Rems-Murr-Kreis 27-Jähriger wegen hunderter Betrügereien angeklagt

Das Stuttgarter Landgericht. Foto: ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)

Rems-Murr-Kreis.
Kripo-Beamte halten sich im Zeugenstand meist zurück mit Kommentaren. Sie überlassen Bewertungen der Justiz. Doch in diesem Fall konnte sich ein Kriminalhauptkommissar die eine oder andere Bemerkung nicht verkneifen: Derart ausgeprägte kriminelle Energie wie in diesem Fall sei ihm in mehr als drei Jahrzehnten bei der Kripo höchstens zweimal untergekommen. Angeklagt ist ein 27-Jähriger aus dem Rems-Murr-Kreis, der Hunderte Betrügereien begangen und mehrfach Falschgeld in einem anonymen, auch von Kriminellen genutzten Teil des Internets beschafft haben soll.

Wie sich der 27-Jährige in Whatsapp-Nachrichten mit seinen Taten und ergaunerten Geldbeträgen brüstete – das empörte den erfahrenen Beamten ganz offensichtlich. Ein Bekannter habe auf Whatsapp geschrieben, „irgendwann hast du halb Deutschland auf dem Gewissen.“ „Ha ha, egal“, habe der 27-Jährige geantwortet.

Aufgeführten Fälle sind nur die Spitze eines Eisbergs

Für die junge Frau, mit der der Angeklagte ein Kind hat, und für seine Eltern müssen die Verhandlungen schwer auszuhalten sein. Auch am dritten Verhandlungstag saßen Familienmitglieder im Saal und hörten die Worte der Staatsanwältin: Womöglich seien die in der Anklage aufgeführten Fälle nur die Spitze eines Eisbergs. Solange der 27-Jährige in U-Haft sitzt, darf er mit niemandem außer mit seinem Anwalt über die Taten sprechen; das wird streng überwacht.

Wegen der Vielzahl der Vorfälle erschien der Kriminalhauptkommissar, der mit Kollegen die Ermittlungen in diesem Fall führte, bereits zum zweiten Mal als Zeuge am Stuttgarter Landgericht. Jetzt am dritten Verhandlungstag berichtete der Zeuge von Nachforschungen der Polizei, die mit Betrügereien in Zusammenhang mit Packstationen der Post zu tun hatten. Der Angeklagte hatte den Ermittlungen zufolge verschiedene Wege gefunden, sich Waren an Packstationen schicken zu lassen, die andere Leute bezahlt hatten. Die Polizei installierte Videoüberwachung, und zeitweise beobachteten Beamte, wer an den jeweiligen Packstationen aus- und einging. Eine Aufnahme vom Kennzeichen eines verdächtigen Autos führte zum Angeklagten.

Vor dem PC sitzend festgenommen

Die Polizei hörte seine Telefongespräche ab, besorgte einen Durchsuchungsbeschluss – und klingelte an der Tür der gutbürgerlichen Familie des Angeklagten. Er wickelte seine Geschäfte offenbar unerkannt im Haus seiner Eltern ab. Dass die Polizei vor der Tür stand, bemerkte er erst, als die Tür zu seinem Zimmer aus den Angeln flog: Der Mann saß, so berichtete der Kripo-Beamte, mit Kopfhörern vor dem PC und hatte die Ansage der Polizisten wohl nicht gehört.

Als Ermittler später das Beweismaterial sichteten, stellte sich laut dem Kripo-Beamten „schnell heraus, dass da noch mehr dahinter ist“. Kooperativ sei der 27-Jährige bei der Durchsuchung in Bezug auf den „Komplex“ gewesen, für welchen der Beschluss ausgestellt war. Über das Facebook-Konto des Angeklagten wurde die Polizei auf einen weiteren Mann aus dem Rems-Murr-Kreis aufmerksam. Er soll als Hehler für den 27-Jährigen gearbeitet haben. Gegen ihn wird ebenfalls ermittelt. Er mache von seinem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern, hieß es vor Gericht.

Firmen sind nicht besonders interessiert daran, Betrugsfälle aufklären zu helfen

Einen Teil der Elektronikartikel, die sich der Angeklagte illegal beschafft haben soll, sei bereits an die rechtmäßigen Besitzer zurückgeschickt worden. Ferner hat der Angeklagte laut Anwalt bereits Geld überwiesen an Firmen, die er geschädigt hatte; seine Eltern hatten ihm dafür Geld gegeben.

Am dritten Verhandlungstag ging es auch darum, wie der Angeklagte es geschafft hatte, Packstationen für seine Zwecke zu nutzen. Es sei nicht einfach, an die dafür notwendigen Post-Accounts heranzukommen, sagte der Kripo-Beamte. Er gehe davon aus, der Angeklagte habe sich das Wissen via Erklärvideos im verborgenen Teil des Internets angeeignet. Solche Tutorials würden „zum Teil nicht billig gehandelt“. Zwar entwickeln Online-Versender nach der Erfahrung des Ermittlers ihre Verfahren zur Betrugserkennung ständig weiter. Alles erkennen sie trotzdem nicht, und die Firmen sind gar nicht besonders interessiert daran, Betrugsfälle aufklären zu helfen.

Mehrere Sicherheitsstufen bei der Registrierung für eine Packstation 

Die Post kann oftmals Betrug in Zusammenhang mit Packstationen schon im Vorfeld verhindern, wie es in der Antwort auf eine Anfrage dieser Zeitung heißt. Es gebe Möglichkeiten, betrügerisch angelegte oder gestohlene Kundenkonten zu erkennen und entsprechend zu überwachen.

Bei der Registrierung für eine Packstation durchläuft ein Kunde mehrere Sicherheitsstufen. Um eine Sendung an einer Packstation abholen zu können, muss ein Kunde einen extra für diesen Vorgang generierten Abholcode bereithalten, zusätzlich zur Kundenkarte. „Hinzu kommt, dass unsere Sicherheitsexperten traditionell einen engen Austausch mit den Strafverfolgungsbehörden pflegen“, heißt es weiter in der Antwort der Post: „Wir bitten um Verständnis, dass wir auf konkrete Aspekte dieser Zusammenarbeit nicht öffentlich eingehen können.“

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