Politischer Nachwuchs Digitalisierung wichtiger als Flüchtlingskrise?

Joachim Pfeiffer steht mit seinem Gesicht für den CDU-Wahlkreis. Von dem hier porträtierten Jungunionisten gibt es leider kein Bild. Foto: Palmizi / ZVW

Schorndorf. Es war schwierig genug, für diese Serie junge, politikbegeisterte Menschen zu finden. Besonders schwer jedoch war dies bei der Jungen Union. Die ist in Schorndorf zwar personell gut aufgestellt, zierte sich aber lange vor dem Gespräch und erklärte sich dann nur dazu bereit, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: kein Video, kein Bild, keine Namen.

Zum Termin erscheint schließlich ein Jungunionist, adrett in sauber gebügeltem Karohemd gekleidet, iPhone in der Hand und leicht nervös ob des nun folgenden Gesprächs. Schon seit Schulzeiten sei er in der Jugendorganisation, erzählt er. Die Diskussionen im Unterricht hätten ihn politisiert und schließlich dazu gebracht, in eine Partei einzutreten. „Entweder ich rege mich nur auf – oder ich fange an, was selber zu machen“, habe er sich gedacht. Und die CDU gefunden, weil die Partei mit ihren christlichen Werten und dem Fokus auf den besonderen Schutz der Familie ihn am meisten überzeugt hätte.

Flüchtlings-Herausforderung ist nur mit der Union zu meistern

Trotz oder wegen Angela Merkel, die der CDU ein modernes, in der eigenen Partei aber nicht immer unumstrittenes Antlitz verpasst hat, das lässt der junge Mann offen. „Die Kanzlerin hat uns gut durch die Wirtschaftskrise gebracht“, sagt er. „Sie hat mit der Flüchtlingspolitik eine riesige Aufgabe übernommen – und macht das in vielen Teilen auch gut.“ Geordnete Abschiebungen werde es nur mit der CDU geben. Bekanntermaßen vertritt die Junge Union in der Flüchtlingspolitik aber eine härtere Linie als die Mutterpartei. „Wir tun viel zu wenig für Flüchtlinge“, findet der junge Mann. „Wir machen uns schuldig, weil wir die Menschen zu der gefährlichen Reise übers Mittelmeer bewegen.“ Stattdessen müsse man vor Ort helfen – mit gesicherten Zonen, sogenannten „green zones“, möglichst nahe an den Herkunftsländern.

Staat müsse mehr in die Digitalisierung investieren

Doch der junge Mann ist nicht gekommen, um über Flüchtlingspolitik zu reden. Das große Thema der Zeit sei vielmehr ein anderes, eines, das von den meisten Mitbürgern (und auch der großen Politik) sträflichst vernachlässigt werde: die Digitalisierung. Hier müsse der Staat viel mehr investieren. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zum digitalen Entwicklungsland werden“, warnt der Jungunionist. Die digitale Party fände längst in China statt, nicht mehr im kalifornischen Silicon Valley. Von dem fernöstlichen Land könne Deutschland viel lernen, auch in Sachen E-Mobilität. Von einer nennenswerten Ladeinfrastruktur könne bisher nicht die Rede sein. „Wir sind bisher null darauf vorbereitet.“

Informatik-Unterricht verpflichtend einführen

Doch die Herausforderung beginne nicht erst in der Wirtschaft, sondern bereits in der Schule. Informatik-Unterricht müsse ab der fünften Klasse verpflichtend eingeführt werden – und nicht, wie in Schorndorf selbst erlebt, ausfallen, weil die einzige Lehrkraft gerade nicht mehr zur Verfügung stehe. „Gleichstand ist Rückschritt in diesem Bereich“, sagt der Schorndorfer.

Das gelte auch für die Stadt: Wenn dort in teure Gartenschau-Prestigeobjekte investiert werde und gleichzeitig Schüler auf uralte Toiletten gehen müssten und Technikräume verstaubten, dann treffe das bei der Jungen Union nur auf wenig Verständnis. Zwar wird gerade das Burg-Gymnasium modernisiert (und dabei digital aufgerüstet), doch dem Jungpolitiker ist das nicht genug. Dafür habe die Bildung in den Jahren unter Grün-Rot zu sehr gelitten. „Das Bildungsniveau ist seitdem definitiv gesunken.“ In diesen Bereich müsse deshalb massiv investiert werden.

Gesellschaft müsse sich wandeln und umbilden

Ebenso auf dem Arbeitsmarkt: Der Digitalisierung würden schließlich viele Jobs zum Opfer fallen, „da müssen wir die Menschen schnell umschulen“. Die gesamte Gesellschaft müsse sich wandeln und umbilden. Und das müsse sehr schnell gehen. Ansonsten drohe der Wirtschaftsstandort Deutschland seinen Vorsprung einzubüßen. Dazu müssten auch die Hürden für junge Gründer massiv gesenkt werden.

Rückkehr von Karl-Theodor zu Guttenberg gewünscht

Warum der junge Mann trotz dieser wirtschaftsliberalen Agenda nicht in der FDP ist? Weil ihm neben der Wirtschaftspolitik auch die Familie und der christliche Glaube am Herz liegen. Und beides in der Partei Christian Lindners keine große Rolle spiele.

Etwas konservativer könnte die Union für ihn aber durchaus sein. Mit dieser Meinung sei der Junguniost laut eigenem Bekunden in der Partei keineswegs alleine. Ein Mann wie Karl-Theodor zu Guttenberg sollte darum in der Partei wieder eine größere Rolle spielen. „Viele in der Union wünschen sich seine Rückkehr.“

Die ganze Serie finden Sie auf www.zvw.de/politiknachwuchs


Weshalb die Junge Union lieber anonym blieb

Anfang Juni ging die erste E-Mail an den Ortsverband. Eine freundliche Anfrage, ob unter den Nachwuchspolitikern jemand mit Name und Gesicht für eine Geschichte bereitstehe. Die Antwort: „Wenn Sie mir Ihre Fragen bzw. Themen, über die Sie sprechen wollen, vorab mitteilen können, damit wir imstande sind, intern über unsere Meinungen zu diskutieren, wären wir bzw. einer von uns im Anschluss für ein politisches Gespräch bereit.“

Ungewöhnlich zwar, dass Fragen vorab angefragt werden (bei allen anderen Parteien war das nicht nötig), doch ein paar grobe Fragestellungen waren schnell formuliert und noch am selben Tag verschickt: Warum junge Menschen in eine Partei eintreten - und warum gerade in die Union. Wie die zwölf Jahre unter Angela Merkel zu bewerten sind. Was für ein Deutschland den JUlern vorschwebt in der Zeit nach Merkel - und was für eine Union. Welche Themen ihnen besonders am Herzen liegen. Wie sie die Flüchtlingspolitik der Regierung bewerten und wie man generell Parteien für junge Menschen attraktiver machen könnte.

Nach zwei Wochen Funkstille und einer Erinnerung an die Jugendorganisation schließlich die kurze Rückmeldung, dass die Fragen erst Mitte Juli bei einem Treffen besprochen werden. Dann stünde einem Interview aber nichts mehr im Wege. Doch erst Ende Juli und auf weitere Nachfrage wurde seitens der JU ein Kontaktmann genannt. Eine E-Mail, immerhin. Auch hier vergingen wieder Tage, in denen nichts passierte.

Erst auf eine drängende Erinnerung hin schließlich der Anruf eines jungen Mannes. Ja, man werde bei der Serie mitmachen, intern habe sich aber niemand gefunden, der dafür mit Namen und Gesicht bereitstehe. Begründung: Zitate könnten ja jederzeit gefunden werden – und der Person, die sie formuliert hätte, einmal auf die Füße fallen. Schließlich, so das JU-Mitglied, wolle man im Gespräch mit der Zeitung ja nicht nur das Wahlprogramm runterbeten. Man werde daher nur teilnehmen, wenn kein Video gedreht, kein Foto gemacht und kein Namen genannt würde.

Beim persönlichen Gespräch machte der Jungunionist dann ein Angebot: Falls er den Text vorher gegenlesen dürfe, könne man eventuell doch ein Foto machen. Man wolle die Kontrolle über das eigene Wort behalten.

Dass der Reporter darauf nicht eingeht (weil er das prinzipiell nicht macht und der Jungen Union keine Privilegien gegenüber den anderen Parteien einräumen möchte), verunsichert den jungen Mann, der dann schließlich im Schutze der Anonymität spricht und doch von der Sorge getrieben ist, etwas könne falsch verstanden und gegen ihn verwendet werden.

  • Bewertung
    13