Politischer Nachwuchs Der undogmatische Linke

Versteht sich als Linksliberaler: Patrick Exner, seit anderthalb Jahren Mitglied der Partei „Die Linke“. Foto: Gabriel Habermann

Schorndorf/Plüderhausen. Patrick Exners Herz schlägt links. Der 21-Jährige will aber keinen radikalen Wandel weg vom Kapitalismus. Das Grundgesetz findet er ziemlich gut. Auch an der deutschen Demokratie hat er wenig auszusetzen. Und statt sich dogmatisch an Marx zu orientieren will er politisch lieber selbst denken. Über einen jungen Mann, der in der eigenen Partei bisweilen ziemlich aneckt.

Video: Patrick Exner eckt bei seiner Partei bisweilen ziemlich an.

Trump, AfD, der Krieg in Syrien und die Landtagswahl in Baden-Württemberg: Warum Patrick Exner politisch aktiv wurde, das kann er auch nicht mehr so genau sagen. Es gab dafür einfach zu viele gute Gründe. Als gesellschaftskritisch links hatte sich der Plüderhäuser schon zuvor verstanden. Deshalb lag es für ihn nahe, einer Partei im linken politischen Spektrum zu suchen. Und bei der Linken waren die Übereinstimmungen einfach am größten. Besonders gut hat ihm gefallen, „dass sie als einzige Partei ihre Standpunkte noch nicht radikal verraten hat.“ Genau das wirft Exner Grünen und SPD vor. Erstere sei ihm längst zu konservativ und die Sozialdemokraten zu wenig Arbeiterpartei.

Proletarische Revolution? Exner hat es eher mit Mahatma Gandhi

Bei den Linken fand er seine Ansichten dann größtenteils vertreten. Auch wenn ihm nicht alles gefällt, was an Spektren in der Partei vertreten ist. Denn Exner ist kein Kommunist und hält auch Marx nicht für essenziell. Er bezeichnet sich selbst als Demokrat und findet die Bundesrepublik gut. Vor allem unser Grundgesetz, das so radikale Veränderungen, wie sie gerade in den USA drohen, nur sehr schwer möglich machten. Auch die soziale Marktwirtschaft findet Exner gut, denn „der Kapitalismus lässt sich nicht überwinden“. Man müsse die Strukturen ändern, um im Kleinen etwas zu verändern. Revolutionäre Umstürze, die manche seiner Parteikollegen anstreben, betrachtet der 21-Jährige eher mit Skepsis. Zuletzt hat er eine Biografie von Gandhi gelesen. Mit dessen Gedanken kann Exner schon deutlich mehr anfangen.

Sarah Wagenknecht ist ihm zu radikal

Der Fachinformatiker für Systemintegration bezeichnet sich selbst als „linksliberal“ und weiß, dass er damit in seiner Partei eine Minderheitenposition einnimmt. Wenn er sich einer Strömung zurechnen müsste, dann den Reformern vom Forum Demokratischer Sozialismus. Sahra Wagenknecht ist ihm zu radikal, er hat es eher mit Gregor Gysi. Mit dogmatischen Linken hat er genauso ein Problem wie mit jenen schwarz Vermummten, die in Hamburg beim G-20-Gipfel Autos anzündeten und Geschäfte im Schanzenviertel plünderten. „Kleinwagen anzünden ist nicht links für mich.“

Gegen Privatisierungen – für ein bedingungsloses Grundeinkommen

Wie er sein Linkssein definiert? Patrick Exner ist gegen weitere Privatisierungen, er findet, die Bahn gehört wieder voll in staatliche Hand. Der 21-Jährige kann auch nur wenig mit dem seltsamen Konstrukt der öffentlich-privaten Partnerschaften anfangen, mit denen die Bundesregierung die Autobahnen zumindest zum Teil privatisieren möchte. Wenn es nach ihm ginge, wären auch Internetleitungen eine Sache des Staates. Wie überhaupt das Thema Digitalisierung für den Informatiker enorm wichtig ist: Er tritt für eine unbedingte Netzneutralität ein (dafür also, dass Internetanbieter alle Datenpakete gleichberechtigt durch die Leitungen schicken müssen), setzt auf Open-Source-Programme (solche also die kostenlos sind, deren Quelltext öffentlich einsehbar ist und von jedem verändert werden kann) und plädiert für mehr Datenschutz im Netz.

Für Chancengleichheit in Bildungssystem und Berufswelt

Mehr Chancengleichheit im Bildungssystem und in der Berufswelt – auch das zählt zu Exners Kernanliegen, die er durch ein bedingungsloses Grundeinkommen flankieren würde. Nicht nur, weil durch die Digitalisierung in den nächsten Jahren immer mehr Arbeitsplätze wegfallen werden. Sondern auch, weil sich durch ein gesichertes Einkommen für viele Menschen neue Möglichkeiten eröffnen: Wer also sein Abitur nachholen oder sich weiterbilden will, dem würde das durch die finanzielle Absicherung problemlos ermöglicht.

Die Linke soll Probleme aufzeigen, die ansonsten ignoriert werden

Mit diesen Ansichten findet Exner auch in der eigenen Partei nicht immer Anklang. Bei der Linken fühlt der 21-Jährige sich trotzdem am wohlsten. „Weil schon bald der Punkt kommen könnte, an dem es sehr wichtig wird.“ Wenn sich politisch nämlich etwas nach rechts verschiebe, bräuchte es aktive Menschen in linken Strukturen. Im Bundestag seien die Linken ohnehin unentbehrlich, auch als Opposition, denn dort „muss man Probleme aufzeigen, die ansonsten ignoriert werden.“ Exner schätzt nicht zuletzt die Rolle der Partei als wichtige Korrektur für das etablierte Mitte-Links-Spektrum – „um Rot und Grün in die richtige Richtung zu drücken.“

Keine Berührungsängste mit der Konkurrenz

Berührungsängste mit der politischen Konkurrenz hat der Jungpolitiker deshalb keine. Schon seit geraumer Zeit gibt es auf lokaler Ebene Treffen zwischen jungen SPDlern, Grünen und Linken. „Die Älteren sehen das nicht so gerne“, sagt Exner. Die Jungen seien da eher unerschrocken. Alte Grabenkämpfe (zumal zwischen SPD und Linken, die sich oftmals spinnefeind sind) würden dabei keine Rolle spielen. „Wir diskutieren und reden über die Perspektiven von Rot-Rot-Grün“. Und in vielem sei man sich da ziemlich einig.

Die ganze Serie finden Sie auf www.zvw.de/politiknachwuchs


Linke Jugend?

Strukturen der Linken-Jugendorganisation Linksjugend.Solid gibt es weder in Schorndorf und Umgebung, noch im Rems-Murr-Kreis. Überhaupt ist die linke Szene in der Region sehr schwach repräsentiert. Für Exner liegt das vor allem am zweifelhaften Ruf, den die Partei in dieser strukturell konservativen Region genießt. Wer sich offen zur Linken bekenne, habe zudem schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Kein Wunder also, dass es an einer öffentlichen Verankerung fehlt – und es bei Wahlen nur zwischen zwei bis drei Prozent gibt.

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