Philippinen Wie vor Urzeiten

 Foto: Bildagentur Huber

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Warane wieder aus ihrem Loch kriechen – und diese Zeit kommt ausgerechnet, nachdem wir uns zum Mittagessen am Strand niedergelassen haben. "Beeilt euch", sagt der Chefkoch mit gedämpfter Stimme, "sie haben ihre Verstecke verlassen." Und schon schnellen wir von unseren Sitzmatratzen hoch und folgen dem Mann mit der blütenweißen Haube, der zu jener Stelle schleicht, wo er die Küchenabfälle entsorgt.

Und tatsächlich: Zwei grünbraun geschuppte Riesenechsen, anderthalb Meter lang, ledrig und faltig, mit schmalen Augenschlitzen, zerren und reißen im dichten Unterholz an Fleischklumpen herum. Mit großer Ausdauer, minutenlang, essen auch sie zu Mittag, bevor sie im Zeitlupentempo wieder zurück in den Dschungel kriechen. Es ist ein eingespieltes Ritual, diese Fütterung der Raubtiere, denn natürlich weiß der Koch genau, was Echsen wünschen – und wonach sich Touristen sehnen.

Touristen sehnen sich nach einer intakten Natur und einer idyllisch in ebendiese Natur gebetteten Unterkunft. Und sie sehnen sich nach jener Exotik, die auch urzeitliche Monitorwarane verströmen können – zumindest dann, wenn sie unverhofft während eines Mahls erscheinen, das den Touristen auf einer unbewohnten Insel am Sandstrand unter Kokospalmen serviert wird. Hinter uns also das gespenstische Echsenpaar und das köstliche Mittagsbüfett, vor uns das türkis schillernde Meer mit seinen bunt umwimmelten Korallenriffen.

Denn Flora und Fauna sind hier, um die Sache perfekt zu machen, nicht nur zu Lande, sondern auch zu Wasser noch sehr intakt. Die im Meer schwärmenden Fischlein sind fast mit Händen zu greifen. Ja, ja, der Eindruck stimmt schon: Es geht uns an Leib und Seele sehr prächtig auf Palawan.

Die Insel, vierzig Kilometer breit, aber mehr als vierhundert Kilometer lang, liegt schmal wie ein malaiischer Dolch im Südchinesischen Meer. Im Gegensatz zu anderen Regionen der Philippinen ist sie touristisch allerdings kaum erschlossen. Palawan ist sozusagen der Außenposten des Archipels und harrt noch immer der Entdeckung. Unbekannte Volksstämme leben aber auch hier nicht mehr, seit vor dreißig Jahren die Tau’t Batu im Süden der Insel aufgestöbert wurden, Angehörige eines Bergvolks, das zuvor noch nie mit der Zivilisation in Kontakt gekommen war – eine Sensation, mit der Palawan heute also nicht mehr aufwarten kann. Dennoch ahnen wir schon bei der Landung in der Provinzhauptstadt Puerto Princesa, dass wir gerade im Begriff sind, in eine andere, noch immer sehr abgeschiedene Welt einzutauchen.

Eine Flugstunde vom Hauptstadtmoloch Manila entfernt, umfängt uns in Puerto Princesa eine tropische Lässigkeit. Zu Fuß schlendern wir übers Rollfeld auf die offene Wellblechhütte zu, wo die an speckigen Tischen dösenden Polizeibeamten, Zimmervermieter und Autoverleiher nur wenig Anstalten machen, sich um die ankommenden Gäste zu bemühen. Auch an der Theke des einheimischen Touristenbüros geht es entspannt zu, aber immerhin hängt dort eine Landkarte, die uns den Weg zum Küstenort El Nido zeigt. Die Fahrt führt in den Norden und uns zu einer Erkenntnis: Dass Palawan noch immer fast unberührt im Meer liegt, hat auch mit den widrigen Straßenverhältnissen zu tun.

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