Menschlichkeit im Hamsterrad Ein Tag im Klinikum Winnenden (3/3)

Vom täglichen Wahnsinn des Gesundheitssystems und den Leuten, die darin ihr Bestes geben. Foto: Palmizi/ZVW

Winnenden. Das Winnender Klinikum ist erfolgreich: die Bettenauslastung fulminant, die Medizin hervorragend. Vor allem das Pflegepersonal aber ächzt. Die Arbeit in einem Krankenhaus heute ist täglich ein Kampf gegen die Überlastung. Warum? Dritter Teil unserer Spurensuche (Hier geht es zu Teil Eins und Teil Zwei).

In der Allgemeinen Inneren schnüren die Fallpauschalen dem Pflegepersonal manchmal fast die Luft ab – in der Geriatrie lässt es sich freier atmen. Hier ist der alte Mensch kein Fall, kein Oberschenkelhalsbruch, keine Lungenentzündung, sondern tatsächlich: ein alter Mensch. Und wird nicht abgearbeitet, sondern aufgepäppelt.

Viele sind zwei oder drei Wochen hier, manche fünf oder sechs. Sie bekommen Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie, Wasch- oder Gedächtnistraining. Am Mensch-ärgere-dich-nicht-Brett im Aufenthaltsraum sitzt eine alte Dame und schwärmt: „Hier wird man körperlich gefördert und auch vom Kopf her!“ Heute habe sie gar „Hausaufgaben“ bekommen.

Pflegerin: "Das ist mein Ding, ganz einfach"

Eine Pflegerin: Wie lange arbeitet sie schon auf der geriatrischen Station? „Seit einem Jahr und 28 Tagen“, antwortet Carla Friedrich, als halte sie jede einzelne Stunde in Ehren. Sie ist eine Spätberufene, Quereinsteigerin in den Pflegeberuf. Zufrieden? „Natürlich!“ Für Menschen da zu sein, ihre Genesungsfortschritte zu begleiten, „das ist mein Ding, ganz einfach.“

Eine Patientin, 84, sie hat eine Darmoperation hinter sich: „Ich bin gut versorgt. Alles gut! Die Schwestern sind nett. Ich bin glücklich.“ Kann sie schon wieder sitzen? „Ich kann schon wieder laufen! Und Treppen steigen. Und ich bin Rad gefahren heute.“ Echt, etwa durch den Wald? „Ja, über die Berglen.“ Sie lacht. Nein, auf dem Hometrainer natürlich.

Eine Nachwuchskraft: Jelena Nicic hatte in Serbien Krankenschwester gelernt, aber keine Arbeit gefunden. So brach sie in die Fremde auf, mutterseelenallein, mit nichts als einem Koffer und vier deutschen Worten, „guten Morgen“, „guten Tag“. Sie war 26. Zwei Jahre später, nach erfolgreichem Anerkennungspraktikum, arbeitet sie hier, spricht nahezu fließend Deutsch und schickt jeden Monat einen Teil des Gehalts nach Hause zur kranken Mutter. Frau Nicic, gefällt Ihnen die Arbeit? Sie strahlt.

Die Geriatrie ist eine Insel

Die Geriatrie ist eine Insel: Hier gibt es mehr Pflegepersonal als auf anderen Stationen, alle wirken einander zugewandt, konzentriert, regelrecht erfüllt. Wie ist das möglich? Weil es „refinanziert wird“, sagt Teamleiterin Dagmar Vogt. Es gibt neben der Fallpauschale für die akute Diagnose eine Komplexpauschale, die honoriert, dass die Arbeit mit Alten aufwendig ist.

Der Haken: Dieses Geld fließt nur unter strengen Voraussetzungen. Der Patient muss zum Beispiel über 70 und die Prognose gut sein: Es muss sich abzeichnen, dass all die Mühe sich lohnt und der Mensch, der da flach liegt, vermutlich wieder auf die Beine kommt. Vogt sagt: „Jeder hat Glück, der auf die Geri kommt.“

„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“, erklärt Dr. Brigitte Meister, „und alte Herrschaften sind keine alten Jungen“: Dem trägt die Geriatrie Rechnung. Hier können sich die Patienten aufgehoben fühlen, „jetzt bin ich hier und bleibe erstmal“. Ab und zu fließe bei einem alten Menschen, der sich bestens eingelebt hat und nun nach Hause geht, „ein Tränchen. Das ist für mich die schönste Bestätigung. So sollte es eigentlich überall sein.“ Sollte. Meist gehe es in Krankenhäusern heute vor allem darum, „wann der Mensch spätestens entlassen sein muss“. Meister hält inne, sinniert, fährt fort: „Das ist einfach eine Katastrophe. Der Mensch ist doch kein Uhrwerk.“

Getrieben: Ein sehr kurzes Fazit

Es bedarf keiner komplexen Bilanz nach diesem Tag in der Klinik, die Analysen gleichen sich, egal, ob der Geschäftsführer erzählt, die Krankenschwester oder der Arzt aus der Notaufnahme. Das Fallpauschalensystem sei „außer Rand und Band geraten“, sagt Marc Nickel. Die Fallpauschalen „haben uns das Genick gebrochen“, sagt Silke Wolf. Letztlich, sagt Dr. Torsten Ade, gehe es immer um die eine Frage: „Wieviel Geld will der Staat für die Gesundheitsversorgung ausgeben?“

Diese Geschichte spielt in Winnenden, aber sie handelt von Deutschland, und zusammenfassen lässt sie sich in einem einzigen Satz: Wenn Hilfe rentabel sein muss, werden die Helfer zu Getriebenen.


Mogelpackung

Jede zusätzliche Kraft bezahle ich euch – Gesundheitsminister Jens Spahn geriere sich wie der „Retter der Pflege“, sagt Marc Nickel, Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken. Was Spahn verschweige: Bislang erhalten Kliniken einen sogenannten „Pflegezuschlag“, der sich nach der Zahl des Personals errechne; 2018 bekamen die Häuser in Winnenden und Schorndorf auf diese Art etwa 800 000 Euro on top – und „dieser Hahn wird abgedreht.“

Bei 60 000 Euro Kosten je Pflegekraft und Jahr müssen die Kliniken 13 bis 14 zusätzliche Leute einstellen, um auf 800 000 Euro zu kommen. Damit wäre all das ein Nullsummenspiel. Aber: Pflegekräfte sind schwer zu bekommen. Wenn es den Kliniken 2019 nicht gelingt, das Pflegepersonal so stark aufzustocken, haben die Häuser weniger Geld zur Verfügung als bisher. „Eine Mogelpackung“, folgert Nickel.

Von „Pflegenotstand“ will Marc Nickel, Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken, nicht reden, aber von „Pflegebedarf“: Es gibt zu wenige Fachkräfte auf diesem Arbeitsmarkt. Gründe: Die Gehälter – zum Einstieg gut 2600 Euro brutto – sind schlecht, die Karrierechancen bescheiden, die Anforderungen hoch, die Ansprüche von Patienten und Angehörigen auch; und Wochenend- und Nachtdienste schränken das Sozialleben ein. Pflegekräfte, sagt Nickel, brächten in aller Regel eine hohe Eigenmotivation mit, anderen zu helfen, sei ihnen ein Anliegen. Umso mehr litten sie darunter, aus Zeitdruck Hilfsbedürftigen nicht genug Zuwendung zukommen lassen zu können. „Das ist eine „Belastungssituation, die kann man nicht schönreden. Und dann wunderst du dich, dass es denen keinen Spaß macht.“ Es gelte, den Beruf aufzuwerten – nicht nur, aber auch in Form höherer Gehälter. „Aber das müsste natürlich refinanziert werden“ von den Krankenkassen.

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