Praxis Dr. Hetzinger schließt So geht es mit der Schorndorfer Kinderarztpraxis weiter

Dr. Ralf Brügel, Dr. Beate Noll, Dr. Beate Mathias und Marina Hahn (von links) wollen sich – das Okay der Kassenärztlichen Vereinigung vorausgesetzt – ab 1. Juli auch um die Patienten von Dr. Annerose Hetzinger kümmern. Allerdings nicht in deren Praxis am Oberen Marktplatz, sondern in den bestehenden und neuen Räumen an der Schillerstraße. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Schorndorf. Dr. Annerose Hetzinger schließt ihre Kinderarztpraxis zum 1. Juli. Altershalber. Zwei Jahre lang hat sie erfolglos nach einem Nachfolger gesucht, doch jetzt ist eine Lösung in Sicht: Die Praxis Dr. Brügel/Hahn hat sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung um den Praxissitz beworben. Und obwohl die endgültige Entscheidung erst Mitte Juni fallen wird, ein positiver Bescheid ist wahrscheinlich – und mit Dr. Beate Noll und Dr. Beate Mathias sind bereits zwei Ärztinnen im Team, die die frei werdende Stelle besetzen könnten.

Es ist ja nicht so, dass Eltern bei der Suche nach einem Kinderarzt wirklich eine Wahl hätten. Ein Platz für ein Neugeborenes in einer Kinderarztpraxis in Welzheim zu bekommen, das ist für Eltern in Schorndorf schon ein großes Glück. Auch in der Praxis von Dr. Ralf Brügel und Marina Hahn rufen täglich Mütter und Väter an aus Schorndorf, aber auch aus Weinstadt und Winnenden.

Kapazitäten haben die Schorndorfer Kinderärzte nicht mehr, es gilt längst ein Aufnahmestopp. Und die Aussicht, dass die Eltern, die mit ihren Kindern bisher von Dr. Annerose Hetzinger versorgt wurden, ab 1. Juli obendrein bei ihnen anklopfen würden, hat die beiden Schorndorfer Kinderärzte aktiv werden lassen: Sie haben sich – auch aus Selbstschutz vor der möglichen Lawine – um deren Praxissitz beworben und hoffen, dass der Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung Stuttgart bei seiner nächsten Sitzung am 12. Juni grünes Licht gibt und sie den Patientenstamm von Dr. Hetzinger übernehmen können. Wahrscheinlich ist das: Andere Bewerber gibt es offenbar nicht.

Alteingesessene Kinderarztpraxis will eigentlich keiner haben

Zwei Jahre lang, weiß Marina Hahn, habe die Kinderärztin für ihre Praxis am Marktplatz nach einem Nachfolger gesucht, vergeblich Anzeigen geschaltet, über Kliniken und Apotheken Interessenten gesucht. Ohne Erfolg. Eine alteingesessene Kinderarztpraxis, um die sich früher die Bewerber gerissen hätten, ist heute kaum mehr etwas wert – auch wenn der Bedarf bei Eltern riesengroß ist. Der Mangel, sagen die Kinderärzte, liege auch am hohen Frauenanteil unter den Kollegen, die an geregelten Arbeitszeiten und Teilzeitstellen interessiert sind, nicht aber an Praxisverantwortung. Dass Kinderärzte überall fehlen, das ist der Kassenärztlichen Vereinigung zwar bewusst, argumentiert wird letztendlich aber weiterhin auf der Grundlage veralteter Zahlen: Mit 28 Kinderärzten gilt der Rems-Murr-Kreis mit 138 Prozent als überversorgt.

Klappt alles wie geplant, kann darum in Schorndorf also zumindest der Status quo bewahrt werden – eine Verbesserung der angespannten Situation ist es nicht: Dr. Hetzingers Patienten werden ab 1. Juli in der Praxis Brügel/Hahn versorgt. Dort gibt es außer den beiden Praxiseigentümern bereits zwei erfahrene Fachärztinnen zusätzlich: Die 38-jährige Dr. Beate Mathias ist seit 2013 Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, sie war in den vergangenen Jahren in einer Fellbacher Kinderarztpraxis beschäftigt, als Mutter von zwei kleinen Kindern in Teilzeit; seit Dezember 2018 ist sie in der Praxis Dr. Brügel/Hahn angestellt.

Über den Winter könnte es durchaus etwas enger zugehen

Dr. Beate Noll, 49 Jahre alt, hat acht Jahre lang in der Ambulanz in der Waiblinger/Winnender Kinderklinik gearbeitet und gehört seit April 2019 zum Team der Schorndorfer Kinderarztpraxis. Die beiden teilen sich eine 100-Prozent-Stelle, die in den vergangenen zwei, drei Jahren schon als Puffer für Akutfälle und Stoßzeiten eingerichtet und bisher mit Weiterbildungsassistenten besetzt war. Dr. Mathias ist an zwei Tagen pro Woche in der Praxis, Dr. Noll an drei Tagen.

Und im Frühjahr 2020 werden sich aller Voraussicht nach auch die Praxisräume verändern – und um die Räume der benachbarten Ergotherapie-Praxis Roth erweitert, die sich künftig auf einen Raum beschränken will. Gibt es bisher fünf Behandlungs- und ein Vorbereitungszimmer, wird es in der Kinderarztpraxis nach dem Umbau einen zusätzlichen Wartebereich, drei weitere Behandlungszimmer sowie einen großen Sozialraum für die Helferinnen geben. Denn das gehört zu einer Praxisübernahme ebenfalls dazu: Auch Dr. Hetzingers Helferinnen werden dann vom Marktplatz an die Schillerstraße wechseln. Über den Winter, räumt Dr. Brügel ein, könnte es dort also durchaus etwas enger zugehen.

Defizitorientierung: Immer mehr Kinder beim Arzt

Auf 3000 Behandlungsfälle im Quartal kommt die Praxis bisher, mit mindestens 1000 weiteren rechnen die Kinderärzte, wenn die Übernahme Mitte Juni tatsächlich juristisch in trockenen Tüchern ist. Doch es müssten, das wollen Dr. Ralf Brügel und Marina Hahn bei dieser Gelegenheit betonen, gar nicht so viele sein: Nach ihrer Erfahrung „steigt die Arzt-Inanspruchnahme massiv an“.

Zum einen kämen viele Eltern wegen Banalitäten zum Kinderarzt, etliche Termine würden wegen Bescheinigungen fürs Kinderkrankentagegeld oder für Atteste vereinbart, außerdem würden mittlerweile bei vielen Kindern im Kindergarten oder bei schulischen Problemen Entwicklungsstörungen in den Raum gestellt, die vom Kinderarzt abgeklärt werden müssten. Dazu komme ein Mehr an Vorsorgeuntersuchungen und an Impfungen. „An den Kinderzahlen“, sagt Brügel, „hat sich eigentlich nicht viel geändert.“


Dr. Ralf Brügel und Marina Hahn

Dr. Ralf Brügel, 47 Jahre alt, hat zum 1. Juli 2006 die Praxis von Dr. Dietfried Ullsperger an der Ludwigstraße übernommen, nachdem er seine gesamte Ausbildung in der Kinderklinik Memmingen absolviert und seine Facharztprüfung gemacht hat. Im Jahr 2007 ist der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in die neuen Räume in der Schillerstraße 63 gezogen.

Zum 1. Januar 2012 ist Kinderärztin Marina Hahn in die Praxis eingestiegen. Sie war zuvor an der Kinderklinik in Göppingen beschäftigt. Für ihre Stelle wurde ein Praxissitz aus Backnang nach Schorndorf verlegt. Die Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde ist 49 Jahre alt.

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