Rems-Murr-Kreis Darum durfte niemand den Regionalzug in Waiblingen verlassen

Dieser Höhenunterschied zwischen Zug und Bahnsteigkante ist gerade noch zulässig. Wenn der Regionalzug RB 13 aber fälschlicherweise an einem S-Bahnsteig hält, darf der Triebfahrzeugführer die Türen nicht öffnen und muss weiterfahren. Foto: ZVW/Joachim Mogck

Rems-Murr-Kreis.
Kapitel um Kapitel füllt sich unser Bestseller über die seltsamen Begebenheiten in den Regionalzügen der Remsbahn. Am Dienstagvormittag wurde ein weiteres geschrieben: Ein Regionalzug aus Schorndorf ist am Waiblinger Bahnhof aus Versehen auf dem falschen Gleis gelandet, der Lokführer konnte die Türen nicht öffnen und musste unverrichteter Dinge weiterfahren. Die schätzungsweise 60 bis 80 Fahrgäste, die in Waiblingen aussteigen wollten, fuhren mit, stiegen in Bad Cannstatt in eine S-Bahn ein und fuhren zurück nach Waiblingen, wie ein Fahrgast uns berichtete. Der Schorndorfer trägt derartige Eskapaden bei S-Bahnen und Regionalzügen auf seinen täglichen Wegen von und in Arbeit inzwischen mit Gelassenheit.

Aus Versehen falsches Gleis

Was war geschehen? Aus Versehen war der Zug auf Gleis 5 gelandet. Doch der ist viel zu hoch für einen Regionalzug. Wieso der Zug statt auf dem vorgesehenen Gleis 6 auf Gleis 5 einlief, ist nicht Sache des Zugbetreibers Go-Ahead, erklärte Pressesprecher Erik Bethkenhagen auf Anfrage: „Solche Fehlleitungen werden von der Fahrdienstleitung seitens DB Netz vorgenommen, darauf haben wir keinen Einfluss.“

Verschiedene Bahnsteighöhen

Bethkenhagen betont: „Unser Triebfahrzeugführer hat genau richtig und regelwerkskonform gehandelt.“ Wenn die Bahnsteighöhe nicht den sicherheitsrelevanten Anforderungen entspreche, dürfe der Triebfahrzeugführer die Türen nicht freigeben und müsse den nächsten Bahnhof anfahren.

Der Zugverkehr in Deutschland plagt sich historisch bedingt mit unterschiedlichen Bahnsteighöhen herum. Die Bahnsteige im Fernverkehr sind in der Regel – aber nicht überall – 76 Zentimeter hoch, im Regionalverkehr sind 55 Zentimeter üblich und bei den S-Bahnen 96 Zentimeter. Die S-Bahnsteige sind also viel zu hoch für ICE oder Regionalzüge. Wie Go-Ahead erläutert, betragen im öffentlichen Raum nach TSI PRM Vorgabe die Höhendifferenzen, die ohne Hilfe zumutbar sind, 16 Zentimeter vom Bahnsteig nach unten in das Fahrzeug beziehungsweise 23 Zentimeter vom Bahnsteig nach oben in das Fahrzeug. „Aus unserer Sicht als Betreiber sind Bahnsteighöhen von 55 als auch 76 Zentimeter normkonform und unkritisch.“

Diese Höhe ist nicht zu bewältigen

Die Go-Ahead-Züge haben eine Einstiegshöhe von 50 Zentimeter, bei einer Bahnsteighöhe von 55 Zentimeter können zum Beispiel Rollstuhlfahrer einfach über den Spaltüberbrücker in den Zug einsteigen. Bei einer Bahnsteighöhe von 76 Zentimeter müsse ein Kundenbetreuer mit einer Rampe unterstützen. 96 Zentimeter wie beim S-Bahn-Gleis 5 in Waiblingen sind nicht zu bewältigen und haben am Dienstag für die Verwirrung gesorgt.

Störungen – und kein Ende

Dieser Ärger fügt sich nahtlos in die unendliche Geschichte von ausgefallenen, verspäteten oder überfüllten Regionalzügen ein, von Stellwerksstörungen und Schienenersatzverkehr, von fehlendem Personal und zu spät oder gar nicht gelieferten Zügen seitens der Hersteller ... Erst kürzlich musste ein Lokführer in Bad Cannstatt einen Teil seiner Fahrgäste bitten, den Zug bitteschön wieder zu verlassen. „Die Gewichtssensoren des Zuges zeigen an, dass im vorderen Wagen zu viele Fahrgäste sind“, hieß es in der Durchsage: „Bitte steigen Sie in den hinteren Wagenteil um.“

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