Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück „Managern mangelt es an Pioniergeist“

Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück: Die Älteren dürfen nicht über die Zukunft der Jüngeren entscheiden. Foto: dpa

Stuttgart - Die deutsche Autoindustrie will verhindern, dass das E-Auto eine Domäne asiatischer Hersteller wird und sie ihre starke Position auf dem Weltmarkt verliert. Doch auf eine eigene Fertigung von Batteriezellen verzichtet sie weiter – und bezieht die leistungsfähigen Energiespeicher auch in Zukunft aus Asien.

Herr Hück, alle reden vom Elektroauto, aber weder Volkswagen noch Daimler will die Batteriezellen dafür selbst herstellen. Nun hat sich auch Bosch dagegen ausgesprochen. Fehlt es der deutschen Autoindustrie an Mut oder an Wettbewerbsfähigkeit?
Der Grund für all diese Entscheidungen ist der Geiz.
Der Geiz?
Geiz verblendet die Menschen und macht ihren Verstand kleiner. Wer die Zukunft erobern will, darf nicht nur auf die kurzfristige Rendite schielen, sondern muss viel Geld ausgeben, mit dem sich erst einmal nichts verdienen lässt und das auch am Anfang keinen Bonus abwirft. Die Asiaten machen uns vor, wie man an ein solches Thema mit langem Atem herangeht. Die Batteriezelle, die sie produzieren, ist sozusagen das Pferd, die Montage ist der Sattel. Wir in Deutschland beschränken uns auf den Sattel und müssen uns fragen, ob wir künftig Hengste reiten wollen oder ob wir lieber die Esel sind.
Die deutsche Industrie sagt, die Asiaten seien zu stark, die hohen Investitionen in eine eigene Fabrik daher zu riskant.
Manche haben immer noch nicht verstanden, dass die Verbrennungstechnologie auf lange Sicht keine Zukunft haben wird. Die Chefs der großen Konzerne verhalten sich wie Hufschmiede vor gut 200 Jahren, als sie die ersten Radfahrer gesehen haben und sich nicht vorstellen konnten, dass da gerade ihre künftige Konkurrenz vorbeifährt. Ihre Pferdekutschen sind längst im Museum, die Radfahrer gibt es immer noch. Auch die Vorstandsvorsitzenden unserer Autokonzerne müssen aufpassen, dass sie nicht im Museum landen.
Fehlt es der Industrie also auch an Mut?
Unsere Väter und Mütter haben Deutschland groß gemacht, indem sie einfach losgelegt haben. Das war der Pioniergeist, der heute leider oft fehlt. Heute lassen Manager erst lange Analysen erstellen, bevor sie entscheiden. Es bestimmt nur noch der Kopf, das Herz spielt keine Rolle mehr. In dieser Zeitenwende darf es aber nicht nur um die aktuellen Geschäftszahlen gehen. Heute müssen die Entscheidungen darüber fallen, wie wir in zehn oder 20 Jahren dastehen.
Bis dahin sind die heutigen Konzernchefs längst in Rente.
Die Älteren dürfen den Jüngeren nicht vorschreiben, in welcher Zukunft sie zu leben haben. Wer morgen nicht mehr im Amt ist, darf nicht darüber entscheiden, was übermorgen sein wird. Denn dafür denkt er viel zu kurzfristig.
Würde die Batteriefabrik bei einer zukunftsorientierten Strategie kommen?
Ich glaube, der Gründer von Bosch hätte anders entschieden. Das Nein war nicht im Sinne der langfristigen Zukunft. Wir müssen wieder dazu kommen, dass Manager die Weichen so stellen, als seien sie selbst die Eigentümer und nicht nur auf die Boni schielen. Das geht am besten, wenn die Entscheidungen von denjenigen getroffen werden, die mit deren Folgen sehr lange leben müssen. Das ist bei der Schnelllebigkeit an der Spitze vieler Unternehmen nicht immer der Fall.
Was tut Porsche selbst, um zukunftstaugliche Entscheidungen zu treffen?
Wir bei Porsche fragen junge Leute schon heute, wie sie sich Zukunftsthemen vorstellen, zum Beispiel die Digitalisierung - unter anderem in der Arbeitswelt. Und was sie brauchen, um ihre Vorstellungen umzusetzen. Die Jungen wissen doch am besten, in welche Richtung es gehen muss. Wir Älteren haben zwar die Erfahrung, aber die Jüngeren haben die Kraft.
Bis auf weiteres müssen sich die Firmen auch mit der Gegenwart intensiv herumschlagen. Halten Sie Diesel- Fahrverbote für richtig?
Die Diesel-Diskussion läuft, als würden sich Vegetarier über den Geschmack von einem Schnitzel unterhalten. Wenn wir jetzt den Diesel abschaffen, wird das hier sehr viele Arbeitsplätze kosten. Denn der Dieselmotor wird in Deutschland produziert, der Benziner überall auf der Welt. Betrüger gehören natürlich bestraft, aber den Diesel brauchen wir als Übergangstechnologie weiter. Er liefert die Gewinne, mit denen wir die Zukunft finanzieren.
Bei Porsche sucht man in diesem Jahr aber vergeblich nach einem Diesel im Angebot.
Ich bin ein sehr großer Fan des Plug-in-Hybrids. Mit dem fahre ich elektrisch in die Stadt, und außerhalb, wenn es um die Reichweite geht, schalte ich den Verbrenner ein.
Er hat nur einen Nachteil – den Preis. Werden umweltschonende Autos zum Privileg für Besserverdiener?
Es darf nicht dazu kommen, dass wohlhabende Kunden weiter in die Stadt fahren dürfen und Geringverdiener wieder zu Fuß gehen müssen. Das würde uns um Jahrzehnte zurückwerfen. Deshalb wäre es richtig, Geringverdienern zinslose Kredite von der staatlichen Förderbank KfW für ein umweltfreundliches Auto zu geben. Auch kleine Mittelständler oder Handwerker, die nicht eben mal ihre ganze Flotte austauschen können, sollten solche Kredite erhalten. Eine sozial gestaffelte Förderung ist viel besser als Fahrverbote.
Kann es richtig sein, dass der Staat den Verkauf von Autos fördert?
Für saubere Luft zu sorgen, ist Aufgabe des Staats. Die Unternehmen leisten ja bereits ihren Beitrag. Sie geben Zuschüsse dafür, dass Kunden ihr altes Fahrzeug gegen ein schadstoffarmes eintauschen.
VW-Dieselfahrer in Deutschland warten aber weiter vergeblich auf Entschädigungen. Ist es da angemessen, dass Konzernchef Matthias Müller ein Gehalt von fast zehn Millionen Euro bekommt?
Einem Fußballspieler, der 20 Millionen verdient, jubeln alle zu, obwohl er für die Gesellschaft wenig tut. Bei einem Konzernchef mit der Verantwortung für über 600.000 Mitarbeiter gibt es dagegen Kritik. Natürlich könnte ein Verein die Gehälter auch bei einer Million Euro deckeln. Dann würde er aber bald nicht mehr in der Champions League spielen, und wir wären auch nicht mehr bei der WM dabei. In der Wirtschaft ist es ähnlich. Auch VW könnte nur noch Vorstände einstellen, die sich mit einer Million zufrieden geben. Langfristig würde das Unternehmen daran aber kaputt gehen, weil es dann nicht mehr die Top-Leute bekommt, die es braucht. Das gilt für VW genauso wie für Porsche oder Bosch.
Manche Dieselfahrer sähen es lieber, wenn VW mit dem Geld die Kunden entschädigen würde.
Wäre ich VW-Vorstand, würde ich das Geld zwar nehmen, davon aber einiges spenden, um die Situation der Dieselkunden zu verbessern oder für soziale Zwecke. Das würde die Probleme nicht lösen, wäre aber ein Zeichen. Es ist allerdings die persönliche Entscheidung der Vorstände, was sie mit ihrem Gehalt anfangen. Das Geld gehört ihnen und steht ihnen auch zu.Wäre ich VW-Vorstand, würde ich das Geld zwar nehmen, davon aber einiges spenden, um die Situation der Dieselkunden zu verbessern oder für soziale Zwecke. Das würde die Probleme nicht lösen, wäre aber ein Zeichen. Es ist allerdings die persönliche Entscheidung der Vorstände, was sie mit ihrem Gehalt anfangen. Das Geld gehört ihnen und steht ihnen auch zu.

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