Oscars: „Green Book“ und „Roma“ sind die Gewinner Hollywood gibt sich kämpferisch

Ein symbolisches Bild: Mahershala Ali und Viggo Mortensen, Filmpartner in „Green Book“, in der Nacht zu Montag bei der Oscar-Gala Foto: AFP

Stuttgart - DieStuttgart - Oscar-Verleihung zeigt, wo das liberale Establishment der USA steht: Hollywood setzt Toleranz und Miteinander gegen spalterische Tendenzen und Vorurteile. Folgerichtig wird nicht das schwarzweiße mexikanische Kunstwerk „Roma“ zum besten Film, sondern das Roadmovie „Green Book“. Der italoamerikanische Türsteher und der gebildete Afroamerikaner, die gemeinsam durch die rassistischen Südstaaten fahren, raufen sich zusammen, überwinden Trennendes, lernen voneinander. Stärkere Symbolik ist diesmal nicht zu finden gegen die Polarisierungen des US-Präsidenten und seine „alternativen Fakten“. Der Regisseur Peter Farelly klingt in der Nacht zu Montag urchristlich im Kodak Theater in Los Angeles: Es gehe darum, „einander zu lieben trotz allem, was uns unterscheidet“.

Der heimliche Sieger heißt „Roma“, auch wenn dem Streamingdienst Netflix, der als Produzent dem Kino nicht sehr zugeneigt ist, der Adelsschlag des besten Films verwehrt bleibt. Alfonso Cuarón bekommt den zweiten Regie-Oscar nach „Gravity“ (2014), den Kamera-Oscar sowie den Oscar für den besten fremdsprachigen Film, für den auch Florian Henckel von Donnersmarck mit „Werk ohne Autor“ nominiert war. „Ich bin mit fremdsprachigen Filmen aufgewachsen“, sagt Cuarón und meint auch US-amerikanische: „,Citizen Kane‘, ,Der weiße Hai‘, ,Der Pate‘“. Die Lacher sind ihm sicher für diesen Perspektivwechsel.

In „Roma“ erzählt Cuarón von einem mixtekischen Hausmädchen in den politisch unruhigen 70er Jahren – in Mexiko, das Donald Trump gerne generell verteufelt und hinter eine Mauer verbannen möchte. Als Präsentator fungiert der Vorjahressieger Guillermo del Toro („Shape of Water“), neben Alejandro González Iñárritu und Cuarón einer der drei großen mexikanischen Regisseure der Gegenwart. „Unsere Aufgabe als Künstler besteht darin, hinzuschauen, wo andere es nicht tun“, sagt Cuarón. „Diese Verantwortung ist besonders wichtig in Zeiten, in denen wir ermutigt werden, wegzuschauen.“ Mehrfach ruft er: „Muchas Gracias, Mexico!“ und erntet Applaus.

Malek präsentiert sich als Einwanderersohn

Der Spanier Javier Bardem wird später als Präsentator sagen: „Es gibt keine Grenzen oder Mauern, die Genialität und Talent zurückhalten können.” Die Stars machen die Show diesmal allein, denn sie müssen ohne Moderator auskommen. Der Comedian Kevin Hart trat im Dezember zurück, als Vorwürfe über schwulenfeindliche Aussagen und Witze aufkamen, und niemand wollte einspringen. Die Organisatoren haben sich beholfen und zur Eröffnung Queen eingeladen: Brian May und Roger Taylor spielen mit Begleitmusikern ihre Hits „We will Rock you“ und „We are the Champions“, die der mehrfach nominierte Spielfilm „Bohemian Rhapsody“ aus der Mottenkiste befreit hat. Rami Malek, der den Sänger Freddie Mercury verkörpert, bekommt für seine Anverwandlung den Hauptrollen-Oscar. Er selbst habe als Kind um seine Identität gerungen, sagt der junge Schauspieler. „Wir haben einen Film über einen schwulen Mann gemacht, einen Einwanderer, der kompromisslos sein Leben gelebt hat. Dass wir ihn feiern, beweist, dass es eine Sehnsucht nach solchen Geschichten gibt. Ich bin ein Sohn ägyptischer Einwanderer, in der ersten Generation Amerikaner!“

Wieder so ein Symbol, hier gegen restriktive Immigrationspolitik. Malek kommt zugute, dass die Techniker ganze Arbeit geleistet haben: Bestehende, unveröffentlichte und neu eingespielte Versatzstücke von Queen-Musik erstrahlen in brillantem Sound wie aus einem Guss, perfekt zugeschnitten auf die Bilder. Zurecht gehen deshalb die Oscars für Tonschnitt, Tonmischung und Schnitt ebenfalls an „Bohemian Rhapsody“. Immerhin einen Musikpreis bekommt auch Bradley Coopers Musical „A Star is Born“: Eine völlig aufgelöste Lady Gaga nimmt für ihr Stück „Shallow“ den Oscar für den besten Originalsong entgegen.

Selbstbewusste Frauen

Die Afroamerikaner sind mit zwei weiteren Filmen im Rennen. Spike Lee holt mit seinem Ku-Klux-Klan-Drama „BlackKklansman“ den Oscar fürs beste adaptierte Drehbuch. „Der Film basiert auf der Wahrheit, und die Wahrheit ist in diesen Zeiten besonders kostbar“, sagt die Präsentatorin Barbra Streisand. Das sitzt. Lee selbst erinnert an den Beginn der Sklaverei vor 400 Jahren und sagt: „Lasst uns bei der Präsidentschaftswahl 2020 auf der richtigen Seite der Geschichte stehen! Liebe gegen Hass!”

Der Jubel ist groß, das Selbstbewusstsein auch. „Black Panther“ holt die Oscars für Filmmusik und Szenenbild sowie fürs Kostümdesign. „Marvel mag den ersten schwarzen Superhelden geschaffen haben, aber wir haben ihn durch das Kostüm-Design in einen afrikanischen König verwandelt“, sagt die Gewinnerin Ruth Carter. Sie verweist wie viele an diesem Abend auf die vielen starken Frauen im Kino der Gegenwart. Feministische Wallung bringt der Oscar für den Dokumentar-Kurzfilm „Period End of Sentence“ über die Diskriminierung von Frauen in Indien. „Ich weine nicht, weil ich meine Tage habe“, sagt die Produzentin Rayka Zehtabchi unter Tränen. „Ich kann nicht glauben, das gerade eine Film über Menstruation einen Oscar gewonnen hat!“ Derart echte Emotionen gibt es selten bei dieser Gala. Zur besten Hauptdarstellerin wird die großartige Olivia Colman gekürt, die den einzigen Oscar für den Kostümfilm „The Favourite“ holt. Sie spielt die halbdebile Queen Anne, um deren Gunst zwei Frauen (Emma Stone und Rachel Weisz) bis aufs Blut kämpfen. „Genuinely quite stressful“ („Wahrhaft ziemlich anstrengend“) sei das hier, sagt die überwältigte Coleman auf der Oscar-Bühne in köstlicher Britishness.

Die Studios versprechen mehr, als sie halten

Am Ende ist sich Hollywood ganz einig. Fast könnte man für einen Moment vergessen, in was für einer Krise der Kinofilm aktuell steckt, wie wenig die Studios übers Jahr zu bieten haben jenseits der rund zehn Oscar-Filme. Es dürfte mehr sein, wenn sie es ernst meinen mit ihrer Botschaft von Toleranz und Miteinander.

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