Plüderhausen Psychomotorik: Wenn Kinder zappeln, hat das einen Grund

In der psychomotorischen Praxis haben Kinder und Jugendliche viel Raum für Bewegung. Therapeutin Christina Hausch beobachtet diese, wertet nicht – und kann daraus ablesen, woran es den Jungen und Mädchen womöglich mangelt. Foto: privat

Plüderhausen. Wenn Kinder andauernd schreien, zappeln oder auf eine andere Art aus dem Raster fallen, hat das in der Regel einen guten Grund. Diesem wird in der psychomotorischen Praxis nachgespürt. Denn über die Sprache der Motorik lasse sich dieser entschlüsseln. Davon sind Andrea Bay und Christine Hausch, die seit 18 Jahren gemeinsam die Praxis betreiben, überzeugt.

Kinder, die zu ihnen nach Plüderhausen kommen, haben meist schon eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Weil sie mehrfach den Kindergarten wechseln mussten, Ärzte und Eltern keinen Rat mehr wussten – oder sie längst den Stempel „verhaltensauffällig“ bekommen haben.

Nicht selten komme es aber vor, dass Andrea Bay und Christine Hausch dann feststellen: Das Kind ist eigentlich ganz normal – für das, was es erlebt hat. Denn hinter jedem Verhalten, das als störend empfunden wird, steckt nicht nur eine Logik (etwa: Ich bekomme Aufmerksamkeit), sondern auch eine Geschichte.

„Störungen im Bewegungsablauf sind auf Störungen in der Beziehung mit der Welt zurückzuführen“, sagt Andrea Bay. Sie folgt dabei, genau wie ihre Kollegin, dem Psychomotoriker Bernard Aucouturier. Dieser sieht in den Bewegungen, die Kinder machen, einen Sinn, der Rückschlüsse auf ihre bisherigen Erfahrungen erlaubt. Der Mensch erzählt damit etwas über sich selbst. Im Gegensatz zu der in Deutschland dominierenden Verhaltenstherapie will der ganzheitlich denkende Aucouturier störendes Verhalten nicht einfach abtrainieren. Sondern nach den Ursachen suchen – und über Beziehung Veränderung erreichen.

Wirbelige Kinder haben oft auch einen wirbeligen Alltag

Ein Beispiel: Oft haben es die beiden in ihrer Praxis mit zappeligen, unruhigen Kindern zu tun, die sich nur schwer konzentrieren oder kaum verweilen können. Die entscheidende Frage sei dann: Wie lebt dieses Kind? Wie schaut das familiäre System aus? Eine mögliche Ursache der Unruhe könnte dann darin begründet sein, dass diese wirbeligen Kinder zu Hause einen genauso wirbeligen Alltag haben; die innere Unruhe also einem Mangel an Ritualen, an Gleichförmigkeit, auch an freier Zeit entspringt. Das Kind etwa jeden Tag von jemand anderem betreut wird, zu wenig Raum für Bewegung hat, keine gemeinsamen Mahlzeiten mit den Eltern einnimmt oder häufiger umgezogen ist. Wenn also zu der naturgegebenen Unruhe in den ersten Lebensjahren noch eine große Unruhe in der Familie und dem Alltag hinzukommt.

Den Eltern sei es manchmal gar nicht bewusst, dass dies Einfluss auf das Verhalten ihrer Kinder haben kann.

Nützlich: Regeln und Rituale 

Regeln, Rituale und Gleichförmigkeit: Darum geht es dann auch bei den altersgemischten Gruppenterminen, die Hausch und Bay in ihrer Praxis anbieten. Der Ablauf sei stets gleich. Die Kinder dürfen in einem großen Bewegungsraum frei spielen, toben, laut sein. Die beiden Therapeutinnen beobachten sie dabei, greifen nicht ein, bewerten nicht – und geben nichts vor. „Die Kinder beginnen dann ihre Themen zu bespielen“, sagt Hausch. Das sei eine universelle menschliche Ausdrucksform: Fangen, Rollen, Springen, Verstecken gibt es in jeder Kultur. Ein Hinweis darauf, dass dahinter auch ein Sinn stecken muss. Wichtig ist dabei auch die Gruppendynamik, denn „wenn Beziehungen fehlen, kann der Mensch sich nicht weiterentwickeln“.

Die Kinder seien erst mal irritiert, dass sie in ihrem So-Sein, das ansonsten als Verhaltensauffälligkeit gilt, akzeptiert werden, dass niemand sie maßregelt, würden fragen: „Darf ich das wirklich machen?“. Ja, das dürfen sie. Bay und Hausch beobachten zunächst nur. Über diese Beobachtung entsteht dann Beziehung. Und daraus Möglichkeiten für die Weiterentwicklung. Die Leitfrage lautet: Wo ist etwas zu viel oder zu wenig vorhanden im Leben des Kindes?

Es fehlt an Platz für Kinder

Nach dem freien Spiel folgt in den Gruppen stets eine Geschichte, die von den beiden weitererzählt wird – und im Anschluss eine kreative Phase, in der die Jungen und Mädchen malen, bauen oder kneten. Dabei muss nichts Produktives entstehen – es geht alleine um den Ausdruck.

In unserer Gesellschaft fehle es heute an Platz für die Kinder, um ihre Bedürftigkeit zu zeigen, sagt Bay. Es zu akzeptieren, wenn das Kind zornig oder verzweifelt ist, falle zwar nicht leicht. „Aber wer so viel nach außen zeigt, ist oft am bedürftigsten.“


Andrea Bay kommt aus der Arbeit mit behinderten Kindern zur Psychomotorik. Was sie zuvor störte, war die defizitorientierte Herangehensweise in dem pädagogischen Bereich. Christina Hausch hat zuvor mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Sie überzeugte, dass Aucouturier auch vermeintlichem Fehlverhalten einen Sinn gibt.

Weitere Infos online unter: www.psychomotorische-praxis.de

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