Neue Attraktion im Zoo Berlin Ein Staatsakt für die Pandas

Berlin - Betrachtet man den Bambuskonsum, dann scheint sich Jiao Qing schon recht wohl in der neuen Heimat zu fühlen, auch wenn ein paar Fragen vorerst offen bleiben müssen. Zum Beispiel die, ob dieser Bär schon tut, was ein Bär tun muss: im Handstand pinkeln! Pandas machen so etwas, natürlich nur die Männchen, und wie immer bei völlig sinnlosen Handlungen geht es dabei um Statusfragen im engeren Sinne. Höher ist gleich toller ist gleich Chef – man kennt das.

Und falls nicht, dann kommt man, zumindest in Berlin, in diesen Tagen nicht umhin, es zu erfahren. Die Stadt leidet am Panda-Wahn. Vergangene Woche trafen nach jahrelangen Verhandlungen zwei der chinesischen Großbären in Berlin ein. Flug Cargo First Class, Empfang am Flughafen durch den Regierenden Bürgermeister persönlich samt Ansprache, verschiedenste Sorten Bambus als Willkommensimbiss inklusive.

Der Zoo Berlin stellt laufend kleine Videoschnipsel ins Netz

Jiao Qing und Meng Meng heißen die beiden Neuberliner. Schätzchen und Träumchen auf deutsch – ein Männchen und ein Weibchen – und wenn man sich anschaut, wie diese Tiere in der Hauptstadt, ja in Deutschland empfangen werden, dann bekommt die Wortschöpfung Willkommenskultur einen ganz neuen Klang. Noch kann man die Pandas vom rundohrigen Kopf bis zur spreizfüßigen Tatze nur bambusmalmend im Internet bestaunen: Quarantäne, Eingewöhnung, Jetlag. Der Zoo Berlin stellt laufend kleine Videoschnipsel ins Netz und letzte Neuigkeiten in einen eigens eingerichteten Panda-Blog. Aber in dieser Woche ist es soweit: Berliner trifft Bär. In echt.

Welche Massenhysterie hinter diesem Satz stehen kann, weiß man seit der öffentlichen Huldigung fürs Eisbärenkind Knut von dessen erstem Erscheinen bis zum tragischen Ableben. Auch bei Pandas sind die Hauptstädter ebenso begeisterungsfähig: wer ein Herz hat, der liebte, lebte und litt über viele Jahre mit den beiden Tieren Bao Bao und Yan Yan. Erst kannten sie einander nicht, dann mochten sie einander nicht, dann wurden sie Opfer der menschlichen Familienplanung samt künstlicher Befruchtung. Doch ein Bärenbaby gab es nicht. Yan Yan starb 2007 an einer Darmverstopfung, was die Chinesen den Deutschen bis heute nicht vergeben haben, Bao Bao segnete 2012 als weltweit dienstältester Zoopanda das Zeitliche. Seitdem gab es in keinem Tierpark in Deutschland mehr ein Exemplar.

Prinzipiell allerdings geht in Sachen Panda nichts ohne hohe Politik

Was umgekehrt bedeutet: das Wettrennen war eröffnet. Zoos lieben Pandas, denn die lassen die Besucherzahlen nach oben schnellen. Aber noch mehr liebt sie die chinesische Regierung. Die kuschelig-kapriziösen Tiere werden in China verehrt. International sind sie zum Symbol für Artenschutz geworden. Und so wurden sie für China eine diplomatische Verhandlungseinheit.

Bao Bao und das Weibchen Tjen Tjen wurden 1980 als erste Pandabären dem deutschen Kanzler Helmut Schmidt geschenkt. Aber mit Geschenken ist es seit 1982 vorbei. China vergibt die Bären aus der Aufzuchtstation Chengdu jetzt nur noch leihweise, 15 Jahre zu Kosten von etwa einer Million Euro im Jahr. Der Zoo Berlin legt Wert auf die Feststellung, dass er im Fall der beiden Neuzugänge für diese Kosten aufkommt und nicht der Staat.

Prinzipiell allerdings geht in Sachen Panda nichts ohne hohe Politik. Wenn ein Staat solch einen Bären in einem Zoo präsentieren möchte, dann muss er mit Chinas Staatsregierung verhandeln, und zwar jahrelang. Man weiß nicht genau, wie diese Verhandlungen laufen, darf aber sicher davon ausgehen, dass während der Gespräche Themen wie die Verletzung der Menschenrechte oder die Verhaftung von Dissidenten eine nachrangige Rolle spielen.

Pandas haben meistens nicht einmal Lust auf Sex

Das dürfte auch an diesem Mittwoch so sein, wenn im Berliner Zoo ein kleiner Staatsakt über die Bühne geht. Am Vortag des G20-Gipfels in Hamburg wird die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jingping der Übergabe der Bären beiwohnen. Das Fernsehen überträgt live.

Jiao Qing und Meng Meng werden dann den nagelneuen, zehn Millionen Euro teuren „Panda Garden“ entern,entworfen von einem international renommierten Pandagehegearchitekturbüro, welches schon Erfahrungen in Korea gesammelt hat: alles schick mit Rutsche, Klettergerüst, klimatisiertem Innenbereich und vor allem strenger Geschlechtertrennung.

Pandas sind nämlich nicht nur empfindlich, faul und verfressen, sondern auch ziemlich muffelig. Insofern ähneln sie den Bewohnern der deutschen Hauptstadt. Sie wollen am liebsten ihre Ruhe, das geht so weit, dass sie meistens nicht einmal Lust auf Sex haben. Deshalb hat Berlin im Pandagehege also wieder eine Mauer gebaut. Einmal im Jahr ist das Weibchen trotzdem fruchtbar, im Frühling. Für diesen Zeitraum ist ein Liebestunnel gebuddelt worden. Wer weiß, vielleicht krabbelt einer von beiden zum anderen rüber. Sollte das passieren, würde ein Pandababy den Chinesen gehören. Aber bis dahin fließt noch viel Wasser den künstlichen Bach im Panda Garden hinunter. Von Donnerstag an können auch die Berliner alldem zusehen. Mit Andrang im Zoo wird gerechnet.

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