Mutter Böhnhardt bei NSU-Prozess Plätzchenrezepte für den Untergrund

Brigitte Böhnhardt kämpfte verzweifelt um ihren Sohn – doch sein Abgleiten in die rechte Szene konnte sie nicht verhindern. Auch ihre Versuche, die NSU-Terroristen zum Aufgeben zu bewegen, blieben erfolglos.

München - „Es war ein ständiger Kampf“, sagt die gebeugte Frau im Zeugenstand. Sie knetet jetzt noch ihre Hände, als müsste sie ringen mit dem, was sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebt hat. Brigitte Böhnhardt, Mutter des Mannes, den viele für einen Rechtsterroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) halten. In München sagt sie vor dem Oberlandesgericht gegen die Freundin ihres Sohnes aus, Beate Zschäpe. Brigitte Böhnhardt bietet einen Einblick in das Drama einer Mutter, die zwei Kinder verlor – Einblick in eine Welt, die zusammengebrochen ist: in der nichts geblieben ist als Kummer und Trauer, Bitterkeit und Misstrauen.

Die 65jährige ist ein besondere Zeugin. Als pensionierte Sonderschul-Pädagogin ist sie gewohnt, sich klar und deutlich auszudrücken. Sie kennt sich aus mit schweren Fällen. Aber das Schicksal ihrer beiden Kinder übertrifft die schlimmsten Albträume, die Eltern haben können: Peter, der Ältere, starb 1988 mit 17, unter rätselhaften Umständen, vermutlich bei einem Unfall. Heute erzählt die Mutter mit fester Stimme von „unserm Uwe“, der „ein aufgewecktes Kerlchen“ gewesen sei, der „von allen geliebt“ und „auch ein bisschen verwöhnt“ wurde: „Bei Nachzüglern ist das wohl so.“

Es blieb aber nicht bei dem Idyll in Jena. Ab der sechsten Klasse gab es Probleme – „mit der Leistung, mit der Disziplin“, sagt die Mutter. Er begann zu „bummeln“, also schwänzte die Schule. Erst Stunden, dann Tage, dann ging er überhaupt nicht mehr in den Unterricht: Und damals, kurz nach der Wende, „hat das niemanden interessiert.“

Vorwürfe gegen Behörden

Brigitte Böhnhardt noch, und ihren Mann Jürgen. Aber die anderen, die Behörden, die Schulämter, die Jugendämter? Die hat sie alle kennengelernt, als Uwe schwierig wurde Anfang der Neunziger. „Das Schulsystem wurde geändert nach dem Ende der DDR, alle waren dagegen.“

Das System sei schuld an Uwes Absturz, die Ämter, die Polizei, die Kripo, der Verfassungsschutz. Schuldzuweisungen, die Brigitte Böhnhardt wiederholt und wiederholt: „Ich habe kein Vertrauen mehr.“

Uwe kam in die Sonderschule, ins Kinderheim, es ging vorübergehend einmal besser, aber dann begann er wieder „zu bummeln“. Und er begann eine Karriere als Kleinkrimineller. Fahren ohne Führerschein, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, er trug Nazi-Symbolen. „Und ich weiß nicht“, sagt die Mutter, „ob er da schon diese anderen Freunde kennengelernt hat“. Diese „anderen“, das sind Neo-Nazis, mit denen ihr Uwe auf Demos ging. „Er durfte keine Plakate haben“, „er durfte keine solche Musik hören“, sagt die Mutter, „er hat krude Ideen nachgeplappert“.

„Der Ralf, die Beate, wir mochten die“

Die Anderen, das sind auch die, die nur drei Meter neben Frau Böhnhardt auf der Anklagebank sitzen. Ralf Wohlleben, einst NPD-Vize in Thüringen, vor allem aber Beate Zschäpe. Zehn Morde sollen Böhnhardt und Uwe Mundlos verübt haben.

Auch für Zschäpe ist der Tag ein besonderer. Man sieht es ihr an. Kein stylisches Outfit am 57. Verhandlungstag. Sie ist nervös, die Haare zurückgebunden, lila Pullover, mädchenhaft. So mag Frau Böhnhardt die Frau kennengelernt haben, die zur Terroristin wurde. „Der Ralf, die Beate, wir mochten die“, sagt Frau Böhnhardt, „alles sehr wohlerzogene Leute, aber alle arbeitslos, alle hatten sehr viel Zeit“. Endlich schien ihr Uwe Freunde zu haben. Sie waren gern gesehene Gäste im Elternhaus Böhnhardt. Bevor sie im Januar 1998 in den Untergrund gingen.

Die Mutter berichtet von diesem Tag, als ihr Sohn verschwand, von der „unseligen Garagendurchsuchung“, als die Ermittler Materialien zum Bombenbau sicherstellten – und sich Uwe trotzdem noch absetzen konnte. Vor der Durchsuchung habe sie ihren Sohn gewarnt: „Pass auf, dass sie nichts finden, was vorher nicht da war“, sagt sie und erklärt dem Gericht: „Wir hatten ja unsere Erfahrungen mit der Polizei.“

Grenzen zwischen Mutter und Komplizin verschwimmen

Drei Vorstrafen standen da schon zu Buche. Sprengstoffdelikte. Die kleine kriminelle Karriere war da schon auf dem Weg zur großen. Aber das konnte die Mutter nicht sehen – oder sie wollte es nicht.

Zwei Monate musste sie warten, dann „endlich, endlich, endlich!“ meldete sich der verlorene Sohn. Ein Zettel mit einem Zeitpunkt und einer Telefonzelle, da fuhren die Eltern hin. „Die Hälfte des Gesprächs ging für Heulen drauf“, sagt sie: „Und ich habe gleich gesagt: Stellt Euch! Stellt Euch! Stellt Euch!“ Wie hat der Sohn reagiert, will Richter Manfred Götzl wissen: „Mutti, ich gehe nicht wieder ins Gefängnis.“

Wo sich ihr Sohn und die anderen aufgehalten haben? „Das wusste ich nicht, das wollte ich auch gar nicht wissen.“ Die Grenzen zwischen Mutter und Komplizin verschwimmen. „Ja, wir haben sie unterstützt am Anfang, auch finanziell, damit sie sich Essen kaufen konnten“. Wie viel? „500 D-Mark, dann noch mal 500, höchstens drei Mal“, sagt sie. 1999 haben die Eltern die Unterstützung angeblich eingestellt. „Das hatte ja keine Zukunft.“ Und: „Wir wollten ja, dass er zurückkommt.“

Tausch von Plätzchenrezepten

Aber getroffen haben sie sich noch, konspirativ, auf Parkplätzen, in Leihwagen: „Wir wussten ja nicht, ob wir verfolgt werden“. Immer aber habe sie darauf gedrungen, dass sich das Trio stelle. Das aber, davon ist sie überzeugt, wollten „bestimmte Kreise“ nicht. Das Landeskriminalamt habe den Eltern gesagt: „Wenn die nur zucken, sind wir schneller.“ Sie hat das als Morddrohung aufgefasst. Die Killer, das sind die anderen: Das ist die Welt der Zeugin.

Zum letzten Mal drückte sie ihren Uwe im Mai oder Juni 2002 an sich. Konspirativ wie immer. Das war die Gelegenheit, bei der die Mutter und Beate Zschäpe Plätzchenrezepte austauschten.

Matthias Maus ist Chefreporter der „Abendzeitung München“, unserem Kooperationspartner in der NSU-Berichterstattung

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