Mobile Jugendarbeit Ein Hund für harte Fälle

Julia Sperandio, Lukas Müller und Hündin Shiva sind das neue Team der Mobilen Jugendarbeit. Foto: Schneider / ZVW

Winnenden. Zwei Jahre lang hatte die Stadt keine Mobile Jugendarbeit, bei der die Sozialpädagogen junge Leute auf Straßen und Plätzen treffen. Julia Sperandio und Lukas Müller fangen nun von vorne an, sich und das Angebot bekanntzumachen. Dabei hilft ihnen eine dritte Kollegin: die freundlich-verschmuste und zu allerlei Kunststücken ausgebildete Hündin Shiva.

Die Begleitumstände schätzen die beiden Neuen sehr: Das Büro im evangelischen Gemeindehaus im Schelmenholz ist Geschichte. Dafür hatte sich schon Vorgängerin Saskia Berrer eingesetzt. Nun ist es so weit, die Mobile Jugendarbeit ist zur Schulsozialarbeiterin des Lessing-Gymnasiums in die ehemalige Hausmeisterwohnung gezogen. Sie liegt zentral zwischen Albertville-Schule und Lessing-Gymnasium, an der Bushaltestelle Bildungszentrum II. Nach Schulschluss mittags und nachmittags können die Jugendlichen auf einen Sprung vorbeischauen, was im Schelmenholz nicht so unkompliziert möglich war.

Die Containerräume zwischen Schelmenholz und Lange Weiden gibt’s aber weiterhin. „Auch die sind Luxus für uns. Dass es dort Strom und Wasser gibt und die Jugendlichen grillen, Musik hören, Sport machen können, ohne jemanden zu stören, das hat nicht jede Stadt“, sagt Julia Sperandio.

Lukas Müller hat Jule Sperandio und ihre Hündin Shiva abgeworben

Video: Jule Sperandio führt durch die neuen Räumlichkeiten der Mobilen Jugendarbeit in Winnenden.

Zuerst kam Lukas Müller (26) im Herbst nach Winnenden. Die Stadt hatte aus den beiden 75-Prozent-Stellen zwei 100-Prozent-Stellen gemacht, was auf dem fast leergefegten Sozialpädagogen-Markt besser ankommt. Bei einer Fortbildung für Neueinsteiger in die Mobile Jugendarbeit lernte Lukas Müller Julia (oder auch Jule) Sperandio (30) kennen. „Sie wollte mich abwerben, aber ich habe den Spieß umgedreht“, berichtet er lachend. Sie bestätigt: „Das Konzept hier mit dem VW-Bus, vor den man an beliebigen Stellen in der Stadt Campingstühle aufstellt und Tee ausschenkt, das hat mich gepackt.“ Auch diesen Bus hatte bereits Saskia Berrer in Betrieb genommen, inzwischen nutzt ihn das Haus der Jugend mit, demnächst bekommt die Mobile Jugendarbeit ihr eigenes Gefährt. „Die Sondererlaubnis, dass wir wirklich überall damit hinstehen dürfen, haben wir schon beantragt“, sagt Jule Sperandio. Viel werden die beiden auch zu Fuß und mit dem Fahrrad machen, genauso wie ihre Klientel, die 14 bis 27 Jahre alten „sozial benachteiligten“ Jugendlichen und jungen Erwachsenen. „Die Definition von ,benachteiligt’ ist dabei sehr weit gefasst - das beginnt schon bei einem Scheidungskind“, erläutert Lukas Müller.

Über die Hündin kommen die Sozialpädagogen mit den Jugendlichen ins Gespräch

Hündin Shiva ist neun Jahre alt, zum Therapiehund ausgebildet, folgsam und menschenlieb. Sie gehört der Rasse Staffordshire Bullterrier an, vielen als „Kampfhund“ bekannt. Aber es heißt ja immer, dass Haltung und Erziehung das Wesen bestimmen, nicht die Rasse. Jule Sperandio bestätigt das. „Mit dem Hund kann jeder seine Vorurteile abbauen.“

Lukas Müller spricht voller Respekt von „unserer vierbeinigen Kollegin“. Über Shiva kommen die Sozialpädagogen schnell ins Gespräch mit den Jugendlichen. Der Beweis wird vor dem Büro erbracht: Ein Junge, der gerade Schulschluss hat, sieht Shiva und befiehlt ihr, wie er wohl beim ersten Treffen mitgekriegt hat: „Sitz“, „Platz“, „Rolle“. Das Tier führt eifrig alle Kommandos aus. „Ich komme euch morgen wieder besuchen“, kündigt der Schüler an und geht nach Hause. Jule Sperandio freut sich: „Wir sind in der Phase, in der wir uns bekanntmachen und den Bedarf aufnehmen. Anbieten können wir ja alles von der Einzelfallhilfe bis zur Freizeit - aber wir sind immer parteilich für die Jugendlichen.“

Die jungen Leute sollen ihnen vertrauen

Ziel ist, dass die jungen Leute ihnen ihre Probleme anvertrauen. Die können in der Familie, in der Schule, im Freundeskreis oder beim Übergang von Schule zu Beruf liegen. Zur Vertrauensbildung gehört erstens die Schweigepflicht und zweitens, dass die beiden verlässliche Erwachsene sind, die vom Heranwachsenden nichts erwarten. „Es kann sein, ein 15-Jähriger raucht oder trinkt vor mir Alkohol. Ich ermuntere ihn zwar nicht dazu, aber ich muss auch nicht sagen, er soll das lassen“, beschreibt Julia Sperandio, wie „Beziehungsarbeit“ funktioniert. „Wir sind außerhalb des Systems und spielen nicht die Lärmfeuerwehr. Wir petzen nicht, können ein Auge zudrücken – so hat uns der Gemeinderat beauftragt“, sagt Lukas Müller. Sucht und Gewalt versuchen die beiden auf anderem Wege zu verhindern – indem sie die jungen Leute durch Identitäts- und die Gemeinschaftserfahrungen stärken, mit Gesprächen, mit konkreten Hilfen oder guten Freizeitangeboten dort, wo es bisher keine gegeben hat.


Was die Sozialarbeiter am Job reizt

Julia Sperandio stammt aus Leonberg, hat soziale Arbeit studiert und sechs Jahre in Pforzheim in einer therapeutischen Mädchenwohngruppe gearbeitet, bevor sie nach Filderstadt in die Mobile Jugendarbeit wechselte. „Man muss planen können und braucht eine gewisse Frustrationstoleranz. Für mich ein Traumjob, weil einem Menschen ohne Zwang vertrauen.“

Lukas Müller ist in Stuttgart und England aufgewachsen, hat Pädagogik, Politik und Soziologie studiert und in Stuttgart an einer Förderschule als Schulsozialarbeiter sowie auf dem Abenteuerspielplatz im Hallschlag als Betreuer gearbeitet. „Der Job liegt einem, wenn man offen, flexibel und tolerant ist und auf verschiedene Lebenswelten zugehen kann.“

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