Nach Brand von Notre-Dame So sicher ist die Waiblinger Michaelskirche

Die Architekten Bernd Treide (links) und Daniel Ulmer über dem Schiff der Waiblinger Michaelskirche. Foto: ZVW/Andreas Kölbl

Waiblingen. Der Brand von Notre-Dame in Paris hat Menschen in aller Welt geschockt. Vermutet wird, dass die Brandursache in Zusammenhang steht mit den Sanierungsarbeiten an der berühmten Kathedrale. Das lässt an die Michaelskirche in Waiblingen denken, die derzeit ebenfalls saniert wird. Anlass für einen Blick in den Dachstuhl.

Die Waiblinger haben sich an den Anblick des eingerüsteten Turms schon gewöhnt, seit mehr als einem Jahr sind die Michaelskirche und das benachbarte Nonnenkirchlein eine Dauerbaustelle. Erneuert wurde in den vergangenen Monaten unter anderem auch der Dachstuhl über dem rund 40 Meter langen Kirchenschiff. Schadhafte Balkenköpfe wurden ersetzt, Risse im mehr als 500 Jahre alten Holz mit Auskeilungen verstärkt. Der von der Kirchengemeinde mit der Sanierung beauftragte Architekt Bernd Treide aus Schorndorf kennt Kirchen in der ganzen Region, beschäftigt sich von Berufs wegen viel mit Brandschutzfragen und hat die Nachrichten aus Paris mit besonderem Interesse verfolgt. Zwischen Notre Dame und der Michaelskirche sieht er hinsichtlich des Dachaufbaus einen wesentlichen Unterschied.

Gefährliche Kombination aus Holz und Blei

Die weltberühmte Kathedrale auf der Seine-Insel trug ein Bleidach, die Michaelskirche ist mit Ziegeln bedeckt. Blei schmilzt bei 300 Grad Celsius - ein Holzfeuer bewirkt deutlich höhere Temperaturen, etwa um die 800 Grad. Blei und Holz können im Brandfall eine fatale Mischung ergeben: Das Blei schmilzt, kommt ins Fließen und entzündet weitere Bereiche des Dachstuhls, der im Fall Notre-Dame aus Eiche gebaut war und bei der Michaelskirche aus Fichte besteht. Am Waiblinger Gotteshaus wurde das Metall hauptsächlich für Fugen verwendet. Im Zuge der Sanierung wurden Fugen mit flüssigem Blei neu ausgegossen, allerdings nur im Außenbereich.

Zwischenraum zwischen Gewölbe und Dachstuhl soll frei bleiben

Etwa ein Drittel aller Kirchenbrände, sagt Bernd Treide, hat elektrische Defekte zur Ursache. Auch deshalb wurden bei der Sanierung die entlang von Balken frei verlaufenden Kabel in Kabelkanäle aus Metall verlegt. Vorsorglich sei darauf zu achten, dass der Zwischenraum zwischen Gewölbe und Dachstuhl frei bleibt und nicht - wie in manchen Kirchen, die Bernd Treide gesehen hat, mit altem Holz und Taubendreck vermüllt ist: „Das wäre der reinste Zunder, außerdem könnten wir etwaige Rissbildungen im Gewölbe nicht erkennen.“

Sprinkleranlagen und Rauchmelder erscheinen als zu aufwendig

Bei Bauarbeiten bleibt die Stromversorgung für Werkzeug und Maschinen grundsätzlich unabhängig von der der Kirche, sondern läuft über einen Baustellenstromkasten und wird nach Feierabend zentral abgeschaltet. Bei Störungen wird das Baustellen-Stromnetz per Schutzschalter automatisch ausgeschaltet. Und selbstverständlich gilt auch für die Arbeiter striktes Rauchverbot. Theoretisch sei es möglich, dass ein beginnender Dachstuhlbrand für eine Stunde unentdeckt bleibe. Dennoch erscheinen Brandschutzvorrichtungen wie Sprinkleranlagen und Rauchmelder aus Sicht des Architekten wegen der Wartung und wahrscheinlicher Fehlalarme als zu aufwendig.

Brandrisiko in historischen Gebäuden geringer als in Wohnungen

Zum generellen Brandrisiko an Kirchen stellt Volker Damm von der Waiblinger Feuerwehr und der Abteilung Brand- und Bevölkerungsschutz der Stadt, eine einfach nachzuvollziehende Überlegung an: „Man bedenke wie alt die Kathedrale ist und wie oft sie gebrannt hat.“ Notre Dame stand am Montag in Flammen - ja. Aber die 800 Jahre davor hat sie überdauert. Das Brandrisiko in historischen Gebäuden wie Kirchen sei geringer als in Wohnhäusern, denn letztere werden viel intensiver genutzt.


Die Sanierung

An der Michaelskirche werden der mehr als 500 Jahre alte Turm, die Außenfassade und das Dach renoviert. Ebenso der Außenputz am Nonnenkirchlein.

Die Kosten der Baumaßnahmen betragen 1,13 Millionen Euro. Rund 435 000 Euro muss die Kirchengemeinde selbst aufbringen. Dafür werden rund 200 000 Euro Spenden gesammelt. Die Gemeinde gibt dazu die Möglichkeit, „Steinpatenschaften“zu übernehmen, Werbebanner am Turm zu mieten, für den Kirchturm zu radeln, Benefizkonzerte zu besuchen oder Geldspenden zu überweisen.

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