Menschlichkeit im Hamsterrad Ein Tag im Klinikum Winnenden (2/3)

Vom täglichen Wahnsinn des Gesundheitssystems und den Leuten, die darin ihr Bestes geben. Foto: Palmizi/ZVW

Winnenden. Das Winnender Klinikum ist erfolgreich: die Bettenauslastung fulminant, die Medizin hervorragend. Vor allem das Pflegepersonal aber ächzt. Die Arbeit in einem Krankenhaus heute ist täglich ein Kampf gegen die Überlastung. Warum? Zweiter Teil unserer Spurensuche (hier können Sie Teil Eins noch einmal nachlesen).

Bei manchen Patienten auf der Allgemeinen Inneren muss man sich fragen, ob sie überhaupt hierher gehören. Wären sie nicht besser in der Altenpflege aufgehoben? Ja, sagt Wolf. Aber wenn dort auf die Schnelle keine Plätze frei sind, „liegen die Leute einfach noch da, weil man sie ja nicht auf die Straße schicken kann“. Manche bleiben Wochen. Geld bekommt die Klinik dafür nicht mehr; die Fallpauschale ist ausgereizt, die Defizit-Uhr tickt.

Ein Mann hat eine schlimme Diagnose bekommen. Er sagt: Erzählen Sie meiner Frau nichts, ich will sie nicht belasten. Man müsste sich jetzt zu ihm setzen, damit er bei der Schwester abladen kann, was er der Gattin nicht aufbürden will. „Die Zeit hat man halt nicht mehr. Das ist nicht das, was man früher mal gelernt hat.“

Erwartungshaltung wie im Hotel

Es gibt Tage, da sägen dir die Patienten am Nerv. Manche haben „Erwartungshaltungen wie in einem Hotel – schneiden Sie mal den Apfel klein, ich bin Privatpatient.“ Andere empören sich über Banalitäten: „Denen geht‘s hundsdreckig, sie gehen gesund wieder raus, und Monate später rufen sie an, da wäre eine Schwester nicht nett gewesen.“ Weshalb jetzt auch noch eine zeitraubende schriftliche Stellungnahme zu verfassen ist fürs Beschwerdemanagement.

„Wenn ich als Frau im Supermarkt eine Kiste Sprudel hebe, kommt jemand her: Kann ich helfen? Wenn ich den 80-Kilo-Patienten rumdrehe, fragt kein Mensch.“ Wertschätzung täte gut. Zu schweigen vom Gehalt. Martina Syrbe hatte einen Kollegen, „ein supergenialer Pfleger“. Nur: Er wollte eine Familie gründen, ein Haus bauen, und wie sollte das gehen bei 2650 oder 3000 Euro brutto und all den Nacht- und Wochenenddiensten? Er schulte um auf Mechatroniker. Heute hat er zwei Kinder und „sein Häusle hingestellt“.

Aber auch das gehört zur Wahrheit: Ah, sagt die Patientin Christa Deininger, Sie sind von der Zeitung? Richtig, Frau Deininger, und Sie dürfen jetzt bitte alles aufzählen, was hier schief läuft . . . Deininger sinniert. Grübelt. Brütet. Antwortet: „Ich kann überhaupt nicht Schlechtes sagen. Gar nichts. Wie die umeinanderflitzen!“

Notaufnahme: 50 000 Patienten pro Jahr

Seine Kollegen oben sind „die Sterneköche – wir hier unten“, sagt Chefarzt Dr. Torsten Ade, „sind eher die Systemgastronomie“: 50 000 Patienten werden pro Jahr durch die Interdisziplinäre Notaufnahme geschleust, nach dem „Manchester-Triage-System“ – die Leute kommen rein, ein Koordinator teilt sie nach fünf Dringlichkeitsstufen ein. Patient hat Schock? Eilig. Patient hat Zipperlein? Kann warten.

Die alte Dame mit dem entgleisten Diabetes, der junge Mann mit dem brennenden Harnwegsinfekt, der Bub mit der Blutvergiftung: ein nie versiegender Menschenstrom. Manche kommen „zweimal am Tag“, weil sie sich im Alkoholrausch schon wieder wehgetan haben – so eine Notaufnahme habe „auch eine soziale Auffangfunktion“. Andere werden eingeliefert mit Blaulicht, es geht um Minuten und Leben und Tod.

Und deshalb kommt der eine schneller dran, und für den andern dauert es auch mal ziemlich lange. „Maximal systemkonform“ sind vier Stunden Wartezeit.

"Verbale Ausfälligkeiten sind an der Tagesordnung"

Um die Winnender Notaufnahme gab es anfangs mächtig Wirbel. Mittlerweile funktioniert sie so gut, dass die Kassenärztliche Vereinigung sie als Referenzhaus benennt, als Vorbild für andere. Neulich waren sogar Besucher aus Schleswig-Holstein da, um zu lernen, wie man’s macht.

Beschwerden gibt es natürlich trotzdem. Die Menschen, die hierher kommen, sind eben „im Stress: hoher Angst- und Spannungslevel“. Verbale „Ausfälligkeiten sind an der Tagesordnung“, sagt Pflegebereichsleiter Benjamin Discher. Immerhin, „tätliche Angriffe hatten wir bis jetzt nicht“. Andernorts wurde eine Kollegin „in die Wade gebissen“, und eine Angehörige, der alles zu langsam ging, stürmte ins Büro und „lehnte erstmal ihr Beil an die Wand“.

Unter der Wirtschaftlichkeitsknute

„Typischerweise machen Notaufnahmen keinen Gewinn“, sagt Ade: zu personalintensiv. Obendrein gebe es Krankenkassen, die sagen: Moment mal, ihr habt den Jungen, der sich abends beim Fußball das Bein gebrochen hatte, nicht bloß eingegipst, sondern über Nacht dabehalten, weil‘s schon so spät war und der Bub Schmerzen hatte? Unnötig! Das zahlen wir nicht!

Oft fehlen Betten: Jemand müsste stationär nach oben verlegt werden, aber wenn dort nichts frei ist, kann es passieren, dass er noch sechs Stunden unten liegt. Oder zwölf. Wenn Ade um die Mittagszeit auf dem Computer sieht, dass im Haus genug Betten unbelegt sind, atmet er durch: Bingo, heute gehen wir „nicht über die Klippe“.


Wenn im Jahresdurchschnitt 82 Prozent der Betten belegt sind, gelte das nach der Definition des Landes-Soziaministeriums als „Vollauslastung“, sagt Marc Nickel, Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken – „wir sind bei 90.“ 668 Betten hat Winnenden aktuell. „Wir bräuchten mehr.“


Unter der Wirtschaftlichkeitsknute ist jedes Krankenhaus auf „hohe Belegung getrimmt, um Kosten zu sparen“. Es folgt ein klassischer Ade-Spruch – der Mann setzt seine Pointen so ansatzlos trocken, dass man nie weiß, ob er’s womöglich ernst meint: „Im Kalten Krieg war‘s anders“, da hielt man sich Bett-Reserven.

Die Verdreieckung des Eis

Benjamin Discher war bei einer Weiterbildung: 70 Kollegen aus anderen Notaufnahmen. Einer nach dem anderen klagte. „Ich hätte jeden einzelnen Satz unterschreiben können. Die Probleme sind überall gleich.“ Die „Oma, die hierherkommt, braucht Fürsorge, sie weiß nicht, was passiert, es geht ihr alles viel zu schnell“ – die Zeit, ihr die Abläufe zu erklären, „die fehlt“. Ein Patient kommt mit Schmerzen, das Röntgenbild zeigt einen Tumor. „Eigentlich müssten Sie für ihn Zeit haben.“

„Wir sind hier mit der permanenten Quadratur des Kreises beschäftigt“, sagt Ade, und Tag für Tag gelingt tatsächlich dieses Wunder; oder zumindest sowas wie ein dreieckiges Ei.

Lesen Sie hier den letzten Teil unserer Fortsetzungsgeschichte.

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