Nach Unfall in Schorndorf Wie Eltern mit dem Tod ihres 17-jährigen Sohnes umgehen

So werden seine Eltern ihn in Erinnerung behalten: Marc Fritz hat eine Ausbildung beim Straßenbau-Unternehmen Leonhard Weiss absolviert und war dort vor sechs Monaten in einem Imagefilm für seinen Beruf aufgetreten. Dieses Bild ist dem Film entnommen. Foto: Privat

Rudersberg. Marc Fritz war einer der drei Jungen, die bei einem tödlichen Unfall am Miedelsbacher Kreisel im August ihr Leben ließen. Für die Eltern brach in der Unfallnacht eine Welt zusammen. Dass sich nach wenigen Stunden Bilder im Internet verbreiteten, auf denen ihr Sohn zu sehen ist, macht sie heute noch fassungslos.

Ein „Schafferle“, keiner für die Theorie war Marc gewesen. Jemand, der gerne anpackte und mitten im Leben stand, eine Ausbildung zum Straßenbauer absolvierte und den sein Arbeitgeber im Anschluss gerne übernommen hätte. „Er war ein Junge, auf den man nur stolz sein konnte“, sagt sein Vater Uwe Fritz.

All diese Pläne zerbrachen in der Nacht zum 21. August, als er auf dem Beifahrersitz eines Golfs saß, der bei einem Unfall am Miedelsbacher Kreisel von einem Lastwagen erfasst wurde. Der Fahrer des Autos, ein guter Freund von Marc, hatte die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren, war auf die Gegenfahrbahn geraten. Da dort just in diesem Moment, um 1.22 Uhr nachts, ein Lastwagen fuhr, überlebte am Ende keiner der Autoinsassen den Unfall.

Ein pietätsloses Foto und böse Gerüchte über die drei Jungen

Schlimm genug, dass drei junge Menschen ihr Leben ließen. Doch dass sich tatsächlich noch in der Nacht Gaffer mit der Kamera aufmachten, um möglichst spektakuläre Fotos von dem Unfall zu bekommen, das empört die Eltern von Marc, macht sie fassungslos. Von der Polizei haben Rosemarie und Uwe Fritz erfahren, dass Neugierige, nachdem die Polizei sie nicht zum Unfall ließ, sich auf einen Feldweg begaben, um den Unfall von oben zu fotografieren.

Auf einem Foto, das schnell im Netz kursierte (und zeitweise auch auf Nachrichtenseiten zu sehen war, wie die Polizei berichtet), sieht man den 17-jährigen Marc vor dem Auto liegen. „Das ist rücksichtslos und pietätslos“, sagt Rosemarie Fritz. Gerne würde sie wissen, wer die Aufnahme gemacht hat. Doch bis heute ist nicht klar, wer sie ins Netz hochgeladen hat. Die Familie hat deshalb eine Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt, aber seitdem nichts mehr in der Sache gehört.

Eltern vermissen Moral und Respekt

„Moral und Respekt gehen total verloren“, findet Uwe Fritz, der beruflich viel mit dem Auto unterwegs ist und immer wieder sieht, wie rücksichtlos seine Mitmenschen handeln, wenn sie Rettungsgassen nicht ermöglichen oder bei Unfällen sofort abbremsen und das Handy zücken.

Auch in den Tagen nach dem Unfall habe er bisweilen Moral und Respekt vermisst. Gerüchte hätten kursiert, dass die Jungen alkoholisiert waren oder Drogen genommen hätten. Dem widersprechen die Eltern von Marc vehement – und auch die Polizei hat nichts dergleichen festgestellt.

Die drei Jungen (allesamt Einzelkinder) waren gute Freunde und gingen im Hause Fritz oft aus und ein. Ausgesprochen vernünftig seien sie gewesen, hätten hin und wieder aber auch harmlosen Quatsch getrieben. Als um vier Uhr nachts die Polizei vor der Tür stand, hatte Rosemarie Fritz deshalb zunächst an nichts Schlimmes gedacht. Erst als sie ihren Sohn nicht sah und stattdessen ein Seelsorger sie nach drinnen bat, wurde ihr klar, dass etwas passiert sein musste.

Die Familie will keine Vorwürfe oder Schuldzuweisungen machen

Wie es dazu kam, dass der Fahrer des Golfs die Kontrolle über sein Auto verlor, ist nach wie vor unklar. Vermutlich war er zu schnell unterwegs – einen ausführlichen Unfallbericht hat die Familie aber bis heute nicht erhalten. Zwei weitere Freunde, die ihnen folgten, hatten noch vor Ort Erste Hilfe geleistet und den Notruf abgesetzt, konnten sie aber auch nicht mehr retten.

Den Lkw-Fahrer, der einfach zur falschen Zeit am falschen Ort war, trifft aus Sicht der Familie keine Schuld. Gerne würden sie daher wissen, wie es dem Fahrer geht. (Falls er dies liest: Über die Redaktion würden wir den Kontakt herstellen.)

Schuld ist ohnehin keine Kategorie, die Uwe und Rosemarie Fritz mit dem Tod ihres Sohnes verbinden. Auch wenn beide aus der katholischen Kirche ausgetreten sind (der Vater direkt nach dem Unfall), eint sie ein tiefer innerer Glaube, der dabei hilft, dass sie nicht an dem Verlust ihres einzigen Kindes zerbrechen.

Riesige Anteilnahme

Geholfen habe auch ungemein, dass sie mit Doreen Österle jemanden an ihrer Seite hatten, der in den Tagen und Wochen danach immer für sie da war. Ein glücklicher Zufall, dass die Freundin der Familie zugleich Bestatterin ist. „Wenn ich sie nicht gehabt hätte, wäre ich jetzt bestimmt in Winnenden“, sagt Rosemarie Fritz.

Sehr dankbar ist die Familie darüber, dass der evangelische Pfarrer Arno Konrad die Trauerfeier in der Johanniskirche ermöglichte – und das, obwohl Marc nicht getauft war und statt ihm ein freier Redner die Trauerrede hielt. Annähernd 200 Menschen wollten von Marc Abschied nehmen, „die Anteilnahme war riesig“. Ihr Sohn lag dort in einem Sarg, der seinem Beruf entsprechend mit einer geteerten Straße verziert war. Auch die von Heidrun Herrmann erstellte Grabplatte der Urnenstele zieren Symbole aus dem Straßenbau. Dafür sind Marcs Eltern besonders dankbar. Denn so wollen und werden sie ihren Jungen in Erinnerung behalten: Als mitten im Leben stehenden Anpacker, der Bagger bis zu sieben Tonnen fuhr.

Vielleicht, so die Hoffnung der Familie, hat der Tod der drei Jungen bei manchen ja auch etwas in Gang gesetzt. Denn eines ist für Marcs Eltern klar: Ihr Sohn ist in der Nacht auf den 21. August nicht umsonst gestorben. Auch wenn sich der Sinn für die Eltern bislang nicht erschließen mag, so sind sie doch sicher, dass es ihn gibt.


An die Gaffer

Die Eltern von Marc Fritz wünschen sich generell mehr Respekt und Empathie von den Verkehrsteilnehmern an Unfallstellen. „Die Gaffer sollen die Helfer ihre Arbeit machen lassen und einfach wegbleiben“, sagt Rosemarie Fritz, die sich fragt, ob die Gaffer, sollte ihnen so etwas selbst passieren, denn auch gerne ins Netz gestellt werden würden.

Auch vor Unfallstellen sollten die Leute besser den Kopf einschalten und Rettungsgassen bilden, was heute leider allzu selten funktioniere. „Das ist echt traurig.“ Viel zu viele Mitmenschen seien nur noch egoistisch und auf der Suche nach dem eigenen Vorteil. „Ein bisschen mehr Wir würde nicht schaden“, findet sie.

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