Nach antisemitischem Terror in Halle Stuttgarter Rabbi: "Wir haben keine Angst"

Rabbiner Yehuda Pushkin. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi (Archiv)

Waiblingen/Halle an der Saale. Einen Tag nach dem antisemitischen Terror in Halle ist die Bestürzung auch in Baden-Württemberg groß. Wie steht es um die Sicherheit der jüdischen Gemeinde in der Region? Wir haben darüber mit dem Stuttgarter Rabbiner Yehuda Pushkin gesprochen. 

„Die Gemeindemitglieder sind besorgt“, lautet der erste Satz, den Yehuda Pushkin am Donnerstagnachmittag in den Telefonhörer spricht. Er ist Rabbiner der israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, der auch an die 100 Juden aus dem Rems-Murr-Kreis angehören. Sein zweiter Satz , einen Tag nach dem antisemitischen Angriff in Halle an der Saale, ist eine Klarstellung: "Wir haben keine Angst, wir werden in unserem Alltag nichts ändern."  

Was in Halle an der Saale passiert ist

Ein schwer bewaffneter Täter hat in Halle an der Saale am Mittwoch zwei Menschen erschossen – eine Frau vor einer Synagoge und eine Mann in einem Döner-Imbiss. Zuvor hatte er versucht, die Synagoge zu stürmen, wo dutzende Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur feierten. Filmaufnahmen, die der Täter offenbar im Nachhinein auf der Streaming-Plattform Twitch hochgeladen hat, zeigen, dass er selbstgebastelte Waffen und Sprengstoff mit sich führte.

Laut Bundesjustizministerin Christine Lambrecht handelt es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen 27-jährigen Deutschen, der aus antisemitischen, rechtsextremen Motiven handelte. Ihm wird zweifacher Mord und versuchter Mord in neun Fällen vorgeworfen. Der Generalbundesanwalt Peter Frank sagte am Donnerstagabend in Karlsruhe:  "Was wir gestern erlebt haben, war Terror."

Seit Bekanntwerden der Tat wird deutschlandweit debattiert, ob und wie jüdische Gemeinden vor derartigen Angriffen besser geschützt werden müssen. Auch in Baden-Württemberg.

Antisemitische Hassverbrechen nehmen zu

„Antisemitische Hassverbrechen haben zuletzt – bei allgemein sinkender Kriminalität – wieder zugenommen. Auch in unserem Land sind viele Jüdinnen und Juden wieder unsicher, wo sie ihre Religionszugehörigkeit bekannt machen oder, etwa durch das Tragen eines religiösen Symbols oder einer Kippa, gar öffentlich zeigen können“, hieß es vor wenigen Monaten im ersten Bericht des Antisemitismus-Beauftragten der Landesregierung, Dr. Michael Blume.

Das Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration hat im Jahr 2018 insgesamt 136 Fälle von antisemitischen Straftaten in Baden-Württemberg verzeichnet – 37 mehr als im Vorjahr. 130 davon wurden von der Polizei als politisch motivierte Kriminalität von rechts gewertet.

Zahlen für den Rems-Murr-Kreis

Im Rems-Murr-Kreis habe es im letzten Jahr zehn antisemitische Straftaten von rechts gegeben, im Jahr 2017 waren es acht. Das teilte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Aalen auf Nachfrage mit. 2019 lägen die antisemitischen Straftaten von rechts bisher in einem „ähnlichen Bereich“, eine Zunahme sei bisher nicht festzustellen. Gesondert erfasst würden antisemitische Straftaten mit islamistischem Hintergrund, das seien aber „tendenziell weniger“, so der Sprecher. Genaue Zahlen konnte er zum Zeitpunkt der Anfrage nicht nennen.

Dazu kommt: Ein Phänomen wie Antisemitismus erschöpfend in Zahlen zu erfassen, ist unmöglich. Im ersten Bericht des Landesbeauftragten gegen Antisemitismus wird deshalb zu bedenken gegeben: „Nicht jede antisemitische Handlung fällt […] unter einen Straftatbestand und nicht jede antisemitische Handlung wird angezeigt.“

Niemand habe Angst, auf die Straße zu gehen

Der Anstieg der antisemitischen Straftaten führe zu „Unruhe“ in seiner Stuttgarter Gemeinde, sagt Rabbi Pushkin. Aber, betont er, niemand habe Angst, auf die Straße zu gehen. „In Baden-Württemberg fühlen wir uns immer noch sicherer als in vielen anderen Ländern.“ Er selbst habe bis vor neun Jahren im Norden Deutschlands gelebt, wo er regelmäßig auf der Straße beschimpft worden sei.

„Mehr Schutz ist gut, aber ständige Polizeiüberwachung verbessert das Sicherheitsgefühl auch nicht.“. Rabbi Pushkin hält es für unvorstellbar, dass ein antisemitischer Angriff beispielsweise in Stuttgart so ablaufen könnte, wie es in Halle an der Saale geschehen ist.

„Wir sind im ständigen Kontakt mit dem Innenministerium und der Polizei. Wir haben die Sicherheitsvorkehrungen an der Synagoge zuletzt bei Sanierungsarbeiten noch einmal verbessert. Wir haben Schleusentüren. Wir drücken einen Notrufknopf, und ein, zwei Minuten später ist die Polizei da“, sagt er. Dann fügt er hinzu: „Das können natürlich zwei Minuten zu spät sein. Gott behüte.“

Welle der Solidarität

Noch am Mittwoch, an Jom Kippur, dem Tag der Tat, hätte seine Gemeinde eine Welle der Solidarität erfahren. Landessozialminister Manfred Lucha (Grüne) sei vorbei gekommen, ebenso der Antisemitismusbeauftragte Blume. Etliche Menschen hätten bei spontanen Demonstrationen gezeigt, dass sie mit der jüdischen Gemeinde trauern. Und zu ihr stehen.

„Wir müssen jetzt noch stärker zusammenhalten. Wir müssen uns weiter in der Öffentlichkeit zeigen. Ich glaube es gibt viel mehr Menschen, die uns unterstützen, als Menschen, die versuchen, Hass und Angst zu verbreiten.“


Warum die Einzeltäter-Hypothese problematisch ist

Ein Kommentar von Alexander Roth 

Der Generalbundesanwalt sprach nach dem antisemitischen Terror am Donnerstag von einem Einzeltäter. Auf den ersten Blick scheint das korrekt: Der mutmaßliche Tatverdächtige, dessen Namen wir bewusst nicht nennen, hat nach bisherigen Erkenntnissen alleine gehandelt. Dennoch ist die Bezeichnung „Einzeltäter“ äußerst problematisch.

Der Angreifer von Halle hat sich bewusst inszeniert und seiner Tat damit einen Kontext gegeben. Er filmte sich beim Töten zweiter Menschen. Er lud das Video auf einer der größten Streaming-Plattformen der Welt hoch. Er sprach Englisch, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Weltweit sah man ihm zu.

Nicht nur in der Form, auch im Vokabular nahm er bewusst Bezug auf den Terroranschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch vom März 2019. Der wiederum in der Tradition anderer stand.

Die Namen dieser Mörder, die sich selbst als Märtyrer inszenierten, sollten nicht genannt werden, denn das ist, was sie wollen: Ruhm.

Sowohl im Video, als auch in einem Pamphlet, das laut Experten authentisch ist, begründet der Angreifer von Halle seine schreckliche Tat mit rechtsextremen, antisemitischen Verschwörungstheorien – die hierzulande, vor allem im Netz, immer mehr Zustimmung erfahren. Dabei nimmt er, ebenso wie der Attentäter von Christchurch, Bezug auf die rechtsextreme Theorie vom „Bevölkerungsaustausch“ durch „Masseneinwanderung“.

Auch AfD-Politiker, Identitäre und selbsternannte rechte Intellektuelle verwenden diesen Begriff immer wieder und untermauern diese sogenannte Theorie mit ihren öffentlichen Aussagen. Und verbreiten sie dadurch.

Desweiteren nimmt der Angreifer Bezug auf die Verschwörungstheorie des sogenannten Weltjudentums. Die absurde Kernthese lautet: Juden ziehen in der Weltpolitik im Hintergrund die Fäden, streben nach der Weltherrschaft – und sind schuld an allem Bösen. Diese Erzählung gibt es nicht erst seit der NS-Zeit, wo sie unter anderem als Begründung für den Holocaust diente. Auch sie wird in Zeiten des Rechtspopulismus wieder salonfähig, auch wenn sie lange nicht so offen geäußert wird wie die vom „Bevölkerungsaustausch.“

Der Angreifer von Halle mag alleine den Abzug gedrückt haben. Aber, daran lassen weder seine Ansichten noch seine Selbstdarstellung Zweifel: Ein Einzeltäter war er nicht. Er steht in einer Traditionslinie mit rechtsextremen Hetzern von damals und heute. Er hat sich offenbar alles andere als alleine gefühlt.

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