Rems-Murr-Kreis Alkohol am Steuer: Wann geht es zur MPU?

Das Verhalten dieses Autofahrers kann üble Konsequenzen nach sich ziehen. Foto: fotolia/ Burbun Ilya

Backnang. Mit nahezu zwei Promille im Blut mit dem Auto gefahren und einen Unfall verursacht, und das am Sonntagvormittag: Der 60-jährige Unfallfahrer ist nur einer von mindestens vier Menschen, die am Wochenende im Rems-Murr-Kreis mit Alkohol im Blut hinter dem Steuer saßen. Allen wurde der Führerschein entzogen, sie müssen wohl auch zur MPU. Was es damit auf sich hat.

390 Verkehrsunfälle unter Alkoholeinwirkung mit acht tödlich Verunglückten im Jahr 2017 weist die Statistik des Polizeipräsidiums Aalens aus. Doch die Dunkelziffer der Betrunkenen am Steuer ist ungleich höher. „Es gibt ja Untersuchungen, die davon ausgehen, dass ein Mensch durchschnittlich 500-mal in seinem Leben alkoholisiert Auto fährt“, sagt Dr. Matthias Wilke, Fachbereichsleiter der Suchtkrankenhilfe beim Kreisdiakonieverband in Waiblingen. „Auf viele mag das freilich nicht zutreffen.“ Die Verharmlosung des eigenen Fehlverhaltens und die mangelnde Einsicht eigener Verantwortungslosigkeit seien indes der „beste“ Weg, eine folgende Medizinisch-Psychologische Untersuchung nicht zu bestehen, sagt Wilke.

Wann eine MPU angeordnet wird

Ab 1,6 Promille: „Wird jemand zum ersten Mal mit Alkohol am Steuer auffällig und hat mindestens 1,6 Promille, wird der Führerschein entzogen und eine MPU angeordnet“, erläutert die Psychologin Libuse Foltys, die seit rund 20 Jahren MPU-Vorbereitungsseminare unter dem Dach des Kreisdiakonieverbandes in Waiblingen leitet.

Ab 1,1 Promille: „Die Fahrerlaubnis ist jedoch auch schon ab 1,1 Promille am Steuer weg, ab da ist es eine Straftat“, ergänzt der Verkehrspsychologe Harald Huber, Inhaber der privaten Beratungsfirma MPU Rems-Murr mit Büros in Waiblingen und Schorndorf, die ebenso bei der MPU-Vorbereitung hilft. „Es obliegt dann der Führerscheinstelle, ob sie bei Beantragung der Neuerstellung einer Fahrerlaubnis eine MPU anordnet oder nicht“. In Wiederholungsfällen oder wenn der Verdacht auf Alkoholmissbrauch besteht, ist eine MPU die Regel. „Zum Beispiel besteht der dringende Verdacht auf ein ungesundes Verhältnis zum Alkohol, wenn jemand am helllichten Tag hohe Promillewerte hatte“, sagt Huber.

0,5 bis 1,09 Promille: Mit zwischen 0,5 und 1,09 Promille bewegen sich betrunkene Autofahrer im Bereich der Ordnungswidrigkeit. „Gewöhnlich werden dann eine Geldstrafe und nur der temporäre Entzug der Fahrerlaubnis eintreten, wenn es sich nicht um Wiederholungstäter handelt“, sagt Huber. Fazit: einen bis drei Monate ohne Fahrerlaubnis, aber keine MPU.

Warum die Vorbereitung auf die MPU so wichtig ist

„Den meisten, die zur MPU müssen, fehlt leider das Problembewusstsein“, sagt Libuse Foltys. „Wir bemühen uns, dass sie während des mehrteiligen Vorbereitungsseminars und in mehreren Einzelgesprächen dieses Problembewusstsein bei sich entwickeln.“ Wer sich nicht vor der MPU intensiv mit seinem Alkoholkonsum auseinandergesetzt hat, Fragen zur Häufigkeit und zu den Gründen seines Trinkverhaltens beantworten kann, der falle garantiert durch. „Es ist daher ratsam, sobald der Führerschein entzogen und die MPU angeordnet wurde, dass sich die Leute sofort melden.“

Viele wüssten gar nicht, was bei der MPU auf sie zukommt und dass man zum Beispiel in der Regel auch einjährige Abstinenznachweise braucht. „Das läuft meist über ein regelmäßiges Urin-Screening“, so Soltys. „Es gibt Leute, die fallen aus allen Wolken, weil sie zu spät, kurz vor der MPU, zu uns kommen. Ja, warum hat uns denn das niemand gesagt!? Die Führerscheinstelle ist nicht verpflichtet, darüber zu informieren.“ Sinnvoll sei bei hohen Promille-Werten freilich auch die Teilnahme an Motivationsgruppen und Selbsthilfegruppen.

Fallzahlen der Führerscheinstelle im Landratsamt

2017 hat die Führerscheinstelle im Landratsamt nach offiziellen Angaben in 347 Fällen Führerscheine entzogen wegen Straftatbeständen wie Trunkenheit am Steuer ab 1,1 Promille, grob fahrlässiger oder vorsätzlich erhöhter Geschwindigkeit, die zu Unfällen mit Personenschaden führten, und dergleichen. In 124 Fällen hat die Fahrerlaubnisbehörde sogenannte „Verwaltungsentzüge“ von Führerscheinen angeordnet nach Trunkenheitsfahrten mit bis zu 1,1 Promille, wenn jemand 8 Punkte in Flensburg angehäuft hatte oder auch bei älteren Fahrern, die wegen einer mutmaßlichen Verkehrsuntüchtigkeit auffällig geworden sind.

Info

Seminare zur MPU-Vorbereitung bieten zum Beispiel an: der Kreisdiakonieverband 07151/95919-112 oder 07181/482960 oder private Anbieter wie MPU Rems-Murr 07151/2569272 oder 07181/4070245.

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