Norbert Parucha Die Wege aus der Trauer

Das Besondere an einer speziellen Reise für Trauernde ist, dass Menschen mit ähnlichem Schicksal zusammen sind. Foto: dpa

Herr Parucha, Trauern und Verreisen, das passt doch eigentlich nicht zusammen.
Für die erste Trauerphase ist das sicher richtig. Da sind viele Menschen eng mit ihrer Heimat verbunden. Dort haben sie die für diese Zeit notwendige Geborgenheit, und es wird allgemein akzeptiert, dass es einem nicht gutgeht. Aber wenn dieser Zustand ein halbes Jahr andauert, dann haben viele das Bedürfnis, mal etwas anderes zu sehen, eine neue Perspektive zu bekommen. Dann ist der Zeitpunkt für eine Trauerreise gekommen.

Warum braucht es in dem riesigen Angebot an Reiseformaten ein extra Angebot für Trauernde?
Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Früher kamen die Familie und Nachbarn zusammen, wenn jemand gestorben war. Heute sterben viele Menschen in Krankenhäusern, oft, ohne dass die Angehörigen dabei sind. Das macht den Abschied viel schwieriger. Trauernde erfahren meist nur wenig Unterstützung und verbringen diese Phase häufig in der Einsamkeit ihrer Wohnung. Tod und Sterben sind kein Thema in unserer Gesellschaft, deshalb brauchen wir Hospize und Trauerreisen. Und deshalb ist es auch gut, wenn Prominente wie Steve Jobs sagen, der Tod ist die beste Erfindung des Lebens. Es ist wichtig, dass wir uns wieder mehr mit der Selbstverständlichkeit des Sterbens beschäftigen als elementarer Bestandteil unseres Lebens.

Was ist das Besondere an einer Trauerreise?
Dass Menschen mit einem ähnlichen Schicksal zusammen sind. Trauernde haben oft Angst, sich anderen zuzumuten, und viele fühlen sich in einer „normalen“ Reisegruppe nicht wohl. Turtelnde Ehepaare sind nur schwer zu ertragen, zudem wäre auf einer „normalen“ Reise jeder erschrocken, wenn jemand plötzlich weinen muss. Viele Menschen können damit nicht umgehen und sind überfordert. Eine Trauerreise ist dagegen ein geschützter Raum, in dem man sich auch mal trauen darf zu weinen. Jeder weiß ja, warum.
Wie muss man sich das praktisch vorstellen: Alle sitzen im Kreis und heulen.
Es kann schon sein, dass, wenn einer anfängt zu weinen, ein anderer angesteckt wird. Und natürlich wird immer mal jemand traurig sein, aber es ist dann auch einer da, der das versteht und Trost spenden kann.

Aber ist so viel geballter Kummer nicht auch sehr belastend?
Wenn mehrere Menschen dasselbe Schicksal teilen, dann relativiert sich die eigene Trauer. Das ist ja dann was Normales. Wenn ich in einem Kreis fröhlicher Menschen trauere, bin ich als Trauernder ein Außenseiter. Wenn ich aber merke, andere haben auch ihr Schicksal und haben schwere Zeiten schon bewältigt, dann macht das Mut. Der Austausch mit anderen Menschen ist auf einer Trauerreise deshalb besonders wichtig.

Was noch?
Mir ist es vor allem wichtig, in der Natur zu sein. Die Natur muss ähnliche Probleme wie wir Menschen bewältigen. Nehmen wir zwei Bäume, die nebeneinander stehen. In einen schlägt der Blitz ein. Dann muss der andere schauen, wie er nun mit seiner schwachen Seite zurechtkommt, wie er alleine in den Herbststürmen bestehen kann. Die Natur schafft es immer wieder, Krisen zu meistern. Daraus können wir viel lernen. Aristoteles hat gesagt: „Die Natur macht aus dem, was möglich ist, immer das Beste.“

Das heißt, es wird immer gewandert?
Die Trauerreise, die ich konzipiert habe, führt über den Meditationsweg Ammergauer Alpen – das ist eine 85 Kilometer lange Tour von der Wieskirche bei Steingaden bis zum Schlosspark Linderhof. Die Bewegung in der Natur ist ein wichtiges Element. Trauer ist ja auch eine Situation der Starre. In dem Moment, wenn ich wieder in die Bewegung komme, merke ich, wie mir vieles leichter fällt. Wenn Körper und Geist sich bewegen, kann ich auch im Denken flexibler werden. Dann kann sich auch eine Lebenssituation auf einmal ganz anders darstellen. Wo es gestern noch keinen Ausweg gab, sehe ich plötzlich Wege.

Was nehmen die Teilnehmer von einer solchen Reise mit? Haben sie die Trauer überwunden?
Ich kann niemandem die Trauer nehmen. Ich kann nur einen Weg aufzeigen, dass das Leben weitergeht, es sich lohnt, weiterzuleben. Deshalb gebe ich täglich kleine Impulse zu bestimmten Themen wie Annehmenkönnen, Selbstwert oder Loslassen. Wie geht es mir damit, einen Menschen bewusst loszulassen, ihm die Erlaubnis zu geben zu gehen?

Welche Rolle spielen dabei Ihre eigenen Erfahrungen?
Ich habe den Tod meiner Frau bewältigt. Sie hatte einen Gehirntumor, und ich habe sie nach ihrer Operation noch ein halbes Jahr gepflegt. Mir hat damals geholfen anzuerkennen, dass jeder Mensch seinen Weg gehen muss. Egal, ob ich einen Menschen durch Tod oder Scheidung verliere, ich kann niemand aufhalten. Dass ein Mensch für mich da ist, ist ein Geschenk. Wenn ich das anerkenne, funktionieren auch Partnerschaften leichter. Ich kann nur dankbar sein für die gemeinsam verbrachte Zeit. Das musste ich lernen anzunehmen. Wenn das gelingt, fühlt sich die Trauer leichter an und gibt Kraft.

Norbert Parucha wurde 1953 in der Nähe von Hamburg geboren. Er arbeitete über 20 Jahre in der Versicherungsbranche. 2000 machte er eine psychotherapeutische Ausbildung. Seit 2003 hat er eine Praxis für ganzheitliche Körpertherapie in München und Bad Kohlgrub. Seit vielen Jahren arbeitet er auch als Reiseleiter beim Bayerischen Pilgerbüro und hat dort das Konzept der Trauerreisen entwickelt, das in diesem Jahr mit dem Sonntag Aktuell Touristikpreis ausgezeichnet wurde. Parucha ist zum zweiten Mal verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter.

2012 werden mehrere Trauerreisen auf dem Meditationsweg Ammergauer Alpen vom Bayerischen Pilgerbüro angeboten. Infos unter Telefon 089/545811-0 und www.pilgerreisen.de. Weitere Anbieter von Trauerreisen unter www.trauerreise.de


 

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