Plüderhausen Dieselfahrer fordert alternative Mobilität statt Fahrverbote

Manfred Mück mit seinem Golf: „Ich werde nie wieder einen VW kaufen.“ Foto: Büttner / ZVW

Plüderhausen. Dieses Jahr hat Manfred Mück noch Glück: Sein Diesel hat die Euro-5-Norm. Doch ab 2020 droht auch seinem Auto ein Fahrverbot in Stuttgart. Der 62-Jährige, der als Pendler eine Fahrgemeinschaft bildet, sieht sich zu Unrecht bestraft. Statt die Kosten des Diesel-Skandals auf die Bürger abzuwälzen, sollte sich die Politik Gedanken über alternative Mobilität machen.

Seit 1974 ist der Weg von Manfred Mück zur Arbeit mehr oder weniger gleich. Von Plüderhausen über die B 29 nach Fellbach führt ihn die Höhenstraße Richtung Neugereut und dort zur Deutschen Rentenversicherung in Mühlhausen. Der Beamte hat mit den Jahrzehnten die Veränderungen des Pendler-Verkehrs hautnah erlebt. War zu Beginn die Strecke auf der alten Bundesstraße bis Fellbach der zeitaufwendigste Teil, sind es heute die letzten ein, zwei Kilometer, die besonders zeitraubend sind. „Manchmal geht zehn Minuten gar nichts“, sagt er. Weil etwa eine Straßenbahn die Kreuzung passiert und die Autofahrer warten müssen, bis sie von der Endhaltestelle wieder zurück über die Kreuzung fährt.

Infrastruktur hinkt der Entwicklung von Stadt und Wirtschaft hinterher

28 Ampeln hat der Plüderhäuser auf dem Weg zwischen Fellbach und seinem Arbeitsplatz gezählt. Bis zu 40 Minuten ist er alleine auf dieser Strecke unterwegs. In den seltensten Fällen alleine, denn fast genauso lange, wie er in Mühlhausen arbeitet, bildet er mit Kollegen eine lose Fahrgemeinschaft, oder besser: Leidensgemeinschaft. Denn die Fahrt in die Landeshauptstadt hinein ist mit vielen Unabwägbarkeiten verbunden. Schnell kann ein Unfall alles lahmlegen. „Die Infrastruktur ist der Entwicklung von Wirtschaft und Stadt nicht gefolgt“, sagt Mück. Längst sei der Verkehr für Stuttgart zum Standortnachteil geworden. Auf das Auto will er dennoch nicht verzichten.

Nur schlechte Erfahrungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln

Zwar gäbe es auch die öffentlichen Verkehrsmittel als Alternative. Doch mit denen hat der 62-Jährige ausschließlich schlechte Erfahrungen gemacht. Nicht nur dass er damit länger unterwegs wäre und mehr Geld ausgeben müsste. Wenn er denn mal die Bahn nahm, war sie in der Regel zu spät, sofern sie denn überhaupt kam, und einen Sitzplatz habe er dann meistens auch nicht gehabt. „Das würde mir auf Dauer keinen Spaß machen“, sagt Mück. Da nimmt er lieber Ampeln und Staus in Kauf.

Nächstes Jahr droht Diesel-Fahrverbot

Zumindest solange er das noch kann – denn im November hat auch der Plüderhäuser einen Brief vom Kraftfahrtbundesamt bekommen. Mit dem Hinweis auf das drohende Diesel-Fahrverbot hat das Amt ihm empfohlen, sich ein neues Auto zu kaufen. Doch das sieht Mück überhaupt nicht ein. Sein - ausgerechnet - VW Golf Kombi, 2010 gekauft, hat zwar schon 220 000 Kilometer im Tacho, bisher aber zuverlässig seine Dienste getan. Mit sechs Litern auf hundert Kilometer ist das Fahrzeug vergleichsweise sparsam. Wenn sie zu viert pendeln, sind das pro Person nur 1,5 Liter, rechnet Mück vor. Er sieht deshalb keinen Grund, das Auto gegen ein neues auszutauschen.

Mück: Ein Unding, wie VW sich verhalten hat

Müsste er noch länger arbeiten, würde er vielleicht ein Elektroauto ins Auge fassen. Doch der Plüderhäuser muss nur noch zweieinhalb Jahre arbeiten – und braucht das Auto danach nicht mehr unbedingt. Seine Frau Elke hat ja schon eines. „Ich sehe es aber auch nicht ein, weil ich das Problem nicht verursacht habe.“ Falls es doch so weit kommen sollte, ist er sich in einer Sache sicher: „Ich werde nie wieder einen VW kaufen“, und das, obwohl er sehr zufrieden ist mit dem Golf, „er ist technisch einwandfrei“. Aber „es ist ein Unding, wie VW sich beim Diesel-Skandal verhalten hat“. Mück ist enttäuscht, aber nicht nur von dem Autohersteller. Auch von der Politik: „Ich sehe keinen Plan und kein Konzept, wie man mit der Situation umgehen will.“ Die Stadt Stuttgart setze auf den Aufbau des Nahverkehrs. Das sei zwar schön und gut (wenn auch zu teuer), funktioniere aber nur für die Städter, nicht für die Pendler aus der Region. Und die Landesregierung? Der Bund? Beide sind scheinheilig, findet Mück. Seien sie doch durch die Einnahmen der Mineralöl- und Umsatzsteuer stille Teilhaber an der Automobilindustrie – und hätten deshalb gar kein echtes Interesse an einer Mobilitätswende. Durch das Fahrverbot würden vielmehr die Kosten auf den einzelnen Bürger abgewälzt.

Stadt Stuttgart künftig so weit es geht meiden

Dabei gäbe es durchaus einfache Lösungen wie Fahrgemeinschaften, Mitfahrgelegenheiten oder mehr Zuschüsse für den öffentlichen Nahverkehr. Oder auch einen B-29-Shuttle mit Kleinbussen für Pendler. Alles Lösungen, die den Individualverkehr reduzieren würden, der Hauptverursacher von Verkehrschaos und schlechter Luft ist. Notwendig wäre aus seiner Sicht in Zeiten von Drohnen auch ein besseres Unfallmanagement der Polizei, bei dem Straßen geräumt, aber nicht gleich komplett gesperrt werden. Doch solche Ideen kämen leider erst gar nicht zur Diskussion.

Manfred Mück hat für sich neben dem VW-Boykott deshalb weitere Konsequenzen gezogen. Er wird die Stadt Stuttgart künftig, so weit es geht, meiden. Und obwohl ihm sein Beruf Spaß macht und auch die Verwaltung unter Fachkräftemangel leidet, denkt er jetzt ernsthaft darüber nach, früher in Rente zu gehen.


Euro-5-Norm

Das Land Baden-Württemberg ist im November 2018 mit seiner Beschwerde gegen ein drohendes Fahrverbot für Euro-5-Diesel in Stuttgart vor Gericht gescheitert. Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hat entschieden, dass das Land umgehend ein solches Verbot im Luftreinhalteplan für die Landeshauptstadt verbindlich regeln muss.

Ein Datum für das Verbot gibt es allerdings noch nicht. In der Diskussion sind inzwischen wieder Aufrüstungen.

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