Neuer Architekturführer Stuttgart Entdeckung auf den zweiten Blick

Stuttgart - Viertausend in die Kammer eingetragene Architekten zählt Stuttgart. Damit hat die Stadt die höchste Architektendichte pro Einwohner in ganz Deutschland. Was unter anderem darin begründet ist, dass hier gleich drei Architekturfakultäten junge Absolventen auf den Markt der Planer werfen: die Universität, die Hochschule für Technik und die Staatliche Akademie der Bildenden Künste. Zudem haben eine ganze Reihe Architekturverlage ihren Sitz in der baden-württembergischen Landeshauptstadt.

Ist Stuttgart also Architekturhauptstadt? Rein rechnerisch ja. Und es gibt hier eine ganz erkleckliche Zahl namhafter Büros, die zur Spitzenriege der Architektenzunft zählen, national wie international. Aber ist Stuttgart auch die Stadt in Deutschland, die mehr als andere für die überdurchschnittliche architektonische Qualität des hier Gebauten steht? Die immer wieder mit architektonischen Leuchttürmen in der Republik von sich reden macht? Die auch städtebaulich so wegweisend ist, wie es sich für eine richtige „Architekturhauptstadt“ gehört?

Nun ja. Zahlen sind eben nur das eine. Und die erwähnten renommierten Architektinnen und Architekten bauen zwar viel und oft gut – aber gerne auch mal außerhalb von Stuttgart. Das andere aber ist das Image. Und dies, so befinden die Autorinnen Uta Lambrette und Birgit Schmolke, entspreche nicht ganz der „vorliegenden Situation“.

Das genaue Hinsehen lohnt sich

In ihrem nun erschienenen „Architekturführer Stuttgart“ äußern sie den Wunsch, der Band möge diesen „Status quo“ ändern, möge dem Leser „die Schönheit der Stuttgarter Architektur – wenn auch nur auf den zweiten Blick – näherbringen“. Das „genauere Hinsehen“, so die Intention, soll einer unguten Tradition in der Stadt ein Ende setzen: erhaltenswerte Architektur abzureißen und durch „Architekturen zu ersetzen, die man in weiten Teilen nur als banal bezeichnen kann“. Dies schreiben die Autorinnen in ihrer Einleitung und erinnern dabei an die bedeutende Ausstellung „Stuttgart reißt sich ab“, die 2016 der Weißenhofgalerie zu einem Besucherrekord verhalf.

Dass Stuttgart es nun in die angesehene Reihe des Verlags DOM Publishers geschafft hat, ist ein gutes Zeichen: Bei den hier erscheinenden Büchern handelt sich nicht um wissenschaftliche, architekturhistorische Nachschlagwerke für ein Fachpublikum, sondern um kompakte Reiseführer für Menschen, die an Baukultur interessiert sind. 175 Gebäude listet der Band in Kurzporträts auf, miteinbezogen wurde auch Herausragendes aus dem Umland wie das von David Chipperfield gestaltete Literaturmuseum in Marbach.

Die Sammlung ist klar zeitgenössisch: Ausgewählt wurde, was nicht älter als 150 Jahre ist, was „städtebauliche und/oder architekturgeschichtliche Relevanz“ sowie Modellcharakter hat, was Architekturdiskussionen entfacht und, last but not least, öffentlich, also betretbar, sein muss – oder zumindest, so schreiben die Architektur-Expertinnen, gut einsehbar. Die Auswahl gliedert sich geografisch in acht Touren, dabei geht die Blickrichtung von Nord nach Süd, von Zuffenhausen bis in die Filderebene.

Gegengewicht zu nichtssagender Investorenarchitektur

Und da kommt ganz schön was zusammen jenseits der „Basics“ wie Oper, Staatsgalerie, Fernsehturm und Mercedes-Benz Museum, die sowieso in jedem Tourismusfaltblatt enthalten sind, und auch jenseits von Gastronomiebauten wie dem Happen im Wizemann oder dem Heuss am Killesberg – eine Auswahl, die dem touristischen Ansatz geschuldet ist. So macht der Band aufmerksam auf interessante Bauten, die still vor sich hinschlummern und deren baukultureller Wert sich erst auf den zweiten Blick offenbart: die Wohnanlage Schnitz von Faller + Schröder im Ibisweg etwa, die schon in den Siebzigern für individualisierten und Baugruppen-basierten Wohnbau stand, Otto Bartnings Ludwig-Hofacker-Kirche in der Dobelstraße, die trotz serieller Bauweise sakrale Raumwirkung entfaltet, oder die Wohnhochhäuser Romeo und Julia von Hans Scharoun und Wilhelm Frank, die 1962 der Wochenzeitung „Die Zeit“ eine Eloge wert waren.

In der Summe wird die Vielfalt und Qualität der zeitgenössischen Architektur deutlich, die Stuttgart zu bieten hat – eine Fülle, die dann doch erstaunt und die zu nichtssagender, wiewohl öffentlichkeitswirksam vermarkteter Investorenarchitektur à la Milaneo (das zu Recht nicht aufgelistet ist) ein Gegengewicht sein kann.

Die Autorinnen legen den Finger in die Wunden

Verdienstvoll sind die mehrseitigen Exkurse zu Wilhelma, Weißenhofsiedlung, Neckarpark, Stuttgart 21, zu Stuttgart als Architektenschmiede und zum Stuttgarter Ingenieurbau; sie erlauben Ortsfremden, sich in groben Zügen einen Überblick über zentrale städtebauliche Entwicklungen und Debatten jüngerer Zeit zu verschaffen und helfen, die Bedeutung Stuttgarts als Architekturstadt einzuordnen.

Gleichzeitig legen die Autorinnen, die beide Architektur studiert haben, den Finger in die Wunden und offenbaren eine klare Haltung: Stuttgart habe aus dem Abriss des Schocken-Kaufhauses von Erich Mendelsohn nicht viel gelernt – „und so fallen weiterhin architektur- und stadtgeschichtlich wichtige Gebäude der Abrissbirne zum Opfer. Die baukulturelle Fehlentwicklung wird durch die Investoren der Stuttgarter Shoppingwelt vorangetrieben“, so beklagen sie und bezeichnen das Dorotheen-Quartier als „monströsen Erweiterungsbau für den sowieso schon riesigen Breuninger-Komplex“. Bei der Idee von Aufbruch Stuttgart, die B 14 unter die Erde zu legen, um Stuttgarts Kulturbausteine zusammenzufügen, fragen sie sich schließlich, „ob hier nicht noch viel radikaler gedacht werden müsste, um wirklich einen Aufbruch zu forcieren“.

Uta Lambrette, Birgit Schmolke: Architekturführer Stuttgart. DOM Publishers, Berlin. 272 Seiten, 38 Euro.

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