Medizin und Lebensmittel per Hubschrauber Waiblinger hilft Menschen in Not

Die Bevölkerung erwartet die Landung des Hubschraubers. Foto: Matthias Reuter

Waiblingen. Per Helikopter bringt „Mercy Air“ Hilfe zu notleidenden Menschen im Süden Afrikas, die auf dem Landweg nicht erreicht werden. Seit einigen Wochen hat die Schweizer Hilfsorganisation mit christlichem Hintergrund einen deutschen Ableger. Vorsitzender von Mercy Air Deutschland ist der Waiblinger Hobbypilot Armin Krämer.

Ob in abgelegene Buschregionen oder in überflutete Notstandsgebiete: „Mercy Air“ hilft da, wo sonst keine Hilfe mehr hinkommt. Hubschrauber sind dafür nach Meinung des passionierten Piloten Armin Krämer das perfekte Mittel, denn: „Sie brauchen keine Landebahn und können Außenlasten von knapp einer Tonne tragen.“ Nicht zu unterschätzen der Faktor Geschwindigkeit: Bereits zehn Flugminuten im Helikopter ersparen ein bis zwei strapaziöse Tagesmärsche. Die Flugbasis befindet sich in White River im Nordosten von Südafrika. Von dort aus sind auch Nachbarländer wie Mosambik mit dem Sambesi-Delta, Simbabwe und Botswana gut erreichbar. An Bord haben die Helikopter Lebensmittel, Medikamente und medizinisches Personal.

Mehr als 500 Behandlungen an einem Tag

Zu den Einsatzkräften gehört etwa der Chirurg Dr. Armin Friedrich, der ein gut ausgerüstetes Krankenhaus im Erzgebirge gegen die Helikoptermission in abgeschiedenen Buschdörfern eintauschte. Er schildert einen Einsatz im Sambesi-Delta: „An einem einfachen Holztisch werden Impfungen und Medikamente verabreicht sowie zahlreiche Kinder und Erwachsene gegen Wurmkrankheiten und Blutarmut behandelt. An einem weiteren Tisch kommen Patienten mit ihren Beschwerden wie Schmerzen und Fieber.“ An nur einem Tag wird bei 79 getesteten Menschen 74-mal Malaria festgestellt. Die Patienten erhalten die Medikamente mit symbolischer Beschriftung und einer ausführlichen Erklärung, da viele nicht lesen können. Bis zum Ende des Arbeitstages werden 41 Säuglinge gewogen und mehr als 500 Behandlungen und Untersuchungen durchgeführt.

Flugbegeisterte Unternehmer als Großspender

Anders als der Arzt aus Thüringen zählt der neue Vorsitzende aus Waiblingen zum Bodenpersonal. Dennoch hat der 52-jährige Armin Krämer schon in jungen Jahren die Fliegerei als Leidenschaft mit Suchtpotenzial entdeckt. „Es gab Zeiten, da war mir das Fliegen wichtiger als die Familie“, gesteht der Vater zweier Kinder. Dem Christlichen Pilotenverband gehört er seit 25 Jahren an. Erfahrungen bei Hilfseinsätzen konnte er in Kenia und Albanien sammeln. Vor seinem neuen Job bei Mercy Air Deutschland war er unter anderem im Vertrieb von Fotovoltaik und als Pfarrer einer evangelisch-methodistischen Gemeinde in Bad Cannstatt tätig. So gesehen, nimmt er die Arbeit auch nicht nur als Beruf, sondern als innere, christliche Berufung wahr. Praktisch gestaltet sich das freilich eher profan, denn Voraussetzung für die Hilfe aus der Luft ist deren Finanzierung durch Spenden. Für Armin Krämer bedeutet das: Telefon-Marketing. Angesprochen wird nicht etwa wahllos ein Querschnitt der Bevölkerung, Zielgruppe sind vielmehr Entscheidungsträger in Unternehmen. Auch in der Region Stuttgart und Waiblingen seien einige mit Großspenden engagiert.

„Wir laden flugbegeisterte Menschen und insbesondere Unternehmer mit Bezug zur Fliegerei aus Süddeutschland ein, gemeinsam mit uns eine Himmelsbrücke zu Menschen in Not zu bauen“, formuliert er das Ziel der Vereinsarbeit für die kommenden Jahre. Gut besucht durch rund 70 Teilnehmer war Mitte Dezember ein Flug- und Informationstag in Rotenmad im Schwäbischen Wald. Geboten wurden unter anderem Helikopterrundflüge und eine Live-Schaltung in ein Einsatzgebiet im südlichen Afrika. Für den Sommer ist eine Wiederholung geplant.

Medikamenten-Transporte bleiben im Schlamm stecken

Mercy Air fliegt Noteinsätze etwa anlässlich einer Dürre in Mosambik, aber auch durch regelmäßige Einsätze wird eine wiederkehrende und nachhaltige Versorgung angestrebt. So sind Teams mit Impf- und Schulprogrammen für die Kinder, Augenärzte und Dentisten regelmäßig „Fluggäste“ der Helikopter. In Mosambik sind die Krankenhäuser außer für Behandlungen und Operationen auch für den Betrieb der ihnen angeschlossenen Sanitätsposten verantwortlich. Doch allzu oft bleiben die Transporte im Sand oder Schlamm stecken - auch hier können die Hubschrauber helfen. Die US-Amerikanerin Ellie Fahs etwa hilft bei Impfkampagnen und berichtet sogar von tierischen Hindernissen: „Es ist sogar schon vorgekommen, dass uns Elefanten den Weg versperrten.“ Hauptsächlich werden Kinder gegen Tuberkulose, Polio, Masern, Hepatitis B, Pneumokokken, Rotavirus und Starrkrampf geimpft.

Gemäß dem selbst verordneten Leitbild hilft Mercy Air den Ärmsten der Armen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Religionszugehörigkeit. Aus eigener Anschauung kennt Chirurg Armin Friedrich die Grenzen der Hubschrauberhilfe: „Wir können leider nicht allen, aber doch sehr vielen Menschen helfen. Es nützt nichts, wenn wir diese Menschen nur bemitleiden, solange wir die Möglichkeit haben, etwas zu tun.“

Hilfsverein aus der Schweiz

Neben Südafrika ist Mercy Air mit Länderbüros in Schweden, den USA und der Schweiz vertreten. Seit 2018 ist Mercy Air Deutschland in diese internationale Partnerschaft eingebunden und unterstützt vor allem das Helikopterprogramm. Am 24. November 2018 wurde in Waiblingen die gemeinnützige Organisation „Mercy Air Deutschland“ gegründet.

Die zwölf Gründungsmitglieder wählten den Waiblinger Helikopterpiloten Armin Krämer zum Ersten Vorsitzenden. Er wird vom Chirurgen Armin Friedrich sowie den weiteren Vorstandsmitgliedern Matthias Böhning (Hennef), Martin Meyer (Bubendorf, Baselland/Schweiz) Matthias Reuter (Steffisburg/Schweiz) und Christine Zedschak (Legefeld) dabei unterstützt, Mercy Air in der Bevölkerung bekannt zu machen und Spenden zu sammeln.

Getragen wird die christlich-humanitäre gemeinnützige Organisation durch Spenden von Firmen, Privatpersonen und Stiftungen. Das internationale Team in Südafrika besteht aus Piloten, Technik- und Logistik-Fachleuten.

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