Stuttgart - Stuttgarts Zentrum erstickt im Verkehr. Das liegt auch daran, dass am Stadtrand Verbindungen zwischen Fernstraßen fehlen. Baldige Neubauten sind nicht in Sicht. Dennoch ringen Landesbehörden, Stadt und Daimler AG wieder um eine Straße zwischen der B14 beim Daimler-Werk Untertürkheim und der B27.

Eigentlich schien der Weg gefunden, wie die Autos künftig besser zwischen Neckartal und Autobahn Stuttgart-München verkehren könnten: auf einer neuen Filderauffahrt, die östlich von Hedelfingen von der B10 in einen Tunnel führt, später oberirdisch in Richtung Heumaden und in einem Tunnel unter Kemnat hindurch. Bei Hohenheim würde die neue Trasse an die Mittlere Filderstraße anknüpfen, die zur A8 führt.

Auf diesen Verlauf hatten sich betroffene Kommunen auf Initiative des Verbands Region Stuttgart geeinigt, nachdem Regierungspräsident Udo Andriof im Jahr 2007 ein Supergutachten über zig Straßenvarianten hatte vorlegen lassen, die nur Entsetzen und Unverständnis auslösten. Das Bundesverkehrsministerium zog sich aus dem Projekt Filderauffahrt vollends zurück, und das Regierungspräsidium (RP) schmollte. Kommunen und Region taten sich zusammen und schickten sich an, ihre Trasse im Regionalplan zu verankern. Wer das alles bezahlen soll, blieb offen.

Der heutige Regierungspräsident Johannes Schmalzl (FDP), Nachfolger von Andriof, hat die Runde nun aufgemischt. Seine Straßenplaner und Umweltexperten sind angewiesen, die Akten wieder zu öffnen.

Stuttgarts Stadtplaner und die Stadträte der Freien Wähler sind überzeugt davon, dass Schmalzl im Oktober Pläne für eine superteure Straße mit Brücke über den Neckar und mit Tunnel bis zur B27 beim Stadtteil Hoffeld präsentieren will. Diese Straße soll dafür sorgen, dass der Verkehr vom Remstal künftig nicht am Neckar auf die B10 einmünden muss, sondern auf direktem Weg in Richtung B27, Echterdinger Ei und A8 fließen kann - oder umgekehrt.

Das RP bestreitet, dass Schmalzl diese Trasse will und die Planer sie ausarbeiten müssen. Der Chef habe vielmehr das Signal gegeben, das Thema Filderauffahrt wieder aufzurollen, die Grundlagenarbeit noch einmal zu beginnen und diesmal den Umweltaspekt, großräumige Entlastungseffekte und realistische Kosten-Nutzen-Relationen schärfer in den Blick zu nehmen. Aus Schmalzls Sicht hätte die ominöse Trasse aber zwei große Vorteile. Erstens könnte der Bund so eine Querspange schwerlich als untergeordnete Straße abtun. Er müsste sie bezahlen, wenn sie irgendwann gebaut wird. Zweitens könnte Schmalzl dann vielleicht doch dem Ziel näher kommen, den Feinstaub-Brennpunkt Neckartor in der Innenstadt zu entschärfen. Auch Stuttgarts Städtebau- und Umweltbürgermeister Matthias Hahn (SPD) räumt ein, dass diese stadtkernnahe Verbindung zwischen Neckartal und Fildern am meisten Verkehr von der Cannstatter Straße und dem Neckartor abziehen könnte. Hahn gilt aus anderen Gründen aber seit Jahren als entschiedener Gegner einer solchen Variante.

Für die Daimler AG dagegen hätte sie den Vorteil, dass ihre Transporte zwischen Untertürkheim und Sindelfingen verkürzt würden und die Stuttgarter City endlich umfahren werden könnte. Das dürfte auch Thema gewesen sein, als Schmalzl ein Gespräch mit Daimler-Verantwortlichen führte.

Der Arbeitsauftrag für die Mitarbeiter wird das wenig herzliche Verhältnis der Umwelt- und Straßenbauexperten von Landesbehörden und Stadt weiter belasten. Er irritiert auch die Stadträte. Für die Stadtteile Hedelfingen, Heumaden, Sillenbuch und Riedenberg sowie für Ostfildern-Kemnat verheißen die Gedankenspiele des Regierungspräsidiums keine oder viel weniger Entlastung von Verkehr zwischen der B10 und der A8. Deshalb würde die Behörde mit einer innenstadtnahen Trasse im Rathaus wohl auch auf erbitterten Widerstand treffen. Außerdem könne so eine Straße nur komplett gebaut werden, nicht in Etappen, wie die von der Region empfohlene Straße, wendet Hahn ein.

Die angebliche Wunschvariante von Schmalzl, die im Jahr 2007 von den Kommunen schon verworfen wurde, wäre mit geschätzten Kosten von rund 400 Millionen Euro sehr teuer. Die Trasse, auf die die Region setzt, würde rund 200 Millionen Euro kosten. Sie müsste, weil der Bund sie nicht als Fernstraße anerkennt, maßgeblich vom Land finanziert werden, für das Schmalzl arbeitet. Angesichts der hohen Kosten und der leeren Kassen auf allen Ebenen rät Bürgermeister Hahn trotzdem zu Gelassenheit.