Pflegekinder Die Geschichte von Pflegekind Jessica

Sie haben sich einfach gern: Jessica (rechts) und ihre Pflegemutter Tabea Oetinger. Foto: Bernhardt / ZVW

Schwaikheim.
Pflegefamilie? Da kursieren manchmal ganz schreckliche Moritaten. Fangen wir deshalb unsere Serie um Pflegekinder und Pflegefamilien mit einer Geschichte an, von der wir genau wissen, dass sie sehr glücklich verlaufen ist. Es ist die Geschichte von Jessica.

„Ich hab’ so Angst“, sagte Jessica damals, als sie zur Tür reinkam. „Uns geht’s genauso“, sagte Tabea Oetinger. Aber dann war da Melli. Melli war zwei Jahre älter als Jessica und genau der richtige Mensch im richtigen Moment.

Als Jessica zu den Oetingers kam, war sie 14 Jahre alt. „Ich glaub’, ich spinn!“ habe sie gesagt, erzählt Tabea Oetinger – sie habe eigentlich ein Grundschulkind in die Familie aufnehmen wollen. „Wir hatten doch schon zwei pubertierende Zicken daheim.“ Melli war damit gemeint. Und die andere Tochter. „Na komm“, hat ihr Mann geantwortet, „wir gucken sie mal an.“

„Mein Zuhause ist hier“ – dabei ist Jessica längst kein Kind mehr

Jessica ist heute 20 – längst kein Pflegekind mehr. Sie lebt aber immer noch bei den Oetingers. Sie ist kurz vor den Prüfungen zur Fachhochschulreife. Sie ist eine strahlende junge Frau. „Mein Zuhause ist hier“, sagt sie. Jessica hat schon viel erlebt. Zu viel für ein Mädchen mit 14, das sie damals war.

Jessicas Mutter konnte das Baby nicht großziehen. Sie war drogenabhängig. Oma und Opa kümmerten sich um das Kind. Doch dann starb der Opa und die Oma bekam Depressionen. Na klar, da gab’s noch die Tante. Doch die war den ganzen Tag arbeiten. Sie hatte keine Zeit. Der Oma ging’s schlechter und schlechter.

„Das war sehr schwer“, sagt Jessica. Das ging nicht mehr. Statt dass sich jemand um das Kind kümmerte, musste sich das Kind kümmern.

„Dass man jemanden, der schon 14 ist, noch so lieb haben kann“, sagt Tabea Oetinger. „Ich hab’ mich hier gleich wohlgefühlt“, sagt Jessica. Sie sagt: „Es war mein Glück, dass ich nicht bei meiner Mutter aufgewachsen bin.“ Bei den Oetingers fand sie Halt, einen Alltag, einen festen Stand im Leben, Sicherheit, zwei große Schwestern, zwei Erwachsene, die für sie da waren. Bei den Oetingers steht ein Marmorkuchen auf dem Tisch und der Hund schläft im Körbchen. In den kleinen Garten scheint die Sonne. Und Jessicas Hase schlupfte einfach im Stall bei den zwei anderen Hasen unter.

Sie musste viel aushalten, was andere Kinder gar nicht kennen

„Meine Schulkameradinnen wussten von all dem nichts“, sagt Jessica. Nur die engsten Freundinnen waren eingeweiht. Mit der Klassenlehrerin gab’s dann irgendwann mal ein Gespräch. Ansonsten lief das Leben weiter. „Jessica hat ein sonniges Wesen“, sagt Tabea Oetinger. Dabei musste sie so viel aushalten, was andere Kinder gar nicht kennen. Die leibliche Mutter meldete sich lange nicht. „Ich war so enttäuscht.“ Den leiblichen Vater kannte Jessica überhaupt nicht. „Es hat mich total verrückt gemacht.“ Jessica wollte wissen, woher sie kam. Hätte sie es nicht irgendwann, Jahre später, doch erfahren – nachdem sie ihrer leiblichen Mutter gedroht hatte, sie würde sich nie mehr melden – , „ich würde die Frage mit ins Grab nehmen“.

Eine Phase gab’s, die war schwer. Jessica hatte Freunde, die taten nicht wirklich gut. „Ich war so sauer“, sagt Tabea Oetinger. „Ich hab’ gesagt: Und wenn du nur dabei stehst – für dich hält niemand den Hintern hin.“ Diese Freunde aber, die hatten Geschichten wie Jessica. Kaputte Familien, zerbrochene Beziehungen. Sie hatten keinen Halt, niemand, der sich sorgte. Mit diesen Freunden saß Jessica auf der Wiese und weinte. Diesen Freunden, sagte Jessica, „geht’s noch viel schlechter als mir. Ich hab’ ja noch euch.“

Ja, und dann gab’s da natürlich noch die ganz alltäglichen Probleme. Ob’s zum Beispiel erlaubt ist, was aus dem Kühlschrank zu stibitzen. „Mach ihn ruhig auf“, hat Tabea Oetinger irgendwann gesagt, nachdem Jessica lang genug in der Küche herumgeschlichen war.

Längst wohnen bei den Oetingers noch zwei Pflegetöchter. Jessica wird demnächst ausziehen, weil sie in Stuttgart studieren möchte. Sie lebt das Leben einer ganz normalen jungen Frau. Pflegefamilie? „Ich bin froh, dass es so was gibt.“

Pflegefamilien dringend gesucht!

Waiblingen (pia).
Das Kreisjugendamt braucht jederzeit Menschen, die Kinder und Jugendliche in Not in ihr Heim aufnehmen.

Der Schritt ist ein großer: Werbung über die Zeitung. Dabei ist die Arbeit, die das Jugendamt für Kinder in Not macht, gewöhnlich eine stille. Denn Kinder, die in Pflegefamilien kommen, wünschen sich meist nichts mehr als Ruhe und Normalität. Doch Pflegefamilien sind rar. Darum: Mögen diese Artikel Herzen und Häuser öffnen.

Es geht auch um die jungen Menschen, die, noch nicht mal erwachsen, sich auf den gefährlichen Weg durch Wüsten und über Meere gemacht haben, um hier bei uns in Deutschland ein sicheres Leben haben zu können. 63 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge leben zurzeit im Rems-Murr-Kreis und damit in der Obhut des Kreisjugendamts. Eine junge Frau ist dabei. Der geht’s noch am allerbesten: Sie hat hier Familie und ist dort untergekommen. Die Jungs leben in Wohngruppen. Vielleicht, so ist die Überlegung, könnten sie oder einige von ihnen in deutschen Gastfamilien unterkommen?

Es geht um die Kinder

Es geht aber auch – nein, auch ist der falsche Ausdruck –, es geht dringend um die vielen Kinder und Jugendlichen, die hier zu Hause sind. Die dennoch, aus den verschiedensten Gründen, eine neue Familie brauchen, die sie aufnimmt. Eine Familie, in der sie Sicherheit erfahren, Geborgenheit, womöglich gar Liebe.

Zurzeit leben im Rems-Murr-Kreis etwa 170 Kinder und Jugendliche bei 150 Pflegefamilien. Und immer wieder brauchen andere Kinder Hilfe. Immer wieder suchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamts Familien, Paare, Alleinstehende, Patchwork-Familien, die sagen: Wir öffnen unser Haus.

Wer sich für ein Pflegekind entscheidet, hat einen neuen 24-Stunden-Job. Und kann nicht sicher sein, ob das neue Familienmitglied für immer bleibt. Das kann sein. Es kann aber auch sein, dass das Kind irgendwann, wenn bessere Zeiten gekommen sind, zurück zu den leiblichen Eltern geht. Pflegeeltern müssen lieben und dann auch wieder loslassen können. Doch Pflegeeltern können sicher sein: Was sie tun, ist das Beste fürs Kind. In den meisten Fällen viel besser als ein Heimaufenthalt.

Potenzielle Pflegeeltern werden von den Jugendamts-Mitarbeitern genau unter die Lupe genommen. Sie werden außerdem auf ihre Aufgabe gut vorbereitet: In einem Seminar gibt es Tipps für den Alltag, pädagogische Ratschläge, rechtliche Hinweise und Hilfestellungen für den Umgang mit den leiblichen Eltern. Wirtschaftlich muss die Pflegefamilie auf festen Beinen stehen. Es darf nie sein, dass das Pflegegeld den Familienunterhalt sichert.

Sind alle Voraussetzungen gut, muss die Chemie noch stimmen. Die potenziellen Pflegeeltern dürfen Wünsche äußern, die Kinder haben ein Mitspracherecht. Die Frage der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jugendamt ist immer: Passen die Menschen zusammen? Wenn hier alle mit gutem Gewissen „Ja“ sagen können, dann ist der Weg frei für einen neuen, sicheren Start ins Leben.

Info für Interessierte

Kinder brauchen eine Pflegefamilie, wenn bei den leiblichen Eltern die Belastungen des Alltags das Wohl des Kindes gefährden.

Das kann zum Beispiel bei Eheproblemen, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Suchtproblemen und Gewalt sein.

Pflegeeltern helfen, dem Kind einen Heimaufenthalt zu ersparen.

Wer Interesse hat, wendet sich an das Kreisjugendamt in Waiblingen,  07151/501-12 92.

Am Donnerstag, 15. Oktober, ab 19.30 Uhr findet außerdem in den Jugendamtsräumen in der Bahnhofstraße 64 ein Informationsabend für Interessierte statt.

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