Plüderhausen Bürger besichtigen Flüchtlingsheim

Plüderhausen. Einen Tag vor der Ankunft der Flüchtlinge in der neuen Gemeinschaftsunterkunft des Kreises im Plüderhäuser Postweg hatten Landratsamt und Gemeinde die Bürger zur Besichtigung geladen. Sie erfuhren: 47 Menschen aus fünf Nationen ziehen in das Haus ein. Alle Bewohner sind Familien mit Kindern zwischen zwei und 13 Jahren.

Bei der Flüchtlingsunterbringung geht es derzeit sehr schnell. Erst vor zehn Tagen erfuhren der Landkreis und die Gemeinde Plüderhausen, dass am 29. Juli die Flüchtlinge für die neue Gemeinschaftsunterkunft ankommen. Deswegen wurde schnell noch am Tag vorher ein Besichtigungstermin für die Öffentlichkeit vereinbart. Wiederum kurz vor diesem hatte Nabil El Tolony, der für den Kreis die Flüchtlingsunterbringung vor Ort koordiniert, erfahren, woher die Menschen stammen. Das teilte er dann auch gleich den versammelten Plüderhäusern mit: 47 Flüchtlinge sind es insgesamt. 20 kommen aus Albanien, 15 aus Syrien, fünf aus dem Irak, vier aus Serbien und drei aus Bosnien.

Die Plüderhäuser waren der Einladung zur Besichtigung zahlreich gefolgt. Die Neugier war groß auf das umgebaute alte Postgebäude. Einige stellten Fragen. Negative Kommentare waren – zumindest offen – keine zu hören. Gut kam die Nachricht an, dass es sich bei allen, die einziehen, um Familien handelt, 23 sind Kinder im Alter von zwei bis 13 Jahren. Eine der syrischen Frauen ist wohl schwanger.

Die Kreisbaugesellschaft hat das Haus im Postweg 7 aus einer Insolvenzmasse erworben und für die Flüchtlinge umgebaut. Viele Eingriffe waren dafür allerdings wohl nicht nötig. Fluchttreppen wurden gebaut, einige Wände eingezogen, um große Räume entsprechend zu verkleinern, Duschen und Toiletten eingebaut. Die Küchen auf jedem Stockwerk waren bereits vorhanden. Eine ideale Situation, sagt Nabil El Tolony, und ein verglichen mit anderen Flüchtlings-Wohnheimen sehr komfortables Gebäude. „So was wünsche ich mir in jeder Gemeinde“, sagt er. Klar, es ist schon ein Unterschied, ob man in einem Container lebt oder in einem richtigen Haus, mit breiten Fluren und hohen Decken. Es gibt einen überdachten Platz im Freien für die Flüchtlinge und eine kleine, mit Sichtschutzwänden aus Holz eingefasste Raucherecke.

Wie ist die Unterkunft betreut? Was ist mit den Kindern?

Die Plüderhäuser nutzten die Gelegenheit und schauten sich die Räumlichkeiten am Dienstag genau an. Die Zimmer sind mit Betten, Metallschränken, einem Tisch, Stühlen und Kühlschrank ausgestattet. Außerdem liegen für jede Person Bettwäsche, zwei Teller, Besteck, zwei Töpfe und eine Pfanne bereit. Auf dem Stockwerk teilen sie sich Küchen und Badezimmer.

Einige Plüderhäuser kamen mit Fragen: Wie ist die Unterkunft betreut? Ist den ganzen Tag jemand da? „Der Hausmeister ist täglich da“, sagte Nabil El Tolony. Allerdings sei er nicht rund um die Uhr vor Ort, weil er auch noch für die Gemeinschaftsunterkunft in Urbach zuständig ist. Dafür sei zusätzlich ein Sozialarbeiter im Einsatz. Die Flüchtlinge sollen zur Instandhaltung des Hauses eingespannt werden. Vor allem solche mit handwerklichen Fähigkeiten haben die Möglichkeit, eine Beschäftigung beim Landkreis zu bekommen. Sie dürfen im Monat 100 Stunden arbeiten und bekommen 1,05 Euro pro Stunde dafür.

Welche Sprachen sprechen die Flüchtlinge? „Da lassen wir uns überraschen“, so El Tolony. Man könne das vorher nie so genau wissen. Allein im Irak würden fünf verschiedene Sprachen gesprochen. Aber jemand, der Englisch spreche, sei meist dabei. Manchmal, gerade bei Flüchtlingen vom Balkan, spreche auch jemand Deutsch. Und im Team des Landratsamts gebe es Kenntnisse in acht Sprachen.

Eine Frau mit Tochter auf dem Arm wollte wissen: Kommen die Kinder und Jugendlichen auch in Kindergärten und Schulen? Ja, kommen sie, so Nabil El Tolony. In der Schule gebe es dafür ab nächstem Schuljahr eine Kraft, die nur da sei, um Deutsch mit den Flüchtlingen zu pauken. „Wir werden uns damit beschäftigen“, sagte Bürgermeister Andreas Schaffer.

Die Flüchtlinge sollen nun erst einen Tag bekommen, um sich einzuleben. Dann kümmert sich das Landratsamt zusammen mit dem Arbeitskreis Flüchtlingshilfe darum, ihnen Plüderhausen zu zeigen und den Bedarf für Hilfe und Unterstützung abzufragen (siehe Arbeitskreis).

Flüchtlinge im Kreis
Mit der neuen Unterkunft in Plüderhausen leben jetzt fast 1900 Asylbewerber in den Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises. Mehr als 500 Flüchtlinge befinden sich zudem in der Anschlussunterbringung der Kommunen. Im Juni kamen 156 Neuankömmlinge in den Kreis. Im Juli erwartet das Landratsamt eine Zahl von 306. Die Prognosen gehen davon aus, dass auch in den kommenden Monaten rund 300 Flüchtlinge kommen. Bis zum Jahresende fehlen damit 790 Plätze zur Unterbringung.

Die Belastung steigt, die Flüchtlinge kommen immer früher aus den Erstaufnahmestellen in Karlsruhe, Ellwangen und Meßstetten, die ihrerseits Platz schaffen müssen für immer weitere Neuankömmlinge. So kommt es, dass auch viele Flüchtlinge aus den Ländern des Balkans in den Einrichtungen des Kreises landen. Nach rechtlicher Lage haben sie kein Bleiberecht, da sie aus den sogenannten „sicheren Herkunftsländern“ kommen. Doch bevor sie abgeschoben werden können, müssten ihre Asylanträge und damit ihre Herkunft zumindest einmal geprüft werden. Das Problem ist laut Nabil El Tolony vom Landratsamt: Die Erstaufnahmeeinrichtungen seien derart überfordert mit der Zahl der Flüchtlinge, dass sie nicht einmal mehr zum Mindesten kommen. „Das mit den sicheren Herkunftsländern war eine politische Entscheidung“, sagt er. „Aber in der Praxis kommen die Erstaufnahmeeinrichtungen nicht hinterher.“ Oft vergingen Monate, bis jemand sich um die Prüfung der Asylanträge kümmere. Sobald das geschehe, sei aber bei Menschen aus sicheren Herkunftsländern klar, dass sie wieder gehen müssen.

Im Gegensatz zu den Menschen vom Balkan bekommen Flüchtlinge aus anderen Regionen ihre Aufenthaltsgenehmigung sehr einfach. Bei Asylbewerbern aus Syrien werde gar nicht lange geprüft, sagt El Tolony, ebenso bei Menschen aus dem Nordirak. Allerdings müssen auch sie im Moment sehr lange warten, bis sie ihren Aufenthaltsstatus bekommen, bis also überhaupt jemand dazu kommt, ihre Herkunft zu prüfen.

Darauf, welche Flüchtlinge in die Gemeinschaftsunterkünfte des Landkreises kommen, hat das Landratsamt keinen Einfluss. Sie werden aus den Erstaufnahmeeinrichtungen zugeteilt. „Wir machen eine Wunschliste“, sagt Nabil El Tolony. „Aber die Wünsche werden nicht immer erfüllt.“ Plüderhausen biete sich für Familien an, deswegen sei es gut, dass nun tatsächlich Familien kämen.

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