Mord an Yvan Schneider Einblicke in einen desaströsen Haft-Alltag

Wird Deniz E., nachdem seine zehnjährige Jugendstrafe wegen des Mordes an Yvan Schneider mittlerweile verbüßt ist, freigelassen, oder muss er in „Sicherungsverwahrung“ bleiben? Foto: Habermann/ZVW

Kernen/Stuttgart. Manchmal scheint das Gefängnispersonal heillos überfordert gewesen zu sein mit diesem Gefangenen: An Tag drei der Verhandlung um die nachträgliche Sicherungsverwahrung von Yvan Schneiders Mörder erzählten Vollzugsbeamte aus Heimsheim. Im Video: ZVW-Redakteur Peter Schwarz zur Verhandlung am Stuttgarter Landgericht.

Am Ende, sagt ein Bediensteter der Justizvollzugsanstalt Heimsheim, sei es für das Personal eigentlich nur noch um eines gegangen: diesen Häftling „auszuhalten“. Die Vorgesetzten seien „mit ihren Ratschlägen am Ende“ gewesen, in der Belegschaft habe „teilweise Ratlosigkeit“geherrscht.

Deniz E. wurde nie handgreiflich gegen Aufseher

Um diese Frage geht es derzeit am Landgericht Stuttgart: Wird Deniz E., nachdem seine zehnjährige Jugendstrafe wegen des Mordes an Yvan Schneider mittlerweile verbüßt ist, freigelassen, oder muss er in „Sicherungsverwahrung“ bleiben? Solch eine Maßnahme ist rechtlich nur möglich, wenn der Prozess klar zeigt, dass der 29-Jährige aufgrund schwerer seelischer Störung weiter massiv gefährlich ist.

Eins spricht für ihn nach dem bisherigen Stand der Beweisaufnahme: Obwohl er den „roten Punkt“ trug – die Gefängnisleitung schätzte den Häftling als potenzielle Gefahr auch für das Personal ein –, ist Deniz E. nie handgreiflich gegen Aufseher geworden. An Grenzen aber scheint er sie wiederholt geführt zu haben.

Er sei „stets auffällig“ gewesen, von Anfang an. Immer habe er etwas gefordert. „Telefonieren. Nasenspray. Schmerztabletten.“ Dramatisch verschärft aber habe sich die Lage zum Ende hin. Ab November 2015 hielt sich Deniz E. kaum noch im Regelvollzug auf einem normalen Stockwerk auf.

„Er hat nicht davor zurückgeschreckt, sich selbst zu verletzen"

Stattdessen verbrachte er, wenn er nicht gerade in der Krankenstation oder im Gefängniskrankenhaus Hohenasperg war, die meiste Zeit in der „Bewährungsabteilung“: der Etage für die etwa 20 schwierigsten Fälle unter den rund 400 Heimsheimer Insassen. Ein Bediensteter: „Ich kenne keinen anderen Gefangenen, der so viele Gegenstände zerstört hat wie Herr E.“

Mal nutzte er nachts sein Bettgestell als Hantel, stemmte es hoch und ließ es zu Boden krachen, mal hämmerte er gegen Türen und Wände, bis ihm „die Hände bluteten“ und „die Ellbogen geprellt“ waren und kaum jemand um ihn her mehr schlafen konnte. Mal ritzte er in eine Wand: „Ich töte euch alle, ihr Nazis.“

Mal schlug er eine Glastür im Krankenzimmer ein oder hebelte eine Schranktür aus den Angeln oder zertrümmerte mit bloßer Faust eine Scheibe, so dass er eine Fleischwunde erlitt, die genäht werden musste. Mal riss er eine Toilettenschüssel aus der Wand, mal ein Waschbecken, mal „einen Lichtschalter“.

Mal verlangte er gegen 22 Uhr Medikamente, die kein Arzt ihm verschrieben hatte – und als der Wachdienst ihm den Stoff verweigerte, habe er „bis morgens um 3 Uhr“ immer wieder die Alarmklingel gedrückt, phasenweise „alle 30 Sekunden. Fünf Stunden am Stück“. Mal ritzte er sich mit einer Rasierklinge den Unterarm auf. Das allerdings, mutmaßt ein Wachmann, sei eher „Erpressung“ als ein ernsthafter Suizidversuch gewesen – „er hat nicht davor zurückgeschreckt, sich selbst zu verletzen, um Druck auszuüben auf die Anstalt“ nach dem Motto: „Jetzt möchte ich dies oder jenes, sonst kann das oder das passieren.“

Einzelhaft und wilde Medikamentierung

Immer wieder kam Deniz E. deshalb in einen „BGH“, einen „besonders gesicherten Haftraum“. Solch eine Zelle ist äußerst spartanisch ausgestattet mit unzerstörbarem Inventar. Diese Art der Unterbringung gilt eigentlich unter Vollzugskennern als Ultima Ratio, als letztes Mittel. Deniz E. aber wurde phasenweise gar in Einzelhaft gesteckt, sprich: 23 Stunden am Tag in der Zelle, unterbrochen nur von einem einstündigen Hofgang.

Um ihn ruhigzustellen, verschrieben Ärzte bisweilen Medikamente in vierfach über der Empfehlung liegender Menge. Die Dosierung, erzählt ein Zeuge, sei mal herauf-, mal herabgesetzt worden, „hochgefahren, runtergefahren“.

Beim Zuhören beschleicht einen der Verdacht: Einzelhaft und eher planlos anmutende Brachial-Medikamentierung – diese wohl aus der Überforderung erwachsene Strategie mag alles nur noch schlimmer gemacht haben. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Deniz E. psychotische Schübe erlitten haben könnte, halluzinierte, Stimmen hörte – manchmal habe er deshalb verstört, nachgerade „verzweifelt“gewirkt.

Auf dem gefängnisinternen Schwarzmarkt gibt es Drogen verschiedenster Art. Einmal fanden Bedienstete Deniz E. in seiner Zelle „voll weggetreten“. Er habe kaum noch „alleine sitzen“ und nur „verwaschen sprechen“ können. Neben ihm habe eine in Aluminium gewickelte Klopapierrolle gelegen; eine selbst gebastelte Pfeife. Phasenweise habe es bei Deniz E. nur noch „zwei Zustände“ gegeben: „grundaggressiv“ oder „total zu“.


Wegweisend

Vermutlich eine Schlüsselrolle in diesem Verfahren werden die Gutachten zweier psychiatrischer Sachverständiger spielen. Dem Vernehmen nach soll Deniz E. mit ihnen auch geredet haben. Die Einschätzungen der beiden Experten sind für die Prozesstage in der kommenden Woche ab dem 20. März vorgesehen.

Unsere bisherige Berichterstattung vom Prozess am Landgericht Stuttgart:

Zum Nachlesen für ePaper-Abonnenten gibt es hier eine Liste mit unserer Berichterstattung von 2007 bis 2014 aus unserem Archiv.

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