Premiere Lauter Promis beim Udo-Jürgens-Musical

Stuttgart - Grell, überdreht, was guttut: Wer bei "Ich war noch niemals in New York" keine gute Laune bekommt, ist ein schwieriger Fall. Bei der Premiere wetteiferten Promis und Leichtmatrosen beim Jubeln. Schon vor Showbeginn gab es Standing ovations für Udo Jürgens. Und immer wieder geht der Vorhang auf!

Mit neuem Hüftgelenk ist Udo Jürgens, 76, nach Stuttgart gereist. Die Auszeit nach der Operation hat er genutzt, neue Lieder zu schreiben. Wir freuen uns darauf! Für uns ist die Lage ernst, Herr Jürgens, aber nicht hoffnungslos. Älter werden wir alle. Einige von uns, die am Donnerstagabend über rotem Glanz ins Apollo-Theater stolzieren, müssen sich aber sputen, um ein besonderes Hochgefühl endlich zu erleben.

Der Entertainer Hape Kerkeling hat noch 21 Jahre vor sich. Bei der Schauspielerin Katja Flint sind's 15 Jahre. Und Model und Spielerfreundin Gina-Lisa Lohfink muss gar noch 42 Jahre warten - dann endlich sind alle drei magische 66 Jahre.

Und mit 66 fängt ja erst das Leben an!

Und mit 76 Jahren kann er seinen Erfolg genießen. Mit 20-minütiger Verspätung betritt Udo Jürgens mit rotem Einstecktuch und ohne weibliche Begleitung den Theatersaal. Das gesamte Publikum (darunter Designer Werner Baldessarini, Schauspielerin Christine Kaufmann mit Tochter Allegra Curtis, Ex-Boxerin Regina Halmich) steht jubelnd auf. Die Stimmung zum Big-Band-Sound ist von Beginn an bestens und steigert sich bis zum Finale orkanartig.

Pünktlich kann's nicht losgehen - dafür war das Geschiebe und Gedrücke am roten Teppich zu groß. Etliche Zaungäste sammeln im Nieselregen Autogramme. Ist etwa Horst Schlämmer darunter? Nein, es ist nur ein Double. Der echte Hape Kerkeling schleicht sich durch einen Hintereingang rein und entzieht sich den Kameras der Boulevardmagazine. Ein älterer Mann steigt aus einem Mercedes mit Frankfurter Kennzeichen. "Ist das Fritz Wepper", fragt eine Frau ihre Freundin. Nein, es ist DFB-Ehrenpräsident Gerhard Mayer-Vorfelder. Derweil busseln sich Udo Jürgens und Frank Elstner. "Wir kennen uns ein Leben lang", sagt Elstner, "wer verliebt ist, wird ,17 Jahr, blondes Jahr' immer lieben."

Muss es immer hohe Kunst sein? "Unterhaltung ist ebenso anregend", meint Schauspielerin Katja Flint, die mit Mutter Irmgard Flint gekommen ist. Das Musical, schwärmt sie, eigne sich "zum Träumen". Nach Hamburg und Wien wird nun Stuttgart zum Ziel der Jürgens-Jünger auf dem Weg nach New York. Noch mehr Revue (mit Fernsehturm im Kulissenbild) können die Zuschauer erleben. Nun wird auf der Bühne zuweilen au no Schwäbisch geschwätzt. Janina Goy, 29, spielt die Altenpflegerin Sargnägele, deren Namenswahl gefährlich ist. Allein schon der Name könnte das Sargnägele für die Rolle sein. Sie sagt so elementare Sätze wie: "Des isch no lang koi Grond, d' Sau rauszulassa."

Die Sau rauslassa - übersetzt ins Hochdeutsche heißt das: dem Schwein in uns die Freiheit gewähren. Dieser Vorgang ist uns, dem Publikum, vorbehalten. Viel Spaß haben wir auf dem roten Polster, wenn auf der Bühne der Tuntenbarock zündet. Wir singen mit - von "Schöne Grüße aus der Hölle" bis "Zeig mir den Platz an der Sonne" - und sind immer schon gespannt, welche noch so abwegige und abenteuerliche Kurve die Produzenten hinlegen, um einen bestimmten Udo-Hit unterzubringen.

Seniorensex, Schwulenliebe, Was-wirklich-wichtig-ist-Gedanken, ein aufgeweckter Rotzlöffel, der Rest unseres Lebens - ja, auf dieses Schiff wird sehr, sehr viel geladen! Doch untergehen kann es nicht. Wir bewegen uns im seichten Gewässer.

Der rosa Faden der Show ist ein Schwulenpaar. Und gerade den gleichgeschlechtlichen Aspekt hätte man ja nie in einem Musical vermutet! Doch auf so offener Bühne sah man das Griechischer-Gay-Wein-Glück noch nie. Wie in der Winslet-DiCaprio-"Titanic"-Szene dürfen sich Uli Scherbel als Friseur und Marco A. Billep als sein Freund Costa am Schiffsbug liebkosen. Die beiden wohnen in Degerloch. "Wir verstehen uns gut", verrät Scherbel . Ja, sind sie auch privat ein Paar? "Das geht schlecht", sagt der Friseur-Darsteller, "aber für einen Hetero spielt Marco den Schwulen gut."

Ab und zu wünscht man sich einen Rettungsring herbei, um nicht im Kitsch zu ertrinken. Doch dann ist alles so herrlich übertrieben und so mitreißend inszeniert, dass wir uns auf der Stelle dem Meister zu Füßen werfen mögen. Jawoll, Herr Jürgens, es stimmt: "Tut alles, was guttut, denn alles, was guttut, tut gut!" Beim Jubeln machen hinterher alle mit. Aber bitte mit Schmackes! War's nicht erste Sahne?

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