Reichsprogromnacht Schorndorfer Schüler gedenken NS-Opfern

Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 und 10 des Max-Planck-Gymnasiums, der Gemeinschaftsschule Rainbrunnen und der Gottlieb-Daimler-Realschule legen anlässlich des Gedenkens an die Reichspogromnacht (9. November 1939) rund um die Stolpersteine Schmucksteine nieder. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf. In Erinnerung an die Schorndorfer NS-Opfer legten Schülerinnen und Schüler an den Stolpersteinen für die Familie Guttenberger kleine Schmucksteine nieder. Ein großer Teil der Sinti-Familie wurde in Auschwitz ermordet. Ein Familienmitglied, das überlebte, beschrieb später die Verhaftung.

„Am 13. März 1943 morgens um 8 Uhr kamen die Polizisten Haug und Ulmer in unsere Wohnung. Unser Vater fragte, was sie wollen. Es wurde geantwortet: Auf los, jetzt wird gepackt! Das kam so plötzlich, wir hatten keine Ahnung, dass die Eltern wegsollten“, berichtet Johanna Guttenberger, die Tochter der Familie, später über die Verhaftung. Sie kamen zunächst in das Schorndorfer Amtsgerichtsgefängnis und wurden von dort aus in das sogenannte Zigeunerlager nach Auschwitz deportiert.

Die Eltern von Johanna Guttenberger und ihre Schwestern Berta, Maria, Elisabeth und das Pflegegeschwisterkind Karl Eckstein starben in Auschwitz 1943 an Hungertyphus, auch Fleckfieber genannt. Ihr Bruder Johannes kam später in das Konzentrationslager Buchenwald, wo er im September 1944 starb. Überlebt haben die Zeit außer Johanna nur ihre Geschwister Karoline, Gustav, Albert und Rudolf.

Der Vorwurf gegen die Familie lautete damals, sie würde von den Sinti abstammen. In den Nürnberger Rassegesetzen hatten die Nationalsozialisten 1938 Sinti und Roma zu Menschen „artfremden“ Blutes erklärt. Dies war der Beginn der Verfolgung und Ermordung von Sinti, Roma und Juden in Europa.

In der Schorndorfer Römmelgasse 8, wo die Familie früher lebte und 1943 verhaftet worden war, liegen heute Stolpersteine, um an die Ermordeten zu erinnern. Schülerinnen und Schüler des Max-Planck-Gymnasiums, der Gemeinschaftsschule Rainbrunnen und der Gottlieb-Daimler-Realschule legten dort zum Abschluss der Mahn- und Gedenkveranstaltung ihrer Schule Schmucksteine nieder, um an die Menschen zu erinnern. Juden lebten Ende der 1930er Jahre in Schorndorf keine mehr. Sie waren bereits geflohen oder ausgereist. „Die Steine sind ein Zeichen der Erinnerung“, hatte Professor Reinhold Boschki von der Universität Tübingen am Morgen vor den fast 350 Jugendlichen in der Barbara-Künkelin-Halle erklärt. Er sprach über die Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland.

Gegen die Gleichgültigkeit und für die Erinnerung

Reinhold Boschki las den Jugendlichen aus der Autobiografie „Die Nacht“ von Elli Wiesel vor. Mit 15 Jahren wurden er und seine jüdische Familie 1944 aus der Stadt Sighet (damals Ungarn, heute Rumänien) nach Auschwitz deportiert. Später kam er ins Konzentrationslager Buchenwald, das im April 1945 von US-Soldaten befreit wurde. Er überlebte nur knapp.

Später lebte er in Frankreich und den USA und setzte sich als Journalist gegen die Unmenschlichkeit und vor allem gegen die Gleichgültigkeit ein. Er bekam für seinen Einsatz gegen Gewalt und Rassismus den Friedensnobelpreis.

Boschki zitierte Ellie Wiesel: „Aus Erinnerung entsteht Hoffnung“. Zeit seines Lebens habe er sich für die Erinnerung an den Holocaust eingesetzt. Der Professor gab den Schülerinnen und Schüler die Aufforderung mit, dass auch sie an die Geschehnisse erinnern sollen. Sie hätten zwar keine Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten, aber die Verantwortung, dass so etwas nicht wieder geschehe. Der Tübinger Professor versuchte, die Jugendlichen auch sprachlich zu erreichen, und erklärte ihnen zwischendurch immer wieder auch die verschiedenen Begriffe wie etwa Gestapo (Geheime Staatspolizei der Nazis).

"Plötzlich stand auch vor unserer Synagoge in Stuttgart die Polizei"

Doch die Schülerinnen und Schüler sollten bei der Veranstaltung auch einen Eindruck vom jüdischen Leben heute bekommen. Nur wenige von ihnen kennen Juden persönlich, zeigte eine kurze Umfrage.

Von der israelitischen Religionsgemeinschaft waren daher David Holinstat und Oron Haim gekommen. Die Jugendlichen stellten ihnen unter anderem Fragen zu den jüdischen Feiertagen, zu den Geboten in ihrem Glauben und zum Antisemitismus. Oron Haim erzählte, was er empfand, als er vom Anschlag in Halle im Oktober hörte: „Ich war schockiert, denn plötzlich stand auch vor unserer Synagoge in Stuttgart die Polizei.“ An Jom Kippur, einer der höchsten jüdischen Feiertage, versuchte ein Mann in die Synagoge in Halle einzudringen und einen Anschlag zu verüben. Nachdem das Vorhaben gescheitert war, erschoss er eine Passantin und den Gast eines Döner-Imbisses. Mutmaßlich handelte es sich bei dem Täter um einen Rechtsextremisten.

Oron Haim und David Holinstat betonten im Rahmen der Veranstaltung die Gemeinsamkeiten von Christen, Muslimen und Juden. Gemein hätten sie alle den Stammesvater Abraham.


Stolpersteine

Weitere Stolpersteine liegen unter anderem in der Römmelgasse 13, der Neuen Straße 14, der Neuen Straße 23, der Sonnenscheinstraße 21 und dem Grafenweg 2.

Eine Übersicht über die Stolpersteine in Schorndorf bietet das Stadtmuseum Schorndorf in einem Flyer.

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