Philippinen Für Warmbader

Bootstour zwischen den zerklüfteten Felseninseln des Calamian-Archipels. Foto: Doormann

Der Weg zum Strandrestaurant führt an einer verwunschenen Lagune vorbei. Durchs Dickicht huschen Riesenechsen. Die seien ungefährlich, behauptet Loida, die junge philippinische Managerin. Plötzlich verharrt so ein über zwei Meter langes Urtier, witternd mit züngelnder, gegabelter Zunge, furchterregend die gespreizten Krallen, und der Schreck fährt einem in die Knochen. Ganz unnötig, im nächsten Moment macht sich das scheue Ungeheuer davon. Die mehr als 15 ausgewachsenen Warane, die hinter der Lagune eine Felswand zum Klettern benutzen, sind nicht die einzigen ungewöhnlichen Tiere auf der Insel Dimakya ganz im Norden von Palawan. Am 700 Meter langen Sandstrand legen die grünen Seeschildkröten ihre Eier ab. Im einzigen Inselresort Club Paradise werden die Eier zum Schutz eingesammelt und die Jungen nach dem Schlüpfen noch vier Wochen gehegt, um ihre Überlebenschancen zu verbessern. Dann, in einer nächtlichen Aktion gemeinsam mit Feriengästen, werden sie in den Sand gesetzt und krabbeln ins Meer.

Ein Riff direkt vorm Strand umrundet die Insel. Ein paar Schritte mit Taucherbrille und Schnorchel ins glasklare, 28 Grad warme Wasser – und man ist mittendrin in der spannenden Unterwasserwelt. Die Vielfalt der Korallen, in denen sich Papageien- und Geisterpfeifenfische, Zackenbarsche, Lippfische und Makrelen tummeln, ist mit 488 Arten doppelt so groß wie auf den Malediven. In der Tiefe verbergen sich Stachelrochen im Sand, und manchmal gleiten blitzschnell Schwarzspitzenriffhaie vorbei auf der Jagd nach Kleinfischen und Sepien. Und nicht zu vergessen die seltenen Dugongs, Seekühe, die sich von Seegrasfeldern nahe dem Riff ernähren.

"Auf der Insel gelten strenge Naturschutzauflagen", sagt Jürgen Warnke, der deutsche Direktor des Resorts. "Alle Bäume sind gezählt, kein einziger darf gefällt werden. Und wir sind verpflichtet, für den Schutz der Riffe zu sorgen." Als junger Kaufmann ist der inzwischen 66-Jährige von Bremen nach Hongkong geschickt worden, hat sich später selbstständig gemacht und vor gut 20 Jahren mit ein paar Freunden die 19 Hektar große, unbewohnte Insel entdeckt. "Eigentlich wollten wir nur zusammen Urlaub machen", erzählt Jürgen Warnke, "aber ich bin von meiner Trauminsel nie wieder losgekommen."

Dimakya gehört zu der Inselgruppe Calamian nördlich von Palawan, ein extrem dünn besiedelter Archipel mit über hundert zauberhaften, kaum erschlossenen Inseln. Bei einer Bootstour schippert man vorbei an zerklüfteten Felseninseln und lieblichen Eilanden, von üppigem Regenwald bedeckt, und ankert zum Schnorcheln an einem puderzuckerfeinen, unberührten Sandstrand. Zwischen den Inseln sind abgesteckte Perlenzuchtfelder zu sehen, rund um die Uhr bewacht von Schutzleuten, die in schwimmenden Bambushäuschen aufpassen, dass kein Fischer nachts zum Dynamit-Fischen in die Riffe geht.

Auf Busuanga, der größten Insel des Calamian-Archipels, liegt das Fischerdorf Coron, der quicklebendige Hauptort der Region. Am Kai ankern die Auslegerboote der Fischer, die den täglichen Markt beliefern. Kioske und improvisierte Restaurants säumen die schmale Mole, wo in Woks auf dem Boden gebrutzelt und gleich daneben ein Kind abgeseift wird. Knatternde Motorrikschas und Jeepneys, grellbunt bemalte Kleinbusse, zwängen sich durch die einzige Straße, von der staubige Pfade zu den Hütten aus Bambus abzweigen. Nur eine Meerenge trennt Busuanga von der wildromantischen Insel Coron, der Heimat der Tagbanua, einer der ältesten Bevölkerungsgruppen der Philippinen.

Schon der Wasserweg zwischen der langgezogenen Bergkette von Busuanga und den hohen Kalksteinfelsen von Coron Island ist von beinahe mystischer Schönheit. Sieben Seen verbergen sich im Inselinneren, doch die Tagbanua erlauben Fremden nur, zwei davon zu besuchen. Vor gut zehn Jahren ist ihnen von der Regierung das Recht zugestanden worden, über das angestammte Land und die Gewässer ihrer Ahnen zu bestimmen und sich gegen eindringende Fischer zu wehren. "Wir haben viele heilige Plätze auf der Insel", sagt Rodolfo Aguilar, der 60-jährige Häuptling der Tagbanua. Eine Schirmmütze beschattet sein wettergegerbtes Gesicht, er trägt ein helles Sweatshirt und ein Amulett um den Hals. "Unsere Ahnen haben uns gelehrt, dass in diesen Seen böse Geister wohnen, die man nicht stören darf." Auch im Meer gebe es solche Plätze, einen einzeln stehenden Riffblock zum Beispiel, wo eine Riesenkrake hocke. Niemand dürfe dort fischen oder tauchen. Die Tagbanua von Coron Island leben in Dorfgemeinschaften, etwa 260 Familien insgesamt, sagt Rodolfo Aguilar. Sie sind Fischer und Sammler. Von Dezember bis März klettert etwa ein Drittel der Bevölkerung in die Felsklippen hinauf, um Schwalbennester zu "ernten". Sie werden als Delikatesse an Chinesen verkauft. Außerdem nehmen die Tagbanua von ihren Besuchern Eintrittsgelder.

Ein Dutzend Stelzenhütten lehnen halb im Wasser an den schroffen Felsen. Dort beginnt der Aufstieg zum Kayangan Lake. Grandios ist der Blick auf die Meerenge und auf den smaragdgrün schimmernden See, umstanden von grün bewachsenen Kalksteinfelsen. Wunderbar weich fühlt sich das Wasser an, das aus 70 Prozent Süß- und 30 Prozent Salzwasser besteht. Die Sonne steht schon tief, als es per Jeepney und Boot zurück nach Dimakya geht. Es ist die Stunde der Flughunde. In der Strandbar kreischen sie in den hohen Bäumen, umflattern gierig die Mango-Drinks, bevor sie in der einbrechenden Nacht davonfliegen. Tauchlehrer Rolf erzählt derweil von der Tagestour zum Apo-Riff und vom japanischen Schiffswrack Kyokuzan Maru, versenkt von amerikanischen Bombern im Zweiten Weltkrieg, ein beliebtes Tauchziel 45 Bootsminuten entfernt.

Um kurz nach sechs ist es dunkel. Zum Barbecue-Dinner werden die weiß gedeckten Tische heute an den Strand gestellt, unter einem fast unwirklich funkelnden Sternenhimmel. Ein Feuerkünstler mit keck hochgebürsteten Haaren tritt zu einer fulminanten Performance auf. Es ist der junge Barkeeper des Resorts, Dante Manginsay, aus einem Dorf auf Busuanga. Auch die Sänger, Tänzer, Artisten, die an diesem Abend auftreten, arbeiten tagsüber im Hotel. Abschluss ihrer Show ist der traditionelle Bambusstangentanz, bei dem ein Paar zwischen zwei langen Bambusstangen, die rhythmisch zusammengeschlagen werden, rasend schnell hin und her springt. Dann senkt sich Stille über die Insel. Das Meer schimmert unter einer seltsam gekippten Mondsichel, und über die schwarzen Palmenwipfel gleitet ein Nachtvogel.

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