Plüderhausen Bezahlbares Wohnen im Holzhaus

Die Holzbauweise ist den beiden Gebäudekuben schon an ihren Fassaden anzusehen. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Plüderhausen. Sie steht auf der einstigen Brachfläche zwischen der denkmalgeschützten Villa im Postweg und dem Plüderhäuser Bahnhof: die neue „Perle im Anlagevermögen“ der Kreisbaugruppe. Im Rahmen ihres Wohnungsbauprogramms sind die beiden Häuser mit zwölf Wohnungen innerhalb von nur elf Monaten entstanden.

Bei einem Ortstermin kamen nun Landrat, Bürgermeister und die am Bau Beteiligten zusammen, um das Pilotprojekt „Bezahlbares Wohnen in innovativer Holzbauweise“ zu begutachten und vorzustellen. Dabei durfte auch ein Blick in die bereits bezogenen Wohnungen geworfen werden.

„Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht“, beschreibt Kyriaki Romanidis die Lebensqualität in ihrer neuen Wohnung im Vergleich zu ihrer alten Bleibe in einem Hochhaus in Plüderhausen. Seit 1. März wohnen sie und ihr Mann im Erdgeschoss des dreistöckigen Gebäudes. Die Wohnung sei schön warm, selbst als es noch kühl war, hätten sie nicht heizen müssen. Und auch in Bezug auf den Lärm sei die Dämmung absolut zuverlässig: „Wir hören gar nichts!“, antwortet Romanidis angesprochen auf die Bahngleise, die gleich hinter den Häusern entlangführen.

Mietpreis vergleichsweise günstig

Emma Geringer in der Wohnung darüber bestätigt die gute Dämmung, stellt aber vor allem das warme Gefühl in den Vordergrund, eine dauerhaft bezahlbare Bleibe gefunden zu haben. Sie und ihr Mann leben von der Grundsicherung im Alter. Früher hätten sie immer mit der Angst gelebt, „dass unsere Mietwohnung verkauft wird und wir die Miete dann nicht mehr bezahlen können und raus müssen“.

Die neuen Wohnungen sind gefördert, der Mietpreis beträgt dadurch nur 6,80 Euro pro Quadratmeter. „Bei der Miete wäre ich auch glücklich“, stellte Kreishandwerksmeister Thomas Schiek fest und äußerte zudem seine Zufriedenheit darüber, dass bei der Umsetzung des Pilotprojekts ein Weg „weg vom Generalunternehmertum“ gewählt wurde. Die Handwerkerschaft aus dem Landkreis habe hier wunderbar zusammengearbeitet. „Wir Handwerker im Rems-Murr-Kreis können was, da braucht man keine von außerhalb.“

Holzfassade wird ergrauen

Durch die Holzbauweise waren hier vor allem auch Mitgliedsunternehmen der Zimmer-Innung gefragt. Die Außen- und Innenwände, Decken, Dachflächen sowie Fensterrahmen und Türen bestehen aus Holz. Nur die Bodenplatten und Treppenhäuser wurden aus Stahlbeton gefertigt. Es ist das erste Mal, dass die Kreisbaugruppe Gebäude in dieser Bauweise realisiert. Hier soll gezeigt werden, dass auch im geförderten Wohnungsbau Klimaschutz möglich ist. „Menschen mit niedrigem Einkommen sind vom Thema ‚ökologisches Wohnen’ oft ausgeschlossen“, erklärt Dirk Braune, Geschäftsführer der Kreisbaugesellschaft, das solle sich ändern. Gleichzeitig gab er zu, selbst nicht der ausgewiesene Fan von Holzfassaden zu sein – wegen der Ergrauung. Dem entgegnete Stanko Bogunovic von Holzbau Bogunovic prompt, dass eine Holzfassade weniger Instandhaltungskosten verursache, als eine Putzfassade. Letztere sei nach 15 Jahren wieder fällig. Außerdem gäbe es an den Häusern im Postweg keine Dachvorsprünge, weshalb die Fassade immerhin einheitlich vergraue.

Dann verwies Bogunovic auf die große Funktionalität von Holz als Baustoff: Bereits in der Produktion könnten mehrere Tonnen CO2 sowie Energiekosten eingespart werden. Durch die serielle Herstellung der hölzernen Bauteile verringere sich die Bauzeit, in diesem Fall auf nur elf Monate. Die Holzbauweise ermögliche zudem schlankere Wände bei dennoch sehr guter Dämmung. „Diese Wände sind zehn bis zwölf Zentimeter dünner, dadurch gibt es 30 Quadratmeter Wohnfläche mehr - das macht eine halbe Wohnung aus.“

Brachfläche in 870 Quadratmeter Wohnraum verwandelt

Bei allem Lob bezüglich der „hybriden Bauweise“ und der guten Zusammenarbeit von Massivbau und Holzbau auch seitens des Architekten Thomas Auch vom Architekturbüro Auch und Binder, herrschte eine gewisse Spannung unter den Gästen aus der Baubranche. So deutete Michael Kögel von Krämer Bau an, dass wenn es brenne, die Bewohner sich immerhin über die Beton-Treppen retten könnten.

Gleich zu Beginn hatte Landrat Dr. Richard Sigel bereits verraten: „Ich bin auch in einem Holzhaus groß geworden und habe keinen Schaden davon getragen.“ Er lobte das Projekt, das zeige, wie die „Herausforderungen des Wohnraummangels innovativ und nachhaltig gelöst werden können“. Plüderhausens Bürgermeister Andres Schaffer bezeichnete es als „Glücksfall für Plüderhausen“: Eine Brachfläche ist in 870 Quadratmeter neuen Wohnraum in bester Ortslage umgewandelt worden.

70 bis 80 Prozent der Bewohner der neuen Häuser sind Plüderhäuser. Wer einziehen darf, hat die Kreisbaugruppe in Abstimmung mit der Gemeinde entschieden. Voraussetzung ist ein Wohnberechtigungsschein. „Wir wollen, dass möglichst integrative Hausgemeinschaften geschaffen werden“, beschreibt Dirk Braune die Zielsetzung bei der Auswahl der Bewohner. Dabei habe es fünf Mal so viele Nachfragen wie Wohnungen gegeben. Vorerst sei kein weiteres Wohnprojekt in dieser Holzbauweise geplant. Warum? Zunächst müssten weitere Erfahrungen gesammelt werden.


Das Projekt in Zahlen

870 Quadratmeter neuer Wohnraum sind entstanden.

3,1 Millionen Euro hat die Kreisbaugruppe in das Projekt investiert.

6,80 Euro pro Quadratmeter beträgt die Miete.

Im Dezember 2017 war der Spatenstich, im Februar 2019 Abschluss.

390 Quadratmeter Holz und 350 Quadratmeter Beton sind in den Häusern verbaut.

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