Mercedes-Museum Der Mythos S-Klasse – ein bisschen chinesisch

Stuttgart - Der Mythos S-Klasse ist in den Köpfen der Menschen so stark verankert wie kaum ein anderer in der Automobilbranche. Im Mercedes-Museum ist nun die Entwicklungsgeschichte des Flaggschiffs zu sehen.

Die neue S-Klasse W 222 ist ein bisschen chinesisch. Keine Angst, nicht das Gesicht des Fahrzeugs, das kommt mit seinem markigen Kühlergrill, der noch dominanter ausfällt als bei den vorherigen Modellen, und den souveränen Scheinwerfer-Augen gewohnt mächtig daher.

Ab der hinteren Hälfte sieht die neue S-Klasse aber anders aus als sonst, man erkennt nicht sofort, woran das liegt, aber man hat das Gefühl, irgendwas stimmt nicht. Bei der Eröffnung der S-Klassen-Sonderausstellung im Mercedes-Benz-Museum erläutert Chefingenieur Hermann Storp, dass der Komfort der Innenausstattung vergrößert wurde. Das hätte man den Bedürfnissen reicher Chinesen angepasst, sie lieben es, sich chauffieren zu lassen, während der Europäer lieber gerne selbst am Steuer sitzt.

60 PS stark war die erste S-Klasse

Ist die neue S-Klasse also vor allem ein Auto für neureiche Asiaten? Das zu behaupten wäre übers Ziel hinausgeschossen. Aber ob der europäische S-Klassen-Fahrer Chichi wie Duftspender, Hot-Stone-Massagesitze, buntes Display statt stilsicherem ­Uhrentacho und mehr Bildschirme als die Parkhausüberwachung braucht, bleibt abzuwarten. Und die Kampfparole „Wir bauen das beste Auto der Welt!“, wie Storp das Team zu Höchstleistungen angespornt haben will, wirft zwangsläufig die Frage auf: Für wen?

Klar, Chefsache war das Auto schon immer. Doch drehen wir die Zeit um etwa 110 Jahre zurück. Damals wurde der Mercedes-Simplex für die Bedürfnisse des Kaufmanns Emil Jellinek konstruiert. Eine Luxuskarosse mit Kutschencharakter, mit der Jellinek zu seiner Sommerresidenz nach Nizza fuhr – mit seiner Tochter Mercedes, der das Unternehmen seinen Namen verdankt. 60 PS stark war die erste S-Klasse. Heute werden Autos mit weniger Pferdestärken gebaut.

Die wahre Stärke der Sonderanfertigung war jedoch nicht seine Leistung, sondern jene, Luxus, Fahrvergnügen, Reisekomfort in einem Fahrzeug zu vereinen.

Die historisch nächste S-Klasse, die besonders richtungweisend für den Charakter der Marke sein sollte, ist der Mercedes-Benz W 186 Typ 300, besser bekannt als Adenauer-S-Klasse. Das Auto ist noch heute der Inbegriff der Staatslimousine schlechthin. Auf der S-Klassen-Ausstellung verblassen alle anderen Modelle gegen das glänzend schwarze, pferdhohe Machtsymbol, das einem zuzuraunen scheint: Ich bin das Ende der Fahnenstange, Kleiner. Das 1951 gelieferte Auto des Altkanzlers zementierte den Anspruch und den Ruf von Mercedes, die besten Autos der Welt zu bauen. Auch der japanische Kaiser griff auf die Limousine als Staatskarosse zurück. Mit diesem Auto hat sich Mercedes-Benz ein Denkmal gesetzt.

Die Evolution der S-Klasse

Eine Tatsache, die wohl auch ausschlaggebender Grund dafür war, 1972 den Namen einzuführen, der heute stellvertretend für Spitzenqualität im Automobil-Sektor steht. Mit der Baureihe 116 trug die Luxusklasse aus der Mercedes-Benz-Schmiede zum ersten Mal die offizielle Bezeichnung S-Klasse.

Auch der neue W 222 ist ein spektakuläres Auto. 450 Designer brachten unglaublich viel Elektronik in einem Fahrzeug unter, in dem man trotzdem mehr Platz hat als in den jüngeren Vorgängermodellen, obwohl es mit knapp 2000 Kilogramm sogar knapp 100 Kilo leichter ist. Revolutionäre Stoßdämpfertechnologie soll laut Werbung bewirken, dass man das Gefühl hätte, selbst bei der Fahrt auf einem Acker zu schweben. Es gibt den Wagen aufgemotzt mit 617 PS Leistung, aber auch als Hybridauto, also mit Benzinmotor und Elektromotor.

Im Ausstellungsraum des Mercedes-Benz-Museums steht ein Modell des Fahrzeugs aus Ton in Echtgröße. Weitere Modelle der Innenausstattung dokumentieren, wie detailversessen man hier am Werk war.

Auf dem etwa sechs mal drei Meter großen Schild, das am Eingang der Sonderausstellung steht, ist die Evolution der S-Klasse zu sehen. Alle 20 Ausstellungsmodelle wurden dort nebeneinandergereiht. Die Übergänge sind fließend, und die Verwandtschaft ist unverkennbar.

Der Gesamtabsatz von Mercedes-Benz, Smart, AMG und Maybach zusammen lag im vergangenen Jahr weltweit bei 1,42 Millionen Autos. 2012 hat Mercedes-Benz dagegen rund 33 600 S-Klassen in China verkauft, 5,7 Prozent mehr als im Vorjahr. In Deutschland waren es 7200 S-Klassen mit einem Plus von nur 1,9 Prozent. Also begeistern sich die Chinesen mittlerweile weit mehr für das Luxusfahrzeug als die Deutschen. Was das für die Zukunft der S-Klasse heißen könnte? Vielleicht ist die Abstammung der S-Klasse bald nicht mehr so deutlich zu erkennen. Womöglich wird der Wagen noch ein bisschen chinesischer.

Als Rahmenprogramm ergänzt eine Führung (mittwochs um jeweils 14.30 Uhr, ca. 75 Minuten, 4 Euro zuzüglich zum Eintritt) die Sonderausstellung. Das Mercedes-Benz-Museum ist täglich von Dienstag bis Sonntag von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Kassenschluss ist um 17 Uhr. www.mercedes-benz-classic.com/museum.
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