Mark Hollis von Talk Talk ist tot „Such a Shame“: Verstummter Held der Achtziger

Mark Hollis (hier bei einem Fototermin im Jahr 1990) ist im Alter von 64 Jahren gestorben. Foto: Getty Archive

Stuttgart - Am 7. April dieses Jahres wird es exakt 35 Jahre her sein, dass Mark Hollis den größten Triumph seines Lebens feiern konnte. An jenem Tag brachte es das von ihm geschriebene Lied „Such a Shame“ erstmals in die Charts, in denen es sich europaweit fortan bald ein halbes Jahr lang tummeln sollte. Das Lied läuft noch heute, über drei Dekaden später, tagtäglich irgendwo auf der Welt im Radio; zumindest alle Menschen, die damals, also 1984, im Teeniealter waren, werden noch enge persönliche Erinnerungen an den Song geknüpft haben – und vermutlich auch an das dazugehörige mürrische Musikvideo, das, karg inszeniert, die Alltagsödnis des britischen Middle-Class-Lebens vorführte, wie ohnehin Hollis’ Band Talk Talk sich wohltuend durch Ernsthaftigkeit in der Themenauswahl von den anderen Bands und den Posterboys jenes Synthie-Pop-Genres abhob, das den Popmusikgeschmack und die Hitparadensendungen dominierte.

Hollis wird dieses kleine Jubiläum nun leider nicht mehr miterleben können. Der 1955 im Londoner Stadtteil Tottenham geborene Musiker starb, wie sein Schwager am späten Montag mitteilte, jetzt überraschend und früh im Alter von nur 64 Jahren; wie es heißt, nach schwerer Krankheit.

Mark Hollis war 1981 Mitbegründer der Band Talk Talk, als Sänger, Gitarrist und vor allem Songschreiber prägte er das Quartett, er war verantwortlich für „Such a Shame“, gemeinsam mit dem Pianisten Tim Friese-Greene auch für den kurz davor erschienenen zweiten großen Bandhit „It’s my Life“ sowie auch für den ersten Erfolg, die Debütsingle der gleichnamigen Band, „Talk Talk“, 1982. Eindruck auch bei der ernsthaften Musikkritik machte die Band mit den beiden frühen Alben „It’s my Life“ (1984) und „The Colour of Spring“ (1986). Deren kommerzieller Erfolg ermöglichte ihnen den Weg hin zu zwei eher in Richtung Avantgardejazz tendierenden Werken, bei denen dieser Erfolg erwartungsgemäß ausblieb. Und kurz darauf, nachdem ihr altes Label Emi (das sie dreisterweise sogar verklagt hatte, weil ihnen die beiden Alben nicht kommerziell genug waren) 1991 ein Remixalbum gegen den erklärten Willen der Band herausbrachte, war die Band Talk Talk dann auch schon wieder Geschichte. Hollis brachte 1998 noch ein gleichfalls selbst betiteltes, nicht gerade unterkomplex akustisch instrumentiertes Soloalbum heraus, zog sich dann allerdings mehr oder weniger komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Auch um seine Bandkameraden ist es ruhig geworden, allenfalls der Schlagzeuger Paul Webb blieb und bleibt präsent: unter dem Künstlernamen Rustin Man und mit dem Meisterwerk „Out of Season“, das er gemeinsam mit der tollen Portishead-Sängerin Beth Gibbons veröffentlichte.

„Er war ein musikalisches Genie, und es war eine Ehre und ein Privileg, mit ihm in einer Band gewesen zu sein“, schrieb Webb bei Facebook über seinen früheren Bandkollegen Hollis. Der Satz ist mehr als eine Floskel, er bringt zum Ausdruck, dass der aus den vielfältigsten musikalischen Quellen inspirierte Mark Hollis für mehr stand als nur ein „Two-Hit-Wonder“, wenngleich ihm auch dieses Verdienst niemand mehr nehmen kann: nämlich für eine künstlerische Experimentierfreude, die so groß war, dass sie ihm sogar eine Klage der Plattenfirma einbrachte. Welcher Musiker kann sich das schon auf die Fahnen schreiben?

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