Premiere in der Komödie im Marquardt Für sie soll’s rote Rosen regnen

Da regnet es Rosen: Sophia Euskirchen (links) und Antje Rietz als Hildegard Knef im Doppelpack. Foto: Sabine Haymann

Stuttgart - Was braucht ein Theater, um einen Zuschauer nach zwei Stunden umfassend beglückt wieder in die Wirklichkeit zu entlassen? Die Schauspielbühnen Stuttgart beweisen: Im Grunde ist es gar nicht viel. Zwei tolle Schauspielerinnen, zwei tolle Musiker, dazu eine spannende Geschichte, ein kluger Text, eine schlaue und dichte Inszenierung, schließlich noch drei Handvoll großartiger Songs – und heraus kommt die Produktion „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, ein wunderbarer Hildegard-Knef-Abend, zu sehen von sofort an in der Stuttgarter Komödie im Marquardt.

Das Leben des Multitalents Hildegard Knef, des deutschen Nachkriegs-Weltstars, verstorben 2002 im Alter von 76 Jahren in Berlin, war ereignisreich genug und derart übersättigt mit Höhen und Tiefen, dass darüber schon viele Bücher, Dokumentationen, gar Spielfilme entstanden sind. Zweifellos gibt es auch genügend Material und Stationen, um daraus „ein musikalisch-seelisches Porträt“ zu stricken, wie sich der aktuelle Theaterabend im Untertitel nennt, uraufgeführt 2002 am Theater Bielefeld.

Sie kann wunderbar spielen, singen, dichten

Der Autor James Edward Lyons macht es sich mit Text und Struktur aber ganz sicher nicht leicht. Keineswegs wird hier einfach ein Leben ordentlich nacherzählt. Oder irgendeine schlichte Rahmenhandlung vorgegeben, die aber eigentlich nur der Vorwand ist, um auf der Bühne möglichst viele Knef-Songs zum hoffentlich Besten zu geben.

Das Publikum lernt vielmehr gleich zu Beginn zwei Knefs kennen: Hier eine bereits reife, rund fünfzigjährige Künstlerin, dort eine noch aufstrebende, ihren Weg suchende junge Frau. Der Text, den wir hören, ist ein komplexer innerer Monolog über den Werdegang einer deutschen Frau, die nur mit Mühe und keineswegs heil an Leib und Seele die Katastrophe des Weltkriegs überlebt – und die hernach so wunderbar spielen, singen, dichten kann, obwohl sie doch beständig an ihren Fähigkeiten zweifelt, obwohl sie im Grunde eigentlich immer nur vergeblich nach einem Menschen sucht, der ihr verdeutlicht, just so, wie sie ist, gut zu sein.

Das ist glänzende Unterhaltung – aber kein leichter Stoff

Von der ersten Spielminute an vermitteln Antje Rietz als reife Knef und Sophia Euskirchen als junge Hilde eine derartige Spannung auf der Bühne, dass sich die Zuschauer lange Zeit kaum trauen, mal einen Zwischenapplaus zu geben – obwohl ins Spiel des Duos ebenso locker wie vollkommen schlüssig die wunderbaren Knef-Lieder eingestreut sind, diese herrlich trockenen, bittersüßen, lebensweisen Chansons, deren Texte mit zum Besten gehören, was die von vielen so sträflich missachtete „leichte Muse“ in Deutschland nach 1945 hervorgebracht hat. Für die musikalische Begleitung sorgen Horst Maria Merz am Klavier und der Bassist Jan Mikio Kappes – und sie schaffen eine dichte, aber auch immer wieder flirrende Theateratmosphäre. Klug, weil jederzeit konzentriert haben der Regisseur Frank-Lorenz Engel und die Bühnenbildnerin Su Sigmund diesen kleinen und doch so großen Abend inszeniert. Ein bisschen Glitterflitter, ein paar Umzugskartons, ab und zu die Projektion eines aussagekräftigen Zeitdokuments oder einiger Privatbilder – mehr braucht es auf der Bühne nicht, um jene Zeit anzudeuten, in der sich dieses Leben und diese große Kunst abspielen.

Summa summarum fühlt man sich von alledem natürlich auch glänzend unterhalten – aber es ist ganz sicher kein leichter Stoff. Mit ihm erweitert der neue Schauspielbühnen-Intendant Axel Preuß das Spektrum der künstlerischen Möglichkeiten in der Komödie im Marquardt deutlich: Das sieht schon ein bisschen nach Tapetenwechsel auch in diesem Haus aus. Das Ergebnis überzeugt in jedem Detail, das Premierenpublikum ist zum Schluss hellauf begeistert. Dieser Abend, solch ein Theater bewegt, beschäftigt, beschwingt, begeistert, belebt.

Vorstellungen bis zum 10. März täglich außer montags.
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