Niko Paech in Fellbach Nachhaltigkeitsforscher: Wir alle sollen viel weniger arbeiten

Niko Paech weist den Weg weg von der Wachstumsökonomie. Für ihn braucht es dazu eine radikale Arbeitszeitverkürzung. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Fellbach. Weil der Mensch vernunftbegabt ist, findet er auch wieder raus aus der Klimafalle. Da ist sich der Wirtschaftswissenschaftler und Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech sicher, der jetzt in der Fellbacher Alten Kelter über eine dringend notwendige Rückkehr zum „menschlichen Maß“ sprach. Und das geht für ihn nur, indem wir alle viel weniger arbeiten.

Niko Paech hat es zu bundesweiter Berühmtheit gebracht – auf die er aber gerne verzichtet. Der Deutschlandfunk fragte ihn zu seiner sehr grundsätzlichen CO2-Reduktionsstrategie. Wie er sich das vorstellt, diese Rückkehr zu Maß und Mitte im Konsum von letztlich fossiler Energie. Paech wollte ein Beispiel für Zivilcourage anführen, die es eben brauche zum Umstieg. Er hat vorgeschlagen, man soll zum Nachbarn gehen und fragen, wie er es denn rechtfertigt, schon wieder in den Urlaub zu fliegen. Danach hat die Bildzeitung Paech zum obersten Verbote-Setzer gemacht, der den Leuten ihren SUV wegnehmen will. Andere Medien stiegen ein. Paech, das erzählte er jetzt in Fellbach, geriet in einen Sturm. „Man bekommt Todesdrohungen, wenn man sich für Nachhaltigkeit einsetzt.“ Und macht eine Handbewegung. Ist schon wieder vergessen.

Der Wachstumskritiker ist kein Linker

Paech hat zunächst einmal so gar nichts Radikales an sich. Ein Zuhörer macht ihm hernach den Vorwurf, er springe zu kurz. Der Kapitalismus sei das Problem, dieser habe das Immer-mehr-Wachstum zwingend eingebaut. Paech freilich macht sich leise lustig über die Linken, mit denen er es als Uni-Lehrender in Siegen auch zu tun hat. Da stehen sie dann vor ihm, die Kapitalismus-Abschaffer, und „haben ein kapitalistisches Hemd und eine kapitalistische Hose an“.

Paech ist Demokrat. Für ihn ist nicht denkbar, dass es je eine Mehrheit gibt für ein anderes System. Außerdem hat er sehr wohl eine Freude an Dingen und Maschinen, die gut und auf der Höhe der Zeit konstruiert sind. Auch will er hin und wieder genießen. Verzicht auf ganzer Linie, das ist nicht sein Ansatz.

Erneuerbare- Energien-Gesetz ist der falsche Weg

Aber wie soll es dann gehen? Denn sein Ziel, und es ist ja gar nicht seines, sondern das von einer ganz großen Wissenschaftler-Gemeinde auf die Klima-Agenda gesetzte, ist ungeheuer ambitioniert. Jeder von uns ist in Deutschland für zwölf Tonnen CO2 verantwortlich im Jahr. Wenn wir das Zwei-Grad-Maximalziel des globalen Temperaturanstiegs noch schaffen wollen, dann dürfen es aber nur ein bis zwei Tonnen sein.

Für ihn gilt es als ausgemacht, dass man auf eine deutsche Regierung mit Politikern, die morgen wieder gewählt werden wollen, nicht bauen darf. Obwohl er ja ein Demokrat ist. Er baut auch nicht auf die Grünen. Denn die hätten auch nichts anderes im Angebot, als mit technischen Mitteln, mit dem Umstieg auf andere Technologien, irgendeine Umkehr hinzubekommen. Dies sei zum Scheitern verurteilt. Das Erneuerbare- Energien-Gesetz etwa. Keine Frage, sagt auch Paech, die Welt beneidet uns darum. Aber so viele Windräder und PV-Module, wie notwendig wären, lassen sich seiner Meinung nach unmöglich in deutschen Landen unterbringen. Es sei eh der falsche Weg, weil es die Illusion erzeuge, wir könnten so weitermachen. Wenn je Freunde von Hermann Scheer, dem Vater des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Publikum saßen, so werden ihre Ohren geklingelt haben. Paech will noch nicht einmal das Verfeuern von Kohle richtig verteufeln. Denn das Krankenhaus nebenan sei auch auf Strom angewiesen.

Arbeitszeit muss runter auf 20 oder 25 Stunden

Nein, wir müssen bei uns ansetzen. Er kenne keine wichtige Schrift der Welt, kein heiliges Buch, in dem geschrieben steht, dass wir Menschen 40 Stunden arbeiten müssen. Wenn wir reduzieren auf 20 bis 25 Stunden, verspricht Paech, kommt der Mensch Kraft eigener Einsicht zur Vernunft und zu einem Maß der Mitte. Dann wird er feststellen, dass er gar kein Auto braucht, sondern sich eins teilen kann. Genauso die Waschmaschine. Was kaputt ist, kann auch wieder repariert werden. In Oldenburg, wo er der erste Agenda-21-Beauftragte wurde und auch an der Uni lehrte, gründete er Repair-Cafés mit. Da kommt er dann richtig ins Schwärmen. Was es für eine Freude sei, ein Gerät wieder zum Laufen zu bringen. Und wie pfiffige Menschen, die es aber aus der Lebensbahn geworfen hat, wieder aufblühen, wenn sie dort in der zweiten Ökonomie gebraucht werden.

Wenn man ihn so reden hört, dann blitzt doch für kurze Zeit Karl Marx auf. In dessen Utopie gibt es einen Pfad zum allseits entwickelten Individuum. Das morgens philosophiert, abends fischen geht und bei Paech zwischendrin noch drei oder vier Stunden lohnarbeitet. Paech lockt uns. Wer verspüre nicht das Bedürfnis, Zeit zu haben fürs Lesen, Musikhören, sich mit Geistes- und Praxispartnern zu vernetzen.

Den anderen Nationen Vorbild sein

Ja, es braucht ein sehr positives Menschenbild, um anzunehmen, dass der Mensch von der Droge Konsum und Immer-noch-mehr-Konsum wieder runterkommt. Wir wären dann angekommen in dem von ihm breit ausgemalten Zustand der Postwachstumsökonomie. Ein Begriff, den er geprägt hat.

Ein Zuhörer will wissen, wie er sich das global vorstellt. Die Chinesen und die Inder, die wollen erst einmal auf unser Niveau kommen. Paech ist sich sicher: Wir müssen die andere Seinsweise vorleben, dann erkennen auch sie den Irrweg. Er will da nicht naiv erscheinen. Er weiß sehr wohl, dass sich die Chinesen gerade Afrika untertan machen. Dabei als die im Vergleich freundlichsten Besatzer der Menschheitsgeschichte auftreten, weil sie nebenher auch noch Schulen bauen. Aber auch die Chinesen könnten nichts ausrichten gegen die Endlichkeit der Ressourcen. Und je mehr sich in China der Wohlstand einstellt, umso mehr Mitsprache werden die Menschen einfordern. Und vielleicht entsteht auch dort dann eine „kritische Masse“, die es immer braucht. Pioniere, die voranschreiten. Und die Machthaber, im Westen die Gewählten, können nicht anders und schwenken um.

Freilich, er weiß: „Der Tanker hat einen langen Bremsweg.“ Und doch: „Die soziale Frage wird zur ökologischen Frage: Wer darf sich wie viel nehmen?“

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