Rechtsextremes Netzwerk Blood & Honour Drohbriefe und Nazi-Rock aus dem Rems-Murr-Kreis

Recherchen unserer Redaktion zu Blood & Honour. Foto: ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)

Waiblingen. Eine Wohnung im Rems-Murr-Kreis wird wegen rechtsextremer Drohschreiben durchsucht. Eine Neonazi-Band aus dem Kreis taucht immer wieder im Bericht des Landesverfassungsschutzes auf. Ein Rechtsrock-Konzert in Ellwangen wird verhindert. Diese Vorfälle verbindet eines: Das verbotene Netzwerk Blood & Honour. Rechtsextremisten aus dem Kreis waren von Anfang an in dessen Machenschaften auf deutschem Boden verstrickt – und sind es offenbar immer noch.

9. Oktober 2019. Im Rahmen von polizeilichen Ermittlungen werden in mehreren Bundesländern Wohnungen durchsucht. Ermittelt wird gegen die Verfasser von insgesamt 23 Drohschreiben, die bereits im Juli bundesweit per Mail verschickt worden waren. Unter anderem wurde darin mit Sprengstoffanschlägen gedroht. Die Schreiben gingen an Moscheen, Parteizentralen, Medien und andere Einrichtungen und  waren unter anderem mit „Blood & Honour“ oder „Combat 18“ unterschreiben.

Die in den 1980ern gegründete Neonazi-Organisation Blood & Honour hat das Ziel, rechtsextreme Musiker untereinander zu vernetzten und europaweit Konzerte zu organisieren. Der Rems-Murr-Kreis spielte bei der Etablierung des Netzwerks in Deutschland eine bedeutende Rolle. Am 10. Juli 1993 trat Ian Stuart, Gründer von Blood & Honour, mit seiner Gruppe Skrewdriver in Waiblingen auf. Das Konzert ist in Szenekreisen legendär, weil es Stuarts letztes war – er starb zwei Monate später bei einem Autounfall. Über ein Vierteljahrhundert danach reichen die Fäden des Netzwerks immer noch bis in den Kreis.

Durchsuchung in Fellbach?

Noch am Tag der Polizeiaktion vom 9. Oktober ging bei unserer Redaktion der Hinweis ein, dass eine der Durchsuchungen in Fellbach stattgefunden habe. Nachfragen beim zuständigen Landeskriminalamt (LKA) Bayern gestalteten sich zäh. Erst eine Woche nach der ersten Anfrage brachte ein Anruf Klarheit – auf eher ungewöhnliche Weise.

Ein Sprecher des LKA verortete eine der Durchsuchungen in der „Region Stuttgart“. Auf den Hinweis, dass Fellbach in der Region Stuttgart, aber eben auch im Rems-Murr-Kreis liege, sagte er „Rems-was?“, und „wir haben auf Wikipedia geschaut. Da stand bei dem betreffenden Ort Region Stuttgart.“ Kurzes Schweigen. Tastaturklackern. Mausklicks. Dann: „Wie ich Ihnen mitteilen muss, hatten wir bisher einige Städte, darunter auch die von Ihnen genannte, unter Region Stuttgart abgespeichert. Ich kann jetzt aber bestätigen: In dem von Ihnen genannten Kreis gab es eine Durchsuchung.“

"Kenner der Szene" wüssten schon bei wem

Auf Fellbach wollte der LKA-Sprecher sich trotz des vielsagenden Wikipedia-Exkurses nicht festlegen lassen. „Kenner der Szene“ wüssten sonst alleine durch die Nennung des genauen Orts schon, um wessen Wohnung es sich handle.

Diese Äußerung ist interessant, weil es bereits im Dezember 2018 eine Razzia bei zwölf Rechtsextremen in mehreren Bundesländern gegeben hatte. Sie sollen versucht haben, Blood & Honour wieder aufleben zu lassen. Auch eine Wohnung in Fellbach wurde durchsucht, wie die federführende Generalstaatsanwaltschaft München bestätigte. Damals hatten sich die Hinweise verdichtetet, dass es sich um die Wohnung eines in der Szene gut vernetzten, ehemaligen Funktionärs der Rems-Murr-NPD gehandelt haben soll. Die Behörden schweigen dazu, die Ermittlungen laufen noch immer.

Die Fäden des Netzwerks reichen bis in den Rems-Murr-Kreis

Am 12. Oktober 2019 verhinderte die Polizei in Ellwangen ein rechtsextremistisches Rockkonzert. Einen Tag später hieß es in einer Pressemitteilung, es gebe eindeutige Bezüge zum verbotenen Netzwerk Blood & Honour. Doch der Rechtsrock macht an der Kreisgrenze nicht Halt. Seit 2015 taucht eine Band namens Sturmbrüder jährlich in den Berichten des Landesverfassungsschutzes auf. Auf Nachfrage bestätigt die Behörde: Die Mehrheit der Mitglieder kommt aus dem Rems-Murr-Kreis.

Die Sturmbrüder spielen seit Jahren Konzerte im ganzen Land - und haben klare Bezüge zu Blood & Honour. Besonderen Kontakt pflegen die Band und ihre Fans Exif-Recherchen zufolge mit der Dortmunder Rechtsrock-Formation Oidoxie. Der Frontmann der Sturmbrüder posiert auf Fotos im Internet mit einer Oidoxie-Jacke, beide Bands sind auf dem aktuellen Blood & Honour Sampler vertreten. Oidoxie treten zudem offen als Anhänger des Netzwerks Combat 18 auf, das als bewaffneter Arm von Blood & Honour gilt. Auch der Sturmbrüder-Frontmann gilt als Mitglied.

Seit 2000 ist Blood & Honour in Deutschland verboten. Wie wirkungsvoll es ist, ein Netzwerk für illegal zu erklären, das eine Szene vernetzt, die sich weitestgehend in der Illegalität bewegt, war von Anfang an umstritten. Seit dem Verbot gab es bundesweit immer wieder Ermittlungen wegen versuchter Fortführung von Blood & Honour, auch bei uns. Wie tief die Verbindungen des Netzwerks in den Rems-Murr-Kreis noch heute reichen, lässt sich nur erahnen. Das liegt nicht zuletzt an der fehlenden Auskunftsbereitschaft der Behörden. Es bleibt jedoch zu befürchten, dass der Leitspruch der Sturmbrüder die Marschrichtung vorgibt. Er lautet: "Tradition verpflichtet."

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