Rems-Murr-Kreis Als Wölfe noch Kinder fraßen

Wolf Symbolbild. Foto: Pixabay / CC0 Creative Commons

Waiblingen. Wölfe sind Raubtiere, aber vorsichtig und deshalb für den Menschen gemeinhin ungefährlich, betont der Nabu-Wolfsbeauftragte und Grünen-Landtagsabgeordnete Dr. Markus Rösler. Es gab aber eine Zeit, in der sie noch zahlreich in Württemberg vorkamen, gnadenlos bejagt wurden, aber hin und wieder auch Menschen anfielen und Kinder ihnen zum Opfer fielen. So auch im Rems-Murr-Kreis. „Das waren Einzelfälle in anderen Zeiten. Andere Umstände“, sagt Rösler.

Zu gefährlich und unzumutbar wegen der vielen Wölfe, die sich in den Klingen und Wäldern wie auch in den Kriegsruinen, insbesondere in und um Kleinhegnach herumtreiben – so lautete im Jahr 1653 die Begründung für die Weigerung der Hegnacher, ihre Kinder in Neustadt zur Schule zu schicken und an die Neustädter Pfarrei angegliedert zu werden. „Den Hegnachern wurde daraufhin erlaubt, wie bisher die Predigt und Schule in dem im Wiederaufbau begriffenen Waiblingen zu besuchen“, schrieb Joachim Peterke in seiner Hegnacher Chronik.

Ganz öde und zerstört liegt Kleinhegnach noch im Jahre 1668 da und darin „derzeit die Wölfe gemeiniglich hausen“, heißt es in einer zeitgenössischen Schrift. „Die Wölfe hatten sich während des langen Krieges (des 30-jährigen Krieges, 1618–1648) sehr stark ausgebreitet und wagten sich selbst in bevölkerte Ortschaften“, schrieb der Neustädter Ortschronist Emil Dietz. Noch im Sommer 1655 habe ein Wolf in Strümpfelbach einen dreijährigen Knaben aus dem Dorf weg ins Feld geholt.

Oberamtsbeschreibung: „Kind bis auf den Kopf gefressen“

In den durch den Krieg geschundenen Remstäler Ortschaften waren viele Häuser und Gebäude leer stehende Ruinen, „und nachts heulten hungrige Wölfe durch die menschenleeren Gassen, so daß sich kaum jemand noch hinauswagen konnte“, so Peterke. „In der Verödung des Krieges nahm die alte Landplage der Wölfe (...) selbst im Sommer gefährlich überhand. So zerreißt im August 1649 in Obertürkheim ein Wolf ein dreijähriges Kind und verzehrt es bis auf das Haupt; im Juli 1650 schleppt ebendaselbst ein Wolf einen kleinen Knaben vom Haus weg vor das Dorf, wo ein Weib ihm das Kind wieder abjagt“, steht in der Cannstatter Oberamtsbeschreibung von 1895, mit Bezug zu Archivinformationen, die nicht geprüft werden konnten.

Deshalb gibt der Nabu-Wolfsbeauftragte Dr. Markus Rösler zu Bedenken: „Wie sicher ist die Seriosität einer Quelle aus dem Jahr 1895 über einen Vorfall im Jahr 1649? Wir wissen, dass bei Berichten über Wölfe häufig massiv übertrieben wurde.“

Glaubt man den Ortschroniken so muss es winters in jenen Jahren besonders gefährlich gewesen sein. Noch bis in die 1650er trauten sich die Leute mitunter nicht hinaus, weil Räuber und Soldateska noch umherstreiften, aber auch „wegen Raubtieren wie Wölfen, die sich auf eine Art wehrten, daß besonders zur Winterzeit weder Menschen noch Vieh vor ihnen sicher waren und der Verkehr große Störungen erfuhr“, hielt der Waiblinger Chronist Wilhelm Glässner fest.

Der Historiker Prof. Gerhard Fritz bestätigt: Noch Jahrzehnte nach dem 30-jährigen Krieg habe es ein ernsthaftes Wolfsproblem im Herzogtum Württemberg gegeben. „Selbst in den Ortschaften trauten sich die Menschen nachts nicht mehr raus vor die Tür. Wo der Mensch verschwindet, holt sich die Natur alles wieder zurück. Es gab menschenleere Ortschaften. Die Gehöfte und Weiler waren meist eh ruiniert. Wölfe konnten umherstreifen.“

1639 bis 1678 wurden in Württemberg 4000 Wölfe getötet

Bis 1655 hatte jeder Förster qua herzöglicher Anordnung „jährlich zwei Wölfe zu erlegen gehabt, und lange Jahre mussten die Männer zu Wolfsjagden aufgeboten werden“, schrieb Emil Dietz. In Hegnach wurde der letzte Wolf zum Beispiel 1681 geschossen. Und noch „1688 gingen die Neustädter Bauern zu einer solchen Jagd im Welzheimer Wald.“

1639 bis 1678 wurden von württembergischen Jägern und Forstknechten sage und schreibe rund 4000 Wölfe erlegt. „Gewiß darf man hierzu noch eine stattliche Anzahl rechnen, die von der bedrohten Landbevölkerung eingefangen und getötet wurde“, so Dieter Müller vom Stuttgarter Landesamt für Denkmalpflege in einem wissenschaftlichen Beitrag über die Wolfsjagd und Wolfsgruben in alter Zeit.

1695 und 1697 erschienen die ersten an Rotkäppchen gemahnenden Geschichten des Franzosen Charles Perrault. Die Gebrüder Grimm veröffentlichten ihr Märchen 1812. Im selben Kinder- und Hausmärchenbuch fand sich von da an auch „Der Wolf und die sieben Geißlein“.

Mitte des 19. Jahrhunderts war Westeuropa nahezu wolfsfrei

Bis Ende des 18. Jahrhunderts war in Süddeutschland der Wolf nahezu ausgerottet. In Bayern wurde der letzte Wolf 1863 getötet, in Baden-Württemberg wurden die letzten beiden Wölfe 1847 im Gebiet zwischen Cleebronn, Bönnigheim und Sachsenheim (hier befindet sich bis heute ein „Wolfsstein“) sowie 1865 in Neudenau bei Heilbronn erlegt. Mitte des 19. Jahrhunderts waren West- und Mitteleuropa weitestgehend „wolfsfrei“.

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