Plüderhausen Kaugummikauend lernt sich’s besser

Mit dem Zentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm und mit dessen Leiter Manfred Spitzer arbeitet Peter Struck zusammen. Foto: Schlegel

Plüderhausen. Kinder kauen Kaugummi beim Lernen, manche lesen ihr Buch auf dem Boden, jeder lernt, was er will: Das ist doch - ideal. Meint der Wissenschaftler Prof. Dr. Peter Struck. Er wollte an der Hohbergschule „15 Gebote des Lernens“ vorstellen. Es wurden ein paar mehr: Der Experte sprach drei Stunden über seine so überraschenden wie spannenden Erkenntnisse. Mit Plädoyer für Ganztagsschulen, altersgemischten Unterricht und Mut, Neues zu testen.

„Sie werden in manchen Punkten sehr erstaunt sein“, sagte Struck den 200 Eltern in der Mensa. Die verfolgten den Vortrag mit gezückten Notizblöcken und einem Lächeln, würzte der Erziehungswissenschaftler sein Referat doch mit Witz und Abwechslung. „Alles, was einem beigebracht wird, hat den Nachteil, dass man nicht selbst drauf kommen kann“, den Satz ließ er die Eltern im Stehen wiederholen. „Menschen lernen am besten durch Handeln“, meinte der Pädagoge und Kriminologe. 90 Prozent des Wissens merkt sich ein Kind, wenn es etwas ausprobieren, tun kann. Nur zehn Prozent aber durchs Lesen und nur ein Fünftel durchs Hören.

Lernen durch Singen wirkt achtmal besser als durch Hören

Besser als reiner Frontalunterricht ist also, die Schüler selbst etwas sagen, präsentieren zu lassen, noch besser, den Lernstoff mit Rhythmus, Reim, Takt oder Musik zu verknüpfen. Lernen durch Singen wirkt achtmal besser, durch Theater- oder Rollenspiel sogar neunmal besser als durch Hören.

Das funktioniert, wie der Professor in einem Film zeigte. Da haben Schüler das Lebensgefühl des Absolutismus erlernt, indem sie die Pose des Sonnenkönigs, Hofknicks und Handkuss nachgestellt haben. Lateinische Vokabeln blieben länger hängen, wenn sie im Chor mit Rhythmus und Armbewegungen geübt wurden. Das machte auch Spaß. „Kinder können eine Sache nicht allein für die Sache lernen“, so Peter Struck. „Sie muss mit irgendetwas verknüpft sein.“ Das kann ein Gegenstand, ein Lächeln, Singen oder eine Eselsbrücke sein.

Ganztagsschulen stärken Familien

Bewegung hilft auch, den Lernstoff zu verarbeiten. So bleibt Physik besser hängen, wenn vorher Sport oder Musik gemacht wurde und der Schultag so aufgelockert wird. Deshalb spricht sich der Erziehungswissenschaftler für eine rhythmisierte Ganztagsschule aus, die auch Entspannungszeiten und ein Mittagessen anbietet.

Ganztagsschulen stärken Familien, führte Peter Struck weiter aus. Eltern, zitierte er Studien, geben sich abends, am Wochenende und in der Familie mehr Mühe, zudem fallen Hausaufgaben und das Lernen daheim weg, weil das schon in der Schule erledigt wurde. „Deutschland hat die dicksten Lehrpläne der Welt“, sagte Struck, hat aber in der Regel Halbtagsschulen. Der Stoff muss aber vermittelt werden. Das führe zu „Nachhilfe-Unwesen, ein enormes Element der Bildungsungerechtigkeit“.

Schüler lernen von anderen Schülern mehr als vom Lehrer

Noch eine spannende Erkenntnis: „Wir überschätzen die Bedeutung der Lehrerin beim Lernen“, wusste der Experte. „Schüler lernen von anderen Schülern doppelt so viel wie vom besten Lehrer.“ Ein Jüngerer profitiert von einem Älteren enorm, selbst wenn der leistungsschwächer ist. Erklärt der ältere Leistungsschwächere den Stoff dem Kleineren, lernt er sogar viermal so viel. Deshalb plädiert Peter Struck für altersgemischten Unterricht. „Ein Jahrgang, das ist das Allerungünstigste.“ Der Lehrer erreicht nur die Mitte der Klasse. Das obere Leistungsdrittel beherrscht den Stoff bereits, das untere versteht ihn nicht. „Wenn man so Schule macht, lernen die Kinder nicht sehr viel und die Lehrer halten nicht so lange durch“, merkte Struck an.

Wie es bessergeht, zeigte er in einem Film von einer Schweizer Privatschule. Dort lernen Vier- bis Achtjährige in einem „Lernatelier“. Die Kinder waren alle emsig bei der Sache, beschäftigten sich spielerisch oder mit Anleitung mit Lernmaterial, jeder ging seinen Interessen nach. Am Ende des Tages dokumentierten sie in einem Buch, was sie gelernt und gemacht haben, die Pädagogen besprachen mit ihnen, was sie weiter interessiert.

Kaugummi kauen ist übrigens erlaubt, ja, sie werden den Kindern sogar angeboten, lernen sie doch besser, wenn sie sich dabei bewegen, Kopf und Hirn werden dadurch mehr durchblutet, erklärte Peter Struck.

Und was geschieht mit Kindern, die nicht lernen wollen? Die gibt es nicht, sagte eine Schweizer Pädagogin im Film. Sie wollen nur nicht alles gleichzeitig und nicht das, was der Erwachsene will.

Fehler und Probleme sind Freunde beim Lernen

Bis zum Alter von 13 Jahren lernen Kinder am wenigsten im Bett, am zweitwenigsten auf einem Stuhl, erklärte Prof. Dr. Struck. Am meisten aber auf dem Bauch liegend und den Kopf aufstützend. Ab dem 14. Lebensjahr ist der Stuhl gut.

Deutschland hat die niedrigste Geburtenrate der Welt, sagte Peter Struck. Daraus folgerte er: „Wir müssen die Kinder besser ausbilden.“

Was sollten Schulen besser machen? Der Fachmann zitierte Gutachten der OECD und der Uno, die deutsche Schulen als „Belehrungsanstalten“, so Struck, ansahen, weil viel Stoff durch Zuhören vermittelt wird. Dazu gäbe es eine „Beschämungskultur“.Weiter habe „kein anderes Land in Europa so eine extreme Trennungskultur“. Ein Lehrer in Finnland wisse, dass er einen Schüler nicht „loswerde“. Der deutsche Lehrer könne sich sagen: „Karlheinz werde ich schnell wieder los.“ Er müsse sich nicht so auf Schüler einlassen. Zudem beklagt die Studie eine „falsche Fehlerkultur“. „Fehler und Probleme sind Freunde beim Lernen“, zitierte Struck das Motto einer erfolgreichen Schule.

„Die besten Schulen führen zum Abitur“, sagte Struck. Kinder bräuchten zwischen acht und zwölf Jahren konstante Bezugspersonen. Gerade dann wechseln sie auf weiterführende Schulen. Sechsjährige Grundschulen gibt es in Brandenburg.

Struck ermunterte zu Veränderungen, er will „mal gelegentlich den Schalter umdrehen, mal anders auf Lernen schauen“.

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