Nach Diskussion im Gemeinderat Schorndorf „Ziegelfeld“ wird kein Gewerbegebiet

Der Gemeinderat Schorndorf stimmt dem Gewerbegebiet Ziegelfeld nicht zu. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf. Das geplante Gewerbegebiet „Ziegelfeld“ stand schon bei der Vorberatung im Technischen Ausschuss auf der Kippe – die Probeabstimmung ergab ein Patt –, jetzt im Gemeinderat ist es vollends gekippt. Als es zum Schwur um eine eigentlich nur punktuelle Änderung des Flächennutzungsplans für dieses Gebiet kam, fanden sich außer dem Oberbürgermeister gerade noch mal sieben Stadträtinnen und Stadträte, die sich in diesem Bereich ein Gewerbegebiet vorstellen konnten.

War es im Technischen Ausschuss – und da nicht zum ersten Mal – Grünen-Stadtrat Andreas Schneider gewesen, der mit Zitaten aus dem Umweltbericht, in dem mit Blick auf das „Ziegelfeld“ von höchstwertigen und ertragreichsten Böden die Rede ist, vor einer Zerstörung von Lebensgrundlagen ausgerechnet in Zeiten des Klimawandels gewarnt hatte, so machten im Gemeinderat gleich zu Beginn zwei Wortmeldungen aus anderen Fraktionen deutlich, wohin die Reise gehen könnte. Man könne nicht einerseits übers Klima reden und andererseits solche Gebiete zubauen, sagte SPD-Stadträtin Heidi Rapp, die für die Zukunft vor allem eine maßgebliche Beeinträchtigung der Frischluftschneise befürchtete. Und CDU-Stadträtin Iris Greiner, die gemeinsam mit ihrem Fraktionsvorsitzenden Hermann Beutel schon im Technischen Ausschuss gegen das Gewerbegebiet „Ziegelfeld“ gestimmt hatte, hob außer auf die Schutzgüter Boden und Klima vor allem auch auf den Naherholungswert des östlich der Querspange West und südlich der Rems liegenden Gebiets ab, das vor allem auch von vielen Radfahrern passiert werde. „Eine Bebauung wäre ein nicht wieder gutzumachender Eingriff“, sagte die CDU-Stadträtin.

Grund genug für Andreas Schneider, den Tag schon vor dem Abend beziehungsweise der noch folgenden Schlussabstimmung zu loben. Das sei ein ausgesprochen schöner Tag für ihn, weil ökologische Warnungen im Gemeinderat bislang noch nie den gewünschten Niederschlag gefunden hätten, sagte er und zitierte alte Schorndorfer mit der Bemerkung, dass, selbst wenn überall sonst nichts mehr wachse, auf diesem Boden immer noch etwas wachsen würde. Außerdem, so Schneider, passe es nicht zur Philosophie der Gartenschau, ein solches Stück Kulturlandschaft zubauen zu wollen – zumal wenn die Gefahr bestehe, dass der nächste Sündenfall dann die Erweiterung von Gewerbeflächen in Richtung „Sündle“ in Weiler wäre. Und auch AfD-Stadtrat Dr. Ulrich Bußler war der Meinung, dass man mit Gewerbe nicht so nah an den Stadtkern heranrücken sollte, wie das beim „Ziegelfeld“ der Fall wäre. Wenn überhaupt, dann sollten solche Gebiete für Wohnbebauung freigehalten werden.

Der seltene Fall, dass bei der SPD unterschiedlich abgestimmt wird

Den Reigen der Gegenreden eröffnete FDP/FW-Fraktionschef Gerhard Nickel, der darauf hinwies, dass es zunächst einmal nur um eine Änderung des Flächennutzungsplans und noch längst nicht um einen Bebauungsplan gehe. „Wir müssen mehr Einnahmen generieren und dazu brauchen wir Gewerbe“, sagte Nickel und fügte hinzu, dass eine Stadt, die einwohnermäßig wachsen wolle, auch Arbeitsplätze anbieten müsse. Den Zielkonflikt mit Schutzgütern wie Erholung, Luftzufuhr und Bodenqualität wollte der FDP/FW-Fraktionsvorsitzende nicht leugnen, „aber da unten wurde noch nie Ackerbau und Viehzucht betrieben“. Und für den Fall, dass das „Ziegelfeld“ als Gewerbegebiet gestrichen werden sollte, drohte Nickel schon mal in die Runde: „Kommad mr bloß nedd mit ‘ra Gewerbesteuererhöhung.“ Eingeleitet mit der Bemerkung, dass es nicht so oft vorkomme, dass innerhalb der SPD-Fraktion unterschiedlich abgestimmt werde, gab auch Fraktionschef Thomas Berg zu bedenken, dass es jetzt nur darum gehe, eine mögliche Gewerbefläche darzustellen, nicht aber darum, sie zu bebauen. Das werde erst der Fall sein, wenn er schon lange nicht mehr im Gemeinderat sei.

Eine Einschätzung, die Oberbürgermeister Matthias Klopfer prompt relativierte. „Natürlich wollen wir ins Bebauungsplanverfahren gehen“, sagte er. Und auch die Leiterin des Fachbereichs „Wirtschaftsförderung und Grundstücksverkehr“, Gabriele Koch, machte deutlich, dass zwar nicht an eine Bebauung in nächster Zeit gedacht sei, dass sie das „Ziegelfeld“ aber schon „als Perspektive für die nächsten zehn Jahre“ sehe. Der Oberbürgermeister sprach von einem „Zeithorizont ab 2030“, wobei niemand wisse, wie lange sich so ein Planungsverfahren hinziehe – genauso wenig, wie niemand wisse, „was in zehn, 15 und 20 Jahren ist“ und ob das „Ziegelfeld“ dann überhaupt noch benötigt werde. Keinesfalls aber sei das „Ziegelfeld“ der Einstieg ins „Sündle“. Er selber, so Matthias Klopfer, „würde eine solche Ausdehnung dem Gemeinderat nicht vorschlagen“. Unter Berufung auf den viel beachteten Vortrag des Stararchitekten Prof. Dr. Werner Sobek beim Unternehmerforum sagte Klopfer, dass dessen Botschaft nicht gelautet habe, nicht zu bauen, sondern umweltschonend zu bauen. Das sei „kein Argument“ musste sich Klopfer danach aus den Reihen der Grünen auf seinen Einwand sagen lassen, dass Firmen die Stadt verlassen und woanders hingehen würden, sollten sie in der Stadt nicht bauen können. Matthias Klopfers Antwort auf den Zwischenruf: „Das muss jeder für sich selber gewichten.“

„Irgendwann wär’s mit den Gewerbeflächen sowieso zu Ende“

Stellvertretend für diejenigen, die anders gewichtet haben als der Oberbürgermeister, sprach CDU-Fraktionschef Hermann Beutel in seinem Schlusswort von einem „Paradigmenwechsel“ insofern, als bei solchen Diskussionen und Entscheidungen „in der Vergangenheit immer die Landschaft auf der Strecke geblieben“ sei. Irgendwann, so Beutels Feststellung, „ist’s mit den Gewerbeflächen sowieso zu Ende“, und jetzt komme dieses Ende halt ein bisschen früher als von manchen geplant.


Paradigmenwechsel

Ein Kommentar von Hans Pöschko

Hermann Beutel hat recht: Die Entscheidung des Gemeinderats gegen das Gewerbegebiet „Ziegelfeld“ ist nicht mehr und nicht weniger als ein Paradigmenwechsel – oder ein Wechsel auf die Zukunft, der genau zur richtigen Zeit kommt. Nicht weil’s gerade in Mode ist, alles gut zu finden, was das Etikett „Klimaschutz“ trägt, sondern weil es einfach an der Zeit ist, der zunehmenden Flächenversiegelung – und sei es auch zunächst einmal nur auf dem Papier – Einhalt zu gebieten. Und dass andere noch nicht so weit sind und vielleicht sogar darauf spekulieren, solcherart Zurückhaltung für eigene Zwecke ausnutzen zu können, sollte einen nicht davon abhalten, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun. Weitsichtige Kommunalpolitik zeichnet sich nicht dadurch aus, immer nur nach höheren Gewerbesteuereinnahmen zu streben.

Das Verdienst, diesen Paradigmenwechsel eingeleitet zu haben, gebührt den Grünen – und zuallererst ihrem oft unbequemen streitbaren Geist Andreas Schneider, der beim Thema Flächenverbrauch seit Jahren nicht locker lässt – ohne deshalb in jedem Fall recht zu haben. Das zwischen bestehendem Gewerbegebiet und Ortsumfahrung eingeklemmte Gewerbegebiet „Niederfeld“ in Haubersbronn ist ein Beispiel für eine absolut vertretbare Gewerbeflächenausweisung. Auch in Zukunft muss jeder Einzelfall gewissenhaft geprüft werden. Die klare Entscheidung „Ziegelfeld“ lässt aber vermuten, dass dabei künftig öfters ein anderes Ergebnis herauskommt, als das in der Vergangenheit der Fall war.

  • Bewertung
    7

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!