Rems-Murr-Kreis 500. Montagsdemo: Immer noch gegen Stuttgart 21 auf der Straße

Immerhin, eine Frau ist auch dabei in der Runde gegen Stuttgart 21 – von links: Dieter Reicherter, Ulli Fetzer, Ernst Delle, Ebbe Kögel und Carola Eckstein. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Rems-Murr-Kreis.
Eines trüben Tages im Oktober 2010 hing an der Yburg über Stetten weithin sichtbar ein riesengroßes Transparent. „Unbekannte Künstler/-innen“ hatten es aufgehängt, so lautet bis heute die offizielle Sprachregelung; doch sie beleidigt jede Schwaben-Intelligenz. Denn auf dem Laken prangte nicht nur ein rot durchgestrichener Stuttgart-21-Schriftzug, sondern auch ein Zwei-Wort-Schlachtruf: „Oba bleiba“. Und wer bitte außer dem Stettener Anti-S-21-Anarchisten Ebbe Kögel schwätzt so broid schwäbisch drher?

Das Ding hing nur zwei Stunden lang: Bürgermeister Altenberger ließ die Feuerwehr ausrücken zur Beseitigung. Die Rache der „unbekannten Künstler/-innen“ folgte vier Wochen später: Diesmal wackelten 150 grüne K-21-Luftballons, festgebunden am Yburg-Gemäuer, im Wind über Kernen. Wieder kam die Wehr, durchschnitt die Schnüre, die Ballons entschwebten gen Himmel – „und wir“, erinnert sich Kögel, „haben eine Anzeige gekriegt wegen Störung des Flugverkehrs“.

500. Demo steht bevor

Fast zehn Jahre ist das her. Es geschah in den brodelnden Hochzeiten des Protests. Im November 2009 hatte die erste Montagsdemo stattgefunden. Nun aber, am kommenden Montag, ist die fünfhundertste. Der Widerstand lebt. Viele spötteln, dies sei ein Aufstand alter Männer, ein Beschäftigungsprogramm für Rentner – doch das stimmt nicht ganz. Erstens gibt es auch Frauen unter 50 in der Bewegung, zum Beispiel Carola Eckstein, 47. Zweitens kooperieren die S-21-Gegner mittlerweile recht eng mit den Klima-Aktivisten von Fridays for Future.

Muss man noch einmal aufzählen, was alles gegen S 21 spricht? Muss man daran erinnern, dass das Ding – es sollte 2020 fertig werden und 4,5 Milliarden kosten – mittlerweile auf 8,2 Milliarden taxiert wird, Vollendungsprognose 2025? Muss man erneut darauf hinweisen, dass Kögel „seit Jahren“ jedem Befürworter eine Wette anbietet? Er setzt sein Eigenheim, dass es nicht bei 8,2 bleibt und auch nicht bei ‘25. Niemand hat je gewagt, seine Villa oder auch nur eine Hundehütte dagegenzuhalten. Und der verkehrliche Nutzen? Simulationen und Kalkulationen legen schon lange nahe: Womöglich können mit S 21 nicht mehr Züge fahren als bisher, sondern weniger.

Ökologisch? Nun ja – Tunnelsystem als Dreckschleuder

Es gibt aber ein paar weitere Argumente, die weniger breit bekannt sind. „Schon der Bau ist eine gigantische Klimasünde“, sagt Carola Eckstein, Ingenieurin von Beruf. Laut einer Studie des Münchner Verkehrsexperten Karlheinz Rößler werden allein durch die eingesetzten Mengen an Stahl und Beton für die Tunnelbauten rund zwei Millionen Tonnen an Treibhausgasen frei.

Wenn – falls – dereinst mal wirklich Züge fahren sollten, würde sich im täglichen Betrieb der ökologische Unsinn fortsetzen: Bei der Fahrt in den engen Tunnelröhren ist der Luftwiderstand und damit der Energiebedarf drastisch höher als im Freien.

Der Waiblinger Ulli Fetzer ist engagiert bei der Gruppe „Ingenieure 22“. Er sagt: Beim „Vollbrand eines Zuges in einem Tunnel“ sei eine Katastrophe programmiert. Die Ingenieure 22 haben die Röhren mit anderen großen Eisenbahntunneln in Europa verglichen. Ergebnis: S 21 besetze „praktisch in allen sicherheitsrelevanten Parametern die Höchstrisiko-Positionen“: habe die längsten und damit gefährlichsten unterirdischen Passagen, die engsten Tunnelquerschnitte, die steilsten Steigungen, die schmalsten Rettungswege.

Die Bundesregierung will den Schienenverkehr attraktiver machen. Zauberwort: „Deutschland-Takt“. Die Idee ist gut: Stündlich zu einer festen Uhrzeit – jeweils, sagen wir, zur Minute null – sollen an wichtigen Knotenpunkten alle Züge aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig im Bahnhof stehen; der Kunde kann von jeder beliebigen Linie auf jede andere umsteigen. Aber klappt das mit S 21 überhaupt?

Standpunkt der Bahn bisher: Das geht super – Stuttgart 21 sei gar eine „wesentliche Voraussetzung“ für den Deutschland-Takt. Kritiker spotten: Klar, und das Nadelöhr ist wesentliche Voraussetzung für die Bewegungsfreiheit des Kamels.

Dieter Reicherter aus Althütte – pensionierter Strafrichter, S-21-Gegner, seit ihm der „Schwarze Donnerstag“ zum „Erweckungserlebnis“ wurde – präzisiert: In Stuttgart laufen 14 Linien zusammen. Wie soll hier der Deutschland-Takt flutschen, bei nur acht Gleisen? Auf jedes zwei Züge hintereinander packen? Das scheitert teils schon an den Zug-Längen. Zur Erinnerung: Der alte Kopfbahnhof hat 16 Gleise.

Und wie geht’s weiter? Die Rollator-Perspektive

Carola Eckstein prophezeit: S 21 „wird nie zu einem benutzbaren Bahnhof“. Den Brandschutz kriege man schon beim Flughafen BER partout nicht in den Griff – und die Herausforderungen dort seien „wirklich Kindergarten“ im Vergleich zu den Tücken, die ein Tunnelkomplex birgt.

Auch Dieter Reicherter glaubt, dass S 21 die „Betriebserlaubnis“ womöglich nie in vollem Umfang „bekommen wird, weil so viele Dinge ungelöst sind“. Allein die Gleisneigung: Das Gefälle im Tiefbahnhof beträgt rekordverdächtige 15 Promille; also anderthalb Meter pro 100 Meter Bahnsteig-Länge. Die Schienen verlaufen sechsmal so abschüssig, wie der Sollwert fordert.

Der fünfhundertste Protest-Montag ...  wird es auch einen tausendsten geben? Nicken in der Runde. „Wir sind uns ziemlich einig, dass es nicht ausgeschlossen ist.“ Das wäre im Jahr 2030, „wir gehen dann auf die 80 zu“, spricht Ebbe Kögel für die Männer n der Runde – auf die Yburg-Mauern wird in zehn Jahren wohl keiner von ihnen mehr kraxeln. Aber „mit Rollator“ zur Montagsdemo? Ein realistisches Ziel.


Die 500. Montagsdemo: 3. Februar, 18 Uhr, Hauptbahnhof Stuttgart. Es sprechen unter anderem die Verkehrswissenschaftler Prof. Heiner Monheim und Prof. Hermann Knoflacher.

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