Neue Häuser genehmigt Nachbarn in Winterbach fürchten Unerträgliches

Ortsschild Winterbach. Foto: Mogck/ZVW

Winterbach. In der Neuen Gasse sollen in Winterbach in zentraler Lage ein Sechsfamilienhaus und ein Einfamilienhaus gebaut werden. Verwaltung und Gemeinderat sehen darin angesichts einer hohen Nachfrage nach Wohnungen eine sinnvolle Nachverdichtung. Die Nachbarn zweifeln an diesem Bedarf und sprechen von unerträglichen Belastungen, die für sie durch das Mehrfamilienhaus entstünden.

Die derzeitige Situation auf dem Wohnungsmarkt aus Sicht der Winterbacher Gemeindeverwaltung beschrieb Bauamtsleiter Rainer Blessing so: „Wenn wir eine Gemeindewohnung ausschreiben, ist es keine Seltenheit, dass wir 40 oder 50 Bewerbungen haben.“ Die Nachfrage nach Wohnraum sei hoch. In die wirtschaftstarke Region Stuttgart gebe es nach wie vor eine starke Zuwanderung. Aber auch junge Winterbacher, die eine eigene Familie gründen wollten, so Blessings Erfahrung, „suchen händeringend in dem Ort, wo sie großgeworden sind“, nach einer Wohnung oder einem Bauplatz – und fänden nichts.

Gemeinderat stimmt klar für Bebauungsplan

Deswegen sei der Weg richtig, den Verwaltung und Gemeinderat seit Jahren verfolgen würden, im Innenbereich Baulücken bebaubar zu machen, zog Rainer Blessing seinen Schluss. Dabei gebe es freilich immer Auswirkungen auf die bestehende Nachbarschaft und man müsse abwägen: „Was ist insgesamt zumutbar? Das ist eine schwierige Frage.“

Im aktuellen Fall eines Bebauungsplans für ein Sechsfamilien- und ein Einfamilienhaus in der Neuen Gasse beantwortete der Gemeinderat für sich diese Frage ziemlich eindeutig. Es gab lediglich eine Enthaltung, ansonsten stimmten alle für den Bebauungsplan in der vorgelegten Form.

Gute Wohnlage nah am Ortskern und am Bahnhof

Die beiden Grundstücke, die durch den neuen Bebauungsplan entstehen, liegen beide im rückwärtigen Teil der neuen Gasse, wo derzeit noch ein ehemaliges Bauernhaus mit Scheune steht. Dieses Haus ist mittlerweile unbewohnt und zwei verschiedene Bauherren wollen dort neu bauen, der eine ein Einfamilienhaus, der andere ein Haus, das auf drei Geschossen sechs Parteien Platz bietet. Bauamtsleiter Rainer Blessing sprach von einer „sehr guten Wohnlage“, sehr zentrumsnah mit dem Bahnhof in zwei Minuten Laufweite.

Nachbar befürchtet starke Zunahme des Verkehrs

Dass es eine gute Wohnlage ist, das sehen auch die Nachbarn so, die Einwände gegen den Bebauungsplan erhoben haben. „Extrem leise“ und „sehr zentral“, so beschrieb einer von ihnen die Vorteile des Standorts im Gemeinderat. Durch den Bau des Mehrfamilienhauses und alles, was es an Folgen bringt, sieht er die gute Wohnlage jedoch gemindert. „Wir sind aufs Land gezogen, um Platz zu haben, und bessere Luft.“

Der Mann befürchtet zum Beispiel eine starke Zunahme des Verkehrs. Neun Stellplätze sind im Bebauungsplan für das Mehrfamilienhaus vorgesehen. Das Problem aus Sicht der südlichen Nachbarn ist, dass die Autos über eine Zufahrt direkt an ihren Häusern vorbeifahren und direkt daneben ein- und ausparken. „Wir würden eine Mehrbelastung akzeptieren, aber nicht so viele“, sagte der Anwohner im Gemeinderat. Die zu befürchteten Immissionen seien „unerträglich“.

Verlegung der Parkplätze nicht sinnvoll

Bürgermeister Sven Müller erwiderte darauf: „Ich kann keine Unerträglichkeit feststellen.“ Er und Rainer Blessing gingen auf alle Kritikpunkte der Anwohner ein. Müller betonte zur Befürchtung, der Wohnwert der Nachbarhäuser könnte sich vermindern: „Ihnen wird kein Schaden entstehen, weil sich im Mietspiegel nichts ändert.“ Die Preise am Markt seien eher im Steigen.

Eine Verlegung der Parkplätze auf die Nordseite des Mehrfamilienhauses sei nicht sinnvoll, so Rainer Blessing. Die Fahrstrecke zu den Parkplätzen würde dann 15 bis 20 Meter länger, damit würde man den Parkverkehr nur weiter „auf andere Anwohner verlagern“.

Wird Tiefgarage vorgeschrieben, könnte Projekt scheitern

Eine Tiefgarage vom Bauherrn zu fordern, wie sie auch mehrere Gemeinderäte als Vorschlag ins Spiel brachten, hält die Gemeindeverwaltung ebenfalls nicht für sinnvoll. „Wir haben ein Grundwasserproblem“, sagte Sven Müller. Und Rainer Blessing betonte: Wenn man bei diesen Voraussetzungen eine Tiefgarage vorschreibe, dann sei die Gefahr, dass das Projekt scheitere, wenn der Investor abspringe. „Dann könnte es sein, dass sich am Zustand, wie er jetzt ist, nichts ändert.“ Sprich: keine Neubebauung, kein neuer Wohnraum.

Reines Wohngebiet kann nicht ausgewiesen werden

Der Bauamtsleiter ging außerdem auf die Forderung der Anwohner ein, im Bebauungsplan rechtlich ein „reines Wohngebiet“ auszuweisen. Der Bebauungsplan, wie er jetzt vom Rat befürwortet wurde, sieht ein „besonderes Wohngebiet“ vor. Dort sind auch kleinere Gewerbebetriebe mit weniger Verkehr möglich wie etwa ein Architekturbüro oder eine Schneiderei, so erklärte Rainer Blessing im Gemeinderat. Bisher ist dort ein „Dorfgebiet“ festgesetzt, weswegen sich die Situation jetzt sogar verbessere, betonte er. Darin sind zum Beispiel landwirtschaftliche Betriebe zulässig, etwa ein Gartenbaubetrieb, der dort einen Lagerplatz anlegen könnte, der viele Fahrzeugbewegungen zur Folge habe (siehe Baurecht). „Das alles ist künftig nicht mehr zulässig.“

Ein reines Wohngebiet könne man an der Stelle auch gar nicht ausweisen, weil der übergeordnete Flächennutzungsplan das nicht vorsehe. „Da würden wir gegen höherrangiges Recht verstoßen“, betonte Bürgermeister Sven Müller. CDU-Gemeinderätin Birgit Bürk hatte sich zuvor der Forderung der Anwohner nach einem „reinen Wohngebiet“ angeschlossen. Bei der Abstimmung enthielt sie sich.

Blessing: "Was Luft anbelangt, wird es wesentlich besser"

Ebenfalls eine Verbesserung sieht Rainer Blessing darin, dass das neue Gebäude weiter von den Nachbarn im Süden abrückt als das bestehende: „Es entsteht ein Abstand von 13 Meter. Was Luft anbelangt, wird es wesentlich besser.“ Ja, es komme mehr Verkehr, „aber noch zumutbar“, es gebe Veränderungen, „aber nicht so, dass dort kein gesundes Wohnen mehr möglich ist“, so das Fazit des Bauamtsleiters.


Baurecht

Der neue Bebauungsplan für die zwei Baufenster in der Neuen Gasse sieht ein „besonderes Wohngebiet“ vor. Dieses dient laut Baunnutzungsverordnung (BauNVO) vorwiegend dem Wohnen, es sind dort aber auch zulässig: Läden, Betriebe des Beherbergungsgewerbes, Schank- und Speisewirtschaften, sonstige Gewerbebetriebe, Geschäfts- und Bürogebäude, Anlagen für kirchliche, kulturelle, soziale, gesundheitliche und sportliche Zwecke.

Im Unterschied dazu sind in einem „reinen Wohngebiet“, das Nachbarn sich gewünscht hätten, neben Wohngebäuden nur zulässig: „Anlagen zur Kinderbetreuung, die den Bedürfnissen der Bewohner des Gebiets dienen“.

Bisher war das Areal, für das der neue Bebauungsplan gilt, als „Dorfgebiet“ definiert. Darin ist einiges mehr zulässig als in reinen und besonderen Wohngebieten, zum Beispiel: „Wirtschaftsstellen“ land- und forstwirtschaftlicher Betriebe, Gartenbaubetriebe oder Tankstellen.

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