Poetry-Slammer Nik Salsflausen Dantes Krippenspiele

 Foto: Marvin Ruppert

Für unser „Wort zum Advent“ hat sich heute der Poetry-Slammer Nik Salsflausen Gedanken zum Weihnachts-Gottesdienst gemacht.

„Okay, okay, dieses Jahr bin ich mal wieder dabei“, sage ich und bereue es quasi sofort. Seit Jahr und Tag lasse ich den Familiengottesdienst an Heiligabend aus, meine Mutter und meine Schwester gehen tapfer hin, mein Vater macht das Essen fertig. Mein Vater ist ein weiser Mann. Es kann Zufall sein, dass ich gerade in diesem Jahr wieder Richtung Kirche aufbreche, oder daran liegen, dass es ein aufwendiges Dessert mit Granatapfelkernen geben wird, bei dem ich wirklich nicht mithelfen möchte.

Jedenfalls sitze ich kurz darauf im Auto und versuche, mich davon zu überzeugen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben – weitgehend erfolglos. Als erste Station der vorgezogenen Passionsspiele entpuppt sich das Loswerden des Wagens: Die Kinderlein, jung und alt, sind gekommen und haben eine Zone von zwei Kilometern rund um das Gotteshaus derart restlos zugestopft, dass selbst Fahrradfahrer auf Stellplatzsuche ratlos das Weite suchen und Kirchgänger mühsam über Kühlerhauben klettern wie Moses beim Besteigen des Berges Sinai. Schließlich stehen wir vor dem Einlass. Weiter kommen wir erst mal nicht.

Man wird den Eindruck nicht los, dass die abgestellten jugendlichen Helfer an der Pforte es genießen, sich wie Berliner Türsteher zu fühlen. Alle werden gemustert und dann in verschiedene Teile der heillos überfüllten Kirche geschickt. Kinder dorthin, Senioren da entlang, VIP-Plätze für Frau Gemeinderätin und Herrn Filialleiter. Wir werden in eine dunkle Ecke auf der Galerie verbannt. Dort gibt es zwar keine Sitzplätze mehr, dafür hört und sieht man sehr schlecht. Die Luft ist dünn, es riecht nach Kindern, denen roher Plätzchenteig die Verdauung aus dem Takt geschüsselt hat. Demütig denke ich darüber nach, dass dieser Ort genau der Kreis der Hölle ist, der für Pseudo-Christen wie mich, die bloß zu Weihnachten ein Vaterunser beten, reserviert sein sollte.

Der Gottesdienst beginnt. Glaube ich. Nur aus den Reaktionen derer, die tatsächlich den Altarraum sehen können, ist zu erahnen, was geschieht. Die „Ooh“s und „Aah“s weisen aufs Krippenspiel hin, um das ich es nicht allzu schade finde – der Plot ist doch langsam bekannt. Mir ist bewusst, dass das geheuchelt ist, ich gehe schließlich auch in jede noch so unnötige Neuverfilmung von „Spiderman“, dennoch recke ich nur halbherzig den Hals, um unseren Nachbarsjungen Louis als „Schaf Nummer drei“ zu sehen. Dafür stimme ich bei den Liedern ein – es werden nur die Hits gespielt, ich kriege große Teile des Textes ganz ordentlich zusammen. Ehe ich es mir versehen kann, ist die Messe gelesen, ich lasse einen Schein in der Kollekte und mache mich mit meiner Schwester und meiner Mutter auf den Heimweg. Und da, erst da, erkenne ich, welchen Wert der Familiengottesdienst zur Weihnacht auch für einen zynischen Atheisten wie mich noch immer hat: Erst im Kontrast wirkt ein Wohnzimmer mit einer strohdekorierten krummen Fichte so richtig schön besinnlich.

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