Probleme auf der Remsbahn Wie der Zughersteller die Überfüllungsnot erklärt

Symbolbild. Foto: ZVW/Joachim Mogck

Waiblingen. Schuld daran, dass die Züge auf der Remsstrecke aktuell oft zu kurz und deshalb überfüllt sind, sei nicht Fahrten-Betreiber Go-Ahead, der zu wenige Wagen anhängt – schuld seien die Bahnsteige in Baden-Württemberg! Das sagt eine Sprecherin des Zugherstellers Stadler. Die verblüffende Erklärung wirft aber ihrerseits neue Fragen auf.

Go-Ahead, das sind Pfuscher, die sollten sich umtaufen in Go-Slow: Solche Vorwürfe prasseln derzeit auf das Unternehmen herab, das seit Mitte Juni zwischen Aalen und Stuttgart fährt. Andere schimpfen: Moment, das eigentliche Problem seien technisch nicht ausgereifte Triebwagen des Schweizer Zugherstellers Stadler, die auf der Remsschiene im Einsatz sind und wegen defekter Türen immer wieder in die Werkstatt müssten. Zu wenige Wagen stünden zur Verfügung; die verbleibenden seien in Pendlerstoßzeiten entsprechend überfüllt.

Ist Go-Ahead schuld? Oder Stadler? Oder tut, wer so fragt, beiden unrecht? Silja Gisa Kollner vom Stadler-Pressebüro in Deutschland nämlich bietet eine dritte Erklärung für die aktuellen Probleme an.

„Nicht normgerecht“

Dass die Stadler-Triebwagen des Typs „Flirt“ (Abkürzung für „flinker leichter innovativer Regional-Triebzug“) nicht ausgereift seien, „kann ich so tatsächlich überhaupt nicht bestätigen“, sagt Kollner. Richtig sei zwar, dass es Schwierigkeiten mit den Zugtüren gebe – das aber liege an der „Bahnsteig-Infrastruktur“ in Baden-Württemberg: Sie sei „nicht normgerecht“.

Das sollte geschehen, wenn der Flirt in den Bahnhof einrollt: Die Wagen fahren „sogenannte Spaltüberbrückungen“ aus, „Schiebetritte“. Sie überwinden die Kluft zwischen Bahnsteig und Fahrzeug, damit Leute mit Kinderwagen oder im Rollstuhl leicht reinkommen.

In Baden-Württemberg aber, sagt Kollner, seien manche Bahnsteige zu hoch. Wenn dort der Zug anhält, droht die Spaltüberbrückung mit dem Beton zu kollidieren. Die Fahrzeugtechnik meldet: „Hier stimmt was nicht, hier ist was gefährlich.“ Die Tür öffnet sich nicht.

Es gebe, sagt Kollner, gar einen Bahnhof, bei dem der Bahnsteig am einen Ende höher sei als am anderen – „verrückt“. Wo der liege, müsse sie allerdings erst nachschauen.

Jedenfalls: Um die Tücke in den Griff zu bekommen, „haben wir die Türsteuerungssoftware überarbeitet“, sagt Kollner. Dank des veränderten Programms werden die Schiebetritte künftig im Zweifelsfall drinbleiben – die Türen aber werden sich davon nicht mehr irritieren lassen und trotzdem aufgehen. Nachteil: Rollstuhlfahrer müssen einen Spalt überwinden.

Ab November soll es besser werden

Die neue Software müsse zunächst noch vom Eisenbahnbundesamt freigegeben werden – bis Anfang November aber werde sie in allen Flirts auf der Remsschiene aufgespielt. Danach dürfte „ein großer Knackpunkt behoben“ sein, sagt Kollner: Alle Wagen, die Go-Ahead im Einsatz hat, wären dann wieder verwendbar, kämen auch mit „nicht normgerechten“ Bahnhöfen klar, und mit klaustrophobischen Überfüllungszuständen sollte es vorbei sein.

So weit die Erklärung. Sie klingt einleuchtend – und hat nur zwei Haken.

Erstens: Den ominösen Bahnsteig, der hinten höher ist als vorne, gibt es wirklich. Er ist tatsächlich ein Kuriosum: Pfusch am Bau. Nur: Er befindet sich, wie Kollner nachreicht, in Wilferdingen-Singen bei Karlsruhe. Auch dort fahren zwar Stadler-Flirts für Go-Ahead; mit der Remsbahn hat das alles aber nichts zu tun.

Zweitens: Bei einer Zeitungstestfahrt am Dienstag früh hingen zur Überraschung leidgeprüfter Pendler durchaus viele Wagen dran – und ließen sich von keinem Bahnsteig irritieren. In Waiblingen zum Beispiel fuhren die Schiebetritte schlicht nicht aus.

Sollte hier schon die neue Software wirken, die laut Kollner doch noch gar nicht aufgespielt ist? Oder geht derlei auch ohne Umprogrammierung? Wir folgern: Wer nach Antworten für die Remsbahn-Probleme sucht, kommt in Teufels Küche und steht am Ende bloß mit noch mehr offenen Fragen da. Dem Fahrgast aber werden solche technischen Details letztlich egal sein. Er will schlicht einen Sitzplatz.

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