie Damen ihres Alters selten tanzen.

Im Frühjahr 2018 nahm Mary Roos teil an der Musikshow „Sing meinen Song“, und tauschte ihre Lieder mit viel jüngeren Kollegen. Nun hat Mark Forster einen virtuellen Auftritt im Hegelsaal, singt mit ihr das Stück, mit dem sie 1972 den dritten Platz machte bei einem Wettbewerb, der damals noch Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß: „Nur die Liebe lässt uns leben“. Mary Roos singt auch ein Lied von Forster, singt „Nur ein Wort“ von Wir sind Helden, singt, als letztes Stück vor ihrer Zugabe, „Spinner“ von Revolverheld. Ein wenig zeigt sich dabei auch, was sie den Jüngeren voraus hat: dick auftragen braucht sie nicht. Sie fließt dahin und strahlt dabei.

Sie schwebt im fein gewobenen Easy Listening

Eine Band mit Bläsergruppe, Keyboard, Gitarren, Schlagzeug begleitet sie. Nur einmal schert Mary Roos mit ihr aus, wenige Minuten fließen Spuren von Techno, Clubmusik ein – den ganzen Rest des Abends schwelgt sie im fein gewobenen Easy Listening, lässt sich umgarnen von kleinen Soli der akustischen Gitarre und des Saxofons. Ihr quirlig frecher und kein bisschen kleinlauter Charme, ihre herzhaft unverschämte Redseligkeit und ihre schöne Stimme tragen durch das Konzert.

Der Applaus, der Mary Roos schließlich im Foyer der Liederhalle empfängt, ist fast so groß wie eben noch, als sie dort auf der Bühne stand. Und wer ihre Unterschrift nach Hause tragen möchte, muss sich gedulden: die Wartenden füllen den Raum ganz aus.

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